Zeitung Heute : Die Bischöfe und der Paragraph

BERND ULRICH

Alles geht seinen bürokratischen Gang.Doch dann kam der Papst-Brief, der alles durcheinanderbrachte und die deutschen Bischöfe streng aufforderte, die Beratung zu überdenken.

Die müssen in dieser Woche entscheiden.Und wieder scheint alles so einfach zu sein: Wenn man einen Formelkompromiß fände, in der Beratung bliebe, aber die Mitverantwortung für Abtreibungen los würde.Die Kirche würde die Hilfe nicht allein jenen überlassen, die möglicherweise weniger intensiv zum Austragen eines Kindes raten.Wenn dann noch der Papst stillhielte, das wäre ideal: Das Gesetz bliebe unverändert, die Kirche würde - indirekter - einen Schein ausstellen.Aber vermutlich bliebe auch die Zahl der Abtreibungen bei 130 000.Nur krähte kein Hahn mehr danach.

Das jedenfalls wird der Papst befürchtet haben, als er eingriff, darum bringt er die Bischöfe jetzt so sehr in Gewissensnöte.Diese Bischofskonferenz ist auch Schauplatz seiner Anklage: Nicht die katholische Kirche ist verdreht, verrückt, pervers, sondern die Gesellschaft, in der sie lebt.Hat der Papst recht? Für manche Strenggläubige stellt sich diese Frage nicht, denn in ihren Augen ist jede Abtreibung Mord.Sie unterstellen allen Motiven Niedrigkeit, für sie zählen weder soziale Not noch Vergewaltigung.Doch solche Katholiken sind selbst in der Kirche eine Minderheit.Nur: Wie viele von den jährlich 130 000 Abtreibungen erfolgen bei uns tatsächlich aus sozialer Not oder wegen psychischer Extremsituationen? Darf es sein, daß in einem Land, in dem die übergroße Mehrheit in übergroßem Wohlstand lebt, achtzig Prozent der Abtreibungen als "soziale Indikation" deklariert werden?

1995, als die Reform des Paragraphen 218 beschlossen wurde, hat man zugleich jedem Kind das Recht auf einen Kindergartenplatz verschafft.Hat man etwa angenommen, es werde so viel abgetrieben, weil es so wenig Kindergärten gibt? Wieso bleiben dann die Zahlen konstant? Und ist Bremen, wo vier von zehn Schwangerschaften abgebrochen werden, ein soziales Notstandsgebiet? Nein, hierzulande wird zigtausendfach auch aus Fahrlässigkeit und Egoismus werdendes menschliches Leben getötet.

Der Papst glaubt, diesen Skandal nur anprangern zu können, wenn keine Scheine mehr ausgestellt werden.Bischof Lehmann dagegen fürchtet, dann würde sich die Kirche den Weg zur Hilfe versperren und selbst ausgrenzen.Damit hat er zur Zeit wahrscheinlich recht.Ein solcher Schritt würde nicht Nachdenklichkeit auslösen, sondern Kopfschütteln - und womöglich Erleichterung darüber, daß die Kirche in die innere Emigration geht und die Modernen und Pragmatischen endlich unter sich sein können.Darum müssen die deutschen Bischöfe klären, wie sie im Beratungssystem bleiben können, ohne den Skandal viel zu vieler Abtreibungen in den bürokratischen Abläufen verschwinden zu lassen.Bisher haben sie mitgemacht, und einige Bischöfe haben, wie zum Ausgleich, fundamentalistisch getönt, die Abtreibungen als Holocaust bezeichnet und verbalradikal gegen die Abtreibungspille gewettert.Man hat noch kein Maß und keinen Ton gefunden, um die Gesellschaft hier wachzurütteln.

Die Bischöfe müssen einen Kompromiß finden und der wird in jeder Hinsicht aus Papier sein.Doch das könnte erträglich werden, wenn nur die Kirche ihre öffentliches Erscheinungsbild des pragmatischen Fundamentalismus überwinden könnte.So oder so: Ein Ärgernis muß sie in der Abtreibungfrage bleiben.

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