Zeitung Heute : Die Bilder von Solentiname

Franz Lerchenmüller

Still ruht Cocibolca, das "Heilige Wasser", der Nicaragua-See. Die steinernen Krokodile schlafen, und das ist gut so. Denn wenn sie plötzlich aufschnellen, Feuer spucken, zupacken, dann verschlingen sie die Menschen. Dann bebt die Erde und die 36 Inseln im Archipel von Solentiname versinken im See.

So glaubten jedenfalls die Ureinwohner Nicaraguas, Indigenas, die aus Nord- und Südamerika kommend sich hier trafen und niederließen. Von hier oben, auf dem Hügel Reconciliación auf Mancarrón, geht der Blick weit über die flachen, grünüberwucherten Eilande draußen, die tatsächlich an träge lauernde Alligatorenköpfe erinnern. 15 von ihnen sind bewohnt, rund 700 Menschen leben im gesamten Inselreich. "Mar dulce", Süßwassermeer nannten die Spanier den See, auf dessen 8200 Quadratkilometern Fläche die des Bodensees 15 mal Platz finden würde. Ein Meer, in dem die Fischer tatsächlich Sägefische und gelegentlich sogar noch einen Hai erbeuten.

Hier oben, ganz nah am Himmel, begruben die Nahuas die ihnen wichtigsten Menschen. Sie stellten Steine auf und ritzten grobfurchige Bilder hinein, Lebensspiralen, Affenköpfe, Augenhöhlen. Wer heute, rund 1500 Jahre später, die Hand über die runden Felsen gleiten lässt, die der Dschungel längst überwuchert hat, den überläuft ein eigenartiger Schauder: ein Gefühl von Dauer und Vergänglichkeit zugleich.

Doch jetzt geht die Sonne auf: Wie Ströme von Honig fließt goldenes Licht in die Buchten, handtellergroße Schmetterlinge taumeln zwischen den Waldbananenstauden, ein Guis, ganz gelb-schwarzer Federball, landet schwirrend auf einer jener stachligen Coyol-Palmen, die der Insel ihren indianischen Namen gaben.

Unten, im Hotel Mancarrón, wartet das Frühstück: Frischgepresster Maracujasaft, Rührei, warme Brötchen und Kaffee. Manuel, der zurückhaltende ältere Herr mit den distinguierten Manieren, der das alles zubereitet, ist "einer von ihnen". Einer der Inselbewohner, die Ernesto Cardenal in seinem Buch "Das Evangelium der Bauern von Solentiname" weltberühmt gemacht hat. Mitte der sechziger Jahre gründete der Priester und Dichter, Sohn einer wohlhabenden Familie in Managua, auf Mancarrón eine Kooperative. Aber er predigte nicht nur das Evangelium, sondern auch den Widerstand gegen das Somoza-Regime. Und die Jugendlichen auf den Inseln hörten aufmerksam zu: In der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober 1977 ruderte eine kleine Schar von ihnen acht Stunden lang über den See, überfiel mit ein paar alten Kalaschnikows die Kaserne der "Guardia" im Provinzstädtchen San Carlos und vertrieb die Besatzung. Der erste Beweis, dass Somozas Militärs keineswegs unbesiegbar waren. Und damit das Fanal zum Auftakt des Befreiungskampfes, der am 19. Juli 1979 mit dem Einzug der Sandinisten in Managua endete.

Es war Nicaraguas heroische Epoche: Marxisten wie Christen aus aller Welt schlossen das revolutionäre Bauernland in ihr Herz. Auch auf Solentiname trudelten Spenden, Freundschaftsadressen und Solidaritätsgruppen ein. Deutsche Gemeinden unterstützten den Aufbau einer Kirche, die Gewerkschaften bauten eine Bauernschule und stellten eine Möbel- und Spielzeugfabrik hin, Geldgeber aus Österreich besorgten Boote für den Transport. Das alles ist Geschichte, Stoff für schon viel zu oft erzählte, inzwischen bittere Geschichten. Denn ein Gang über die Insel zeigt: Nichts ist geblieben. Das eine Schiff rostet leckgeschlagen am Ufer vor sich hin, das andere nutzt der Verwalter einer Avocado-Plantage, die Cardenal gehört, als Transportmittel für seine Firma. Die Kirche ist geschlossen, durch die Hallen der ehemaligen Fabrik geht der Wind und der Dschungel streckt seine Fühler in die Fensterhöhlen. Die Maschinen sind weg, die ganze Ausrüstung wurde kürzlich verkauft, wohin, weiß niemand, wo das Geld geblieben ist, ebensowenig. Cardenal, sagt man. Auf den späteren Kulturminister und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der die Inseln schon vor Ausbruch der Kämpfe verlassen hatte, ist niemand mehr gut zu sprechen: weder seine einstigen sandinistischen Kampfgefährten, noch die einfachen Leute.

Denn als 1990 die Sandinisten die Wahl verloren, veranstalteten sie in den zwei Monaten bis zur Machtübergabe das, was treffend "Pinata" genannt wurde. Es ist ein Spiel, bei dem Kinder eine Puppe aus Pappmaché zerschlagen, worauf sich ein Strom von Geschenken und Süßigkeiten über sie ergießt. Auch die Sandinisten gestatteten sich eine Bescherung: Verdienten und auch einfach nur mächtigen Compañeros wurden zehn Jahre zuvor enteignete Grundstücke, Immobilien oder Firmen aus Staatsbesitz zugeteilt. Es wurde gemauschelt und verschoben, es gab ein Hauen und Stechen, und glaubt man den Leuten, erwiesen sich dabei vor allem Ernesto Cardenal, Nicaraguas einstiger Vorzeigerevolutionär im Ausland, und seine Strohleute als "rücksichtslose Abgreifer".

Nubia Garcia, ehedem die einzige Frau aus San Carlos beim Angriff auf die Kaserne, trotzte ihnen 35 Hektar Grund und Boden ab. Auf den Fundamenten der fehlgeplanten und längst nicht mehr genutzten Bauernschule erbaute sie das Hotel Mancarrón, das sie heute zusammen mit ihrem deutschen Mann Immanuel Zerger betreibt: Einfache, saubere Zimmer mit Dusche in kleinen Bungalows inmitten einer gepflegten Gartenanlage, ein luftiger Speisesaal, Schaukelstühle unter Sonnendächern, und den Strom liefert ein eigener Dieselgenerator. Ein tropisches Schmuckstück. Pfade führen von hier aus über die Insel, Straßen und Autos gibt es nicht.

Zahlungskräftige Touristen sollen die wohlwollenden Soli-Besucher von einst ablösen, richtige Geschäfte statt einseitiger Almosen - das ist heute, notgedrungen, die Devise ganz Nicaraguas. Denn der von den USA auch mit viel Geld unterstützte Konflikt der Contras mit den Sandinisten hatte ein ausgeblutetes Land hinterlassen, die Politik der vergangenen zehn Jahre hat das Elend der Massen verschärft. Nicaragua heute - das ist das nach Haiti zweitärmste Land Amerikas. Die Arbeitslosigkeit beträgt über 60 Prozent, die Auflagen, die der Internationale Währungsfond an die Gewährung von Krediten knüpft, treffen wie immer die Armen: Löhne stagnieren, Grundnahrungsmittel werden frei auf dem Markt gehandelt, Geld für Schulen und Gesundheitsfürsorge wird gestrichen. Die Analphabetenrate, unter den Sandinisten auf zwölf Prozent gesunken, schnellt nach oben: Schon kann wieder jeder Dritte weder lesen noch schreiben.

Bleibt der Strohhalm, nach dem alle Habenichtse dieser Welt greifen: Tourismus! Schließlich hat das größte Land Mittelamerikas einiges vorzuweisen, was Touristenaugen leuchten lässt: 352 Kilometer Küste am Pazifik, 541 Kilometer in der Karibik, der Großteil davon noch weitgehend ungenutzt, dazu Inseln, Korallenriffe, zwei große Seen - der Slogan vom "Wasserparadies Nicaragua" kommt nicht von ungefähr. Und da ist mehr: 40 Vulkane, von denen acht aktiv sind. Unberührte Regen- und Nebelwälder. Alte Feste und neue Festivals wie die "Noches de la Serenata". Schöne Kolonialstädte wie Leon oder das von seinen vermögenden Bewohnern inzwischen wieder sorgsam herausgeputzte Granada. Ein Überfluss an Vögeln, Fischen und Pflanzen.

Der Einstieg in den Fremdenverkehr ließ sich gar nicht schlecht an: Von 1990 bis 1998 stieg die Zahl der Besucherinnen und Besucher um 500 Prozent auf über 400 000, die meisten von ihnen aus den Nachbarländern. Der Tourismus wurde hinter dem Kaffee zur zweitwichtigsten Devisenquelle - bis "Mitch" kam. Der Hurrikan im November 1998 tötete nicht nur 2000 Menschen und zerstörte unzählige Felder und Häuser, vor allem im Grenzgebiet zu Honduras und im Golf von Fonseca, sondern zog auch Buchungsabsagen im Wert von zweieinhalb Millionen US-Dollar nach sich. Ein schwerer Rückschlag für eine Branche, die ohnehin in den Kinderschuhen steckt.

Denn es fehlt, trotz aller Fortschritte, an Verkehrsverbindungen, Unterkünften, Veranstaltungsprogrammen - mit anderen Worten: an Kapital und Know-How. Wer aber investiert schon in ein Land, in dem etwa, was die Besitzverhältnisse an Grund und Boden angeht, genauso viel Rechtsunsicherheit herrscht wie in Ostdeutschland nach der Wende - wenn ihn nicht großzügige Präsente locken? Aus diesem Grund verabschiedete das Parlament 1999 das Gesetz Nummer 306, "Zur Ankurbelung des Tourimus", das der Entwicklung der "Weißen Industrie" hohe Priorität einräumt und für Investoren umfangreiche Steuerbefreiungen vorsieht. Beschlossen wurde es mit den Stimmen der Regierung und der sandinistischen Opposition gleichermaßen. Das "dritte", das demokratische Nicaragua hat seine Lektion gelernt: Wer dem Kapital nicht den roten Teppich ausrollt, den lässt es links liegen. Die Konkurrenz auf dem "Markt der Destinationen" ist gewaltig.

In Solentiname herrscht mittlerweile touristischer Alltag. Ein paar Besucher brechen zu einer Bootstour in das Sumpfgebiet Los Guatuzos auf, um Affen, Krokodile, Faultiere und Tucane zu beobachten, die anderen reiten unter einem platschenden Tropenregen über die Hügel. Nach dem Schwimmen im See gönnen sie sich eine Piña Colada und genießen Manuels Fisch in Knoblauchsoße. Und sie schnuppern auf den Inseln eine Spur nicaraguanischen Alltags, lassen sich von der 74-jährigen Hebamme Natalia Seceira Cardenas erzählen, mit welch einfachen Mitteln sie 150 Kindern auf die Welt geholfen hat. Werden vom Fischer Manuel Madrigal über Santa Rosa geführt. Vier Familien mit 35 Menschen leben auf dem Eiland, das bequem in zehn Minuten zu queren ist. Zucker und Öl müssen sie kaufen, sagt der Chef selbstbewusst. Alles andere erzeugen sie selbst. Reis, Bohnen und Bananen wachsen auf den Feldern, Schweine grunzen und täglich einmal fahren die Männer hinaus, um die Netze auszulegen. Touristen braucht es da nicht.

Anders bei den Malerinnen und Schnitzern auf La Venada und San Fernando. Es war Ernesto Cardenal, der die künstlerische Begabung einiger Menschen auf Solentiname erkannte und den Profi-Maler Roger Perézz de la Rocha kommen ließ, um sie zu unterrichten. Seit über 25 Jahren schnitzen sie nun schon Vögel, Fische, Schildkröten und Gürteltiere aus Balsaholz, das direkt vor der Tür in drei Jahren zu einem brauchbaren Stamm heranwächst. Verkauft werden die fröhlich bunten Leichtgewichte in der Region oder in Dritte-Welt-Läden in Europa.

Und sie malen: Geduldig holen Rosa Pineda und Silvia Arellano ihre fertigen Werke hervor und veranstalten eine kleine Privatvernissage für die Gäste. Es sind Bilder in leuchtenden Acrylfarben mit großer Genauigkeit im Detail und viel Liebe zur heimischen Natur. Harmonische Idylle. Ja, bestätigen die Frauen mit ruhigem Stolz, es sind schöne Bilder. Mal arbeiten sie vierzehn Tage, dann wieder bis zu sechs Wochen an einem Gemälde, im Haus der Familie Jiménez malen oft fünf Personen gleichzeitig, jede in ihrer eigenen Ecke. Für Preise zwischen fünfzehn und hundert Dollar sind die naiven Kunststücke zu haben, ein Glücksfall für Liebhaber der Gattung, denn längst beliefern die rund 50 Mitglieder der "Union de pintores y artesanas de Solentiname" Galerien in Managua, sie haben inzwischen auf der ganzen Welt ausgestellt.

Eine bestimmte Art von Bildern malt freilich niemand mehr auf Solentiname: Jesus als Guerillero, Sandinisten in Uniform unter tropischen Blüten, ein Priester mit weißem Rauschebart, der aufmerksame Zuhörer um sich schart. Die Revolution von Nicaragua ist Geschichte. Ihre Bilder sind verblasst. Nicaragua - buchbar bis 08.04.2001

Die Studienreise führt Sie durch drei Länder, drei Nationen und drei unterschiedliche Entwicklungen: Nicaragua, Land im Wiederaufbau, Costa Rica, Republik der Nationalparks, und Panama mit seinem weltberühmten Kanal und einer abenteuerlichen Kolonialgeschichte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar