Zeitung Heute : Die böse Diseuse

SUSANNA NIEDER

Martina Brandl reißt hin im Studio des Berliner Renaissancetheaters Die Diseuse ist schlechter Laune.Breitbeinig steht sie im Scheinwerferlicht, die Fäuste in die Hüften gestemmt, und mustert angewidert ihr Publikum.Sie sei sooo kurz vor der Menstruation, erklärt sie drohend, und zeigt den Abstand mit erhobenem Daumen und Zeigefinger.Damit wir uns gleich verstehen. Dann singt sie.Vom Warten auf den Richtigen, vom Leben mit dem Falschen und von ihrem Ex Bernd, der ihr neulich bei Ullrich am Zoo über den Weg gelaufen ist.Martina Brandl kann lächeln, daß einem das Blut in den Adern gefriert.Während sie mit den Augendeckeln klappert und das großzügige Dekolleté noch etwas weiter nach vorne kippt, gibt sie Gemeinheiten von sich, die Bernd den Atem verschlagen würde.Und der Saal biegt sich.Sie ist die Frau, die Männer blaß werden läßt.Sie ist laut und schräg und kann Zoten reißen wie ein Müllkutscher. Ihre Bewegungen sitze so präzis wie ihre Worte."Kommen müssen Sie selbst" ist Martina Brandls zweites Soloprogramm, und es beschränkt sich nicht auf das Thema Beziehungskisten.Sie singt von Döner mit Soße und vom dämlichen Groupie, besingt ihren sanftmütigen Pianisten Martin Rosengarten und fragt, warum, zum Donnerwetter, auf Berliner Varietébühnen eigentlich immer noch "Die Kleptomanin" von Friedrich Holländer gesungen wird.Sie persifliert Marlene und Marylin und macht auch nicht vor Peter Maffay halt. Martina Brandl kann sich das alles leisten, weil sie nie die Selbstironie verliert.Heikle Situationen überspielt sie so charmant, daß man nicht weiß, ob es Panne oder Absicht war.Und sie kann gelegentlich auch leise und behutsam sein.Mit dem Lied vom alten Mann, der nicht sterben soll, treibt sie der Kritikerin ganz unvermittelt Tränen in die Augen - um im nächsten Moment wieder auf den Putz zu hauen.Und so soll es ja schließlich sein beim Chansonabend einer Berliner Diseuse.SUSANNA NIEDERRenaissance Theater, Studio, heute 20 Uhr.

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