Zeitung Heute : Die Bibel im Klo

Von Martin Kilian

-

Washington? Weit weg, nur mit Mühe fällt mir der Name des weißen Hauses ein, in dem der Präsident – welcher Präsident denn? – wohnt.

Ich schreibe heute aus dem Süden, vom Fuß der Blauen Berge in South Carolina, den Computer auf den Knien und in Begleitung meines Freundes Craig Unger, eines New Yorker Journalisten, der den Süden nur aus dem Film „Vom Winde Verweht“ sowie den Songs der Allman Brothers kennt und nicht wenig erstaunt war, dass die Leute in South Carolina mit Messer und Gabel essen.

Ah, der Süden, diese Wonne, an der Leib und Seele gesunden, wenngleich Craigs Nachtruhe nach dem Verzehr bodenständiger Barbecue-Rippchen schwer gelitten hatte. Fast hätte er mir zudem meine Interviews ruiniert. Kaum hatten die Einheimischen „New York“ gehört und „Vanity Fair“, eine berühmte Zeitschrift mit lasziven Fotos, für die Craig ein Stück über konservative Christen und den Weltuntergang schreibt, wollten sie uns beide ausladen.

Nun aber rasten wir in Pumpkintown, das aus einem Laden und mindestens zehn Baptistenkirchen besteht, und überlegen, was wohl hierzulande geschähe, wenn eine Zeitschrift in Wasiristan berichtete, islamische Fundis hätten Bibeln zum Klo hinunter gespült. Geradeso wie jener Koran, der laut Nachrichtenmagazin „Newsweek“ in Guantánamo zum Klo hinuntergespült wurde. „Newsweek“ gab zwar kurz darauf bekannt, es habe sich hierbei um eine Falschmeldung gehandelt – allerdings zu spät, um muslimische Proteste zu verhindern, bei denen 17 Menschen starben.

In und um Pumpkintown brächen vielleicht ebenfalls Unruhen aus, wenn ein rabiater Islamist in Wasiristan die Bibel in die Toilette befördert hätte. Denn Jesus ist überall präsent, in der Stadt Greenville unweit Pumpkintowns bietet ein christliches Geschäft sogar „biblische Lösungen für den Alltag“ an.

Craig hatte keine Ahnung, dass er damit seinen vertrackten Alltag in Manhattan bewältigen könnte, was nicht weiter verwunderlich ist: Das „blaue“ Amerika, das der Demokraten also, hat zumeist keinen blassen Dunst, woher der Wind weht im „roten“ Amerika.

Weshalb ich Craig am Pfingstsonntag gleich zwei Mal zum Gottesdienst schleppte, zuerst in eine Baptistenkirche, wo uns schmucklose Austerität im Stile Calvins sowie ein Angst erregender Gott empfingen. Auch sang zur spirituellen Erbauung ein eher betulicher Chor, nichts swingte, nichts wollte in die Beine fahren.

Kaum hatte der Pastor ausgepredigt, brausten wir deshalb von den Baptisten zu einer Pfingstler-Zusammenkunft – und siehe da: 4000 Gläubige, weiß und schwarz und Latino, vereint in harmonischer Anbetung und ekstatischer Verzückung, die Arme gen Himmel gereckt, dazu tanzende Platzanweiserinnen mitsamt einer freundlichen Dame, die Papiertücher reichte, damit man sich Tränen und Schweiß abwischen konnte. Als Dirigent dieser wunderbaren Veranstaltung fungierte ein junger und charismatischer Pastor, der den Titel „Apostel“ trug. Gott liebe uns, hieß es hier.

Außerdem liebt Gott knallige Musik. Denn neben dem „Apostel“ lauerte eine hinreißende Band, gepowert von einem monströsen Schlagzeug, das jeder Heavy-Metal-Combo zur Ehre gereicht hätte. Bald rumste es gewaltig und voll elektrifiziert zur Ehre Gottes, worauf die Gemeinde erst recht in Fahrt geriet.

An die Seele rührte der Aufruhr, doch Craig, der vor nichts Ehrfurcht hat, fiel leider unangenehm auf, weil er widerrechtlich Fotos gemacht und damit, so ein freundlicher Aufpasser, gegen die „medialen Verwertungsrechte des Apostels“ verstoßen hatte.

Derart intensiv verbrachten wir den Pfingstsonntag in und um Pumpkintown, ehe wir des Abends in einem Straßencafé keinen Tequila erhielten, weil die Christen in diesem Teil South Carolinas unter freiem Himmel keinen Schnaps, sondern nur Wein und Bier erlauben. Obschon Letzteres ebenfalls zu Trunkenheit führen kann!

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar