Zeitung Heute : „Die Bomben? Da lagen wir im Bett!“

Die Pet Shop Boys machen zusammen Musik, aber politisch sind sie sich selten einig. Wie sie den Terror in London erlebten und wie Pop den Faschismus bekämpfen kann.

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Die „Pet Shop Boys“ gelten als erfolgreichstes Duo der Popwelt. Neil Tennant (51, rechts) und Chris Lowe (49) wurden 1987 mit „West End Girls“ berühmt. Nun komponierten sie einen Soundtrack zum russischen Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ von 1925. Am 4. September treten sie damit live in Berlin auf. Beide leben in London.

Interview: Lars von Törne David Bowie, der aus London stammt und in New York lebt, sagte nach den Anschlägen vom 11. September, viele seiner amerikanischen Freunde stünden unter Schock und wollten aus der Stadt wegziehen. Er hingegen gab sich ziemlich gelassen. Sind Londoner cooler?

NEIL TENNANT: Ich glaube schon. Die Londoner haben seit den 70er Jahren lange Zeit mit den Bombenattentaten der IRA gelebt. Dadurch haben wir uns an die Gefahr gewöhnt. Allerdings gab es bei der IRA immer noch eine etwas größere Überlebenschance als jetzt bei den Anschlägen vom 7. Juli: Die IRA rief wenigstens fünf Minuten vorher an, um die Menschen zu warnen.

CHRIS LOWE: Ich habe persönlich ein paar Bomben hochgehen hören, in den späten 80ern und zuletzt 1993 in der Innenstadt.

TENNANT: Die große Angst war schon immer, dass eine Bombe in der U-Bahn explodiert. Ich erinnere mich an einen Tag in den 70ern, als ich als Redakteur für Marvel Comics arbeitete und mit der Picadilly-Linie auf dem Weg zur Arbeit war. Die U-Bahn hielt plötzlich im Tunnel an, weil in der Nähe eine Bombe hochgegangen war. Das war der pure Horror. Zum Glück waren wir aber nicht direkt betroffen, und irgendwann fuhr die U-Bahn weiter.

LOWE: Ich musste sogar mal nach einer Bombe suchen.

Wie bitte?

LOWE: In den 80er Jahren arbeitete ich bei Harrod’s in der Spielwarenabteilung, es war vor Weihnachten. Da kam eine verschlüsselte Nachricht, es gebe eine Bombenwarnung. Also mussten alle Mitarbeiter unauffällig die Regale absuchen, wo die Bombe versteckt sein könnte. Als die Mitteilung kam, war mein erster Reflex, aus dem Kaufhaus auf die Straße zu laufen. Aber dann suchte ich tatsächlich nach einer Bombe zwischen all dem niedlichen Kinderspielzeug – ohne etwas zu finden. Manchmal reagiert man in so einer Situation ganz anders, als man es sich vorher ausmalt. So ist es auch jetzt. Erst denkst du: Wenn so etwas wie an diesem Donnerstag passiert, wandere ich in die Schweiz aus. Aber dann passiert’s und man bleibt, wo man ist.

Noch heute, Jahre später, kann sich jeder erinnern, was er am 11. September 2001 gerade tat, als die Flugzeuge in die Türme rasten. Wie haben Sie den Morgen des 7. Juli in London erlebt?

LOWE: Was erwarten Sie? Wir sind Popstars – es war neun Uhr früh, wir lagen noch im Bett.

TENNANT: Ich wachte um die Zeit langsam auf. Dann schaltete ich mein Mobiltelefon an. Ich habe da so einen automatischen Nachrichtendienst eingestellt. Also bekam ich eine Nachricht, dass die U-Bahn wegen Stromausfalls nicht weiterfährt. Ich bin ins Wohnzimmer gegangen und habe gefrühstückt. Dabei gucke ich immer Fernsehen. Da stritten sie darum, wessen Schuld der Stromausfall war. Dann, um kurz nach neun, kam die Nachricht, dass es mehr als ein Stromausfall sein könnte. Ich war beunruhigt, aber ich hatte keine Panikgefühle oder so. Wir hatten ja schon lange befürchtet, dass wir eines Tages so einen Terroranschlag erleben – und jetzt war es so weit. Ich habe dann bei Chris angerufen, um zu hören, wie es ihm geht. Es war ein komisches Gefühl, aber irgendwie blieb ich ziemlich ruhig.

LOWE: Ich nicht. Ich dachte, das ist nur der Anfang von etwas ganz Großem, Schlimmen. Erst sprengen sie die U-Bahn und dann kommt die schmutzige Chemie-Bombe. Aber so ist das immer: Neil bleibt cool, während ich immer das Schlimmste erwarte.

Fahren Sie heute noch U-Bahn?

TENNANT: Ich fahre meistens Taxi. Aber wenn wir ins Studio gehen, das in Ost-London ist, dann nehme ich noch die U-Bahn von Sloane Square aus, weil es von meiner Wohnung im Westen einfach zu nervig und zu teuer mit dem Taxi wäre. Davon werde ich mich durch die Anschläge auch nicht abbringen lassen! Allerdings bin ich etwas klaustrophobisch: Ich würde also nie zu Stoßzeiten fahren, wenn es eng in der U-Bahn ist.

Einige linke Londoner Politiker ziehen eine direkte Verbindung vom britischen Engagement im Irak zu diesen Anschlägen. Sie waren im Vorfeld des Irakkrieges eine der wenigen Popbands, die nicht explizit gegen den Krieg waren…

LOWE: …wir waren tief gespalten! Ich war immer dagegen und glaube, der Krieg hat wahrscheinlich die Unterstützer der Terroristen gestärkt, nicht geschwächt.

TENNANT: Ich dagegen war sehr dafür, Saddam Hussein zu beseitigen, wegen der Menschenrechte, und weil er eine Bedrohung des ganzen Mittleren Ostens darstellte.

Dann müssten Sie ja heute ganz zufrieden sein, Mr. Tennant, nachdem Saddam im Gefängnis sitzt.

TENNANT: Nein. Ich hatte gedacht, die Amerikaner hätten einen klaren Plan, wie sie nach dem Krieg die Verhältnisse im Irak verbessern wollen. Das war leider nicht so. Das ist sehr desillusionierend. Heute sehe ich das ganze Unternehmen sehr kritisch.

LOWE: Ich hatte dich gewarnt.

TENNANT: Ja, ja. Aber ob es wirklich eine Verbindung gibt zwischen den Anschlägen und dem Irakkrieg, das ist schwer zu sagen. Noch wissen wir – anders als damals bei der IRA – ja nicht mal genau, was die Täter vom 7. Juli erreichen wollten. Und die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA fanden vor dem aktuellen Irakkrieg statt.

LOWE: Ja, aber die waren eine Reaktion auf das, was die US-Regierung in den Jahren davor gemacht hat! Auf den ersten Irakkrieg 1990, auf das militärische Engagement der USA in Saudi-Arabien und so weiter.

TENNANT: Ich habe da meine Zweifel.

Sie haben kürzlich den Soundtrack zum russischen Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ geschrieben, dort heißt es in einer Textzeile sehr skeptisch: „Wie konnte es passieren, dass wir in diesen Krieg gerieten, ohne uns zu fragen, worum es da eigentlich geht.“

TENNANT: Der Irakkrieg war ein Aspekt, der in die Musik einfloss und an den ich dachte, als ich den Text schrieb. Aber bei dem Projekt geht es uns nicht nur um Bezüge zu aktueller Politik, sondern um allgemeine Aussagen über den Kampf für Gerechtigkeit…

LOWE: …der Film handelt davon, wie man sich aus tyrannischer Unterdrückung befreit.

Sie sind Mainstream-Popper, die den Partysound der 90er geprägt haben. Wie kam’s, dass Sie die Musik für einen Propagandafilm von 1925 komponierten, in dem es um die Meuterei einer Kriegsschiffs-Besatzung gegen zaristische Offiziere geht?

TENNANT: Es war schlicht eine Herausforderung, die Musik für einen 73-Minuten-Film zu machen, die man hinterher live aufführen kann.

Und die politische Botschaft?

LOWE: Das kam später. Wir kannten den Film kaum, als wir dem Angebot des Londoner Kulturinstituts zustimmten, die Musik dafür zu machen. So arbeiten wir: Wir entscheiden uns spontan.

Etwas gewagt bei einem Film mit einer so eminent kommunistischen Botschaft.

TENNANT: So sehe ich das nicht. Für mich geht es in dem Film weniger um Kommunismus als um die Macht von Protest. Das ist eine Idee, für die ich große Sympathie habe. Protest ist in demokratischen Systemen ein sehr wichtiges Element. Margaret Thatchers Regierung zum Beispiel wurde 1990 zum großen Teil durch Proteste gegen eine neue Steuer zu Fall gebracht, die Poll Tax Riots. Oder denken Sie nur an die Proteste in Osteuropa in den späten 80er Jahren. Das für mich Attraktivste an „Panzerkreuzer Potemkin“ ist die Idee von Bruderschaft, diese romantische Idee, dass einer für den anderen einsteht. In diesem freiheitskämpferischen Sinne haben wir die Musik dazu geschrieben.

Joseph Goebbels war auch ein Bewunderer des Films. Er soll nach dem Kinobesuch 1926 gesagt haben: So einen wie Eisenstein brauchen wir auch.

TENNANT: Die Nazis haben dann ja auch ein paar Jahre später ihr Pendant zu Eisenstein gehabt: Leni Riefenstahl. Aber auch wenn es Ähnlichkeiten geben mag, sind doch beide sehr unterschiedlich. Propagandafilme wie die von Leni Riefenstahl, egal wie wunderschön sie gefilmt und montiert sind, glorifizieren eine bestimmte Politik und bestimmte Mythen, eben die der Nazis. Deswegen würden wir „Triumph des Willens“ nicht neu inszenieren. „Panzerkreuzer Potemkin“ hingegen ist nur quasi-historisch und hat eine sehr allgemeine Botschaft von Solidarität.

Der Film, ein cineastisches Meisterwerk, war in Deutschland lange verboten, und auch in Großbritannien konnte man ihn bis 1954 nur an ausgewählten Orten sehen, weil man befürchtete, er könne Umsturzversuche auslösen. Hat ein Film so viel Macht?

TENNANT: Ja, die hat er bis heute. Vielleicht nicht mehr im Westen. Aber wir haben zum Beispiel versucht, mit unserer Inszenierung des Films in den Iran zu gehen – das haben die Britische Botschaft und der British Council schon im Vorfeld strikt abgelehnt. Auch in Nordkorea oder auf dem Tiananmen-Platz in Peking werden wir den Film wohl kaum zeigen. Er muss noch eine gewisse revolutionäre Macht haben, wenn er Politiker nervös macht.

Hatten Sie selbst mal eine revolutionäre Phase?

LOWE: Ich nicht. In dem Alter, wo man sich revolutionär gebärdet, gehörte ich eher zu den jungen Konservativen, die Hippies mit ihren langen Haaren und all diese Studenten-Sit-Ins gehasst haben.

TENNANT: Ich war auf der anderen Seite. Obwohl ich nie ein Hippie war – ich hatte immer schon kurze Haare! Aber ich habe in den 70er Jahren Marx gelesen und mich für den Kommunismus interessiert. Ich habe damals regelmäßig die marxistische Zeitschrift „Socialist Worker“ gelesen. Einmal habe ich sogar gekämpft: Ich habe für einen Verlag gearbeitet, dessen neuer Besitzer uns rauswerfen wollte. Also besetzten wir unsere Büros für zweieinhalb Monate, gaben Interviews und waren im Fernsehen, alles sehr kämpferisch. Am Schluss wurden wir trotzdem entlassen. Aber das ist jetzt 25 Jahre her. Heute sind wir doppelt so alt und ein etablierter Teil des kapitalistischen Systems.

Sie sind beide homosexuell und engagieren sich gelegentlich für die Schwulenbewegung, Sie treten auf dem Gay Pride Day auf und haben Ihr Schwulsein in einem Musical verarbeitet. Haben Sie Ihr Coming- out im Großbritannien der 70er Jahre auch als revolutionäre Phase erlebt?

TENNANT: Das war eher unspektakulär. Es war einfach ein Teil meines Lebens. Als ich Teenager war, war es schon nicht mehr so ein Tabu wie vielleicht noch zehn Jahre vorher. Ich habe es zu jener Zeit allerdings nie mit meinen Eltern besprochen – aber nicht, weil ich schwul war, sondern weil es ein sexuelles Thema war. Und über Sex redete man in meiner Familie nicht.

LOWE: Als wir aufwuchsen, hatten andere in den frühen 70er Jahren schon den Boden bereitet, damit wir ein normales schwules Leben führen konnten. Es gab und gibt natürlich hin und wieder gewalttätige Übergriffe auf Schwule, auch habe ich in meiner Jugend einige willkürliche Polizeirazzien in Schwulen-Clubs erlebt, bei denen wir belästigt wurden, auch wenn Homosexualität schon legal war. Aber revolutionäre Energie brauchten wir nicht mehr aufzuwenden, um offen schwul zu sein.

TENNANT: Wir haben sowieso unsere Schwierigkeiten damit, uns als Teil der schwulen Gemeinschaft zu sehen. Das kann eher trennen als vereinen. Wenn man nicht aufpasst, bleibt man so in einem Ghetto am Rand der Gesellschaft stecken – aber wir wollten immer in den Mainstream und sehen uns als normaler Teil der britischen Gesellschaft, nicht als Teil einer „Community“. Ich mag es, wenn es muslimische Parlamentsabgeordnete gibt, schwule Regierungsmitglieder und niemand mehr in Communities lebt. Ich mag es, wenn „Do Ya Wanna Funk“ von Sylvester Nummer 1 in den Charts ist – ein schwuler Song, der von allen akzeptiert wird. Das hat viel mehr Kraft, als wenn man vom Rand der Gesellschaft aus etwas zu ändern versucht.

Der Songwriter Woody Guthrie hatte auf seiner Gitarre einen Sticker, auf dem stand: „Diese Maschine killt Faschisten.“ Ist Popmusik so einflussreich?

TENNANT: Ja, ich denke, Popmusik kann Faschismus bekämpfen.

Und wie?

TENNANT: Popmusik ist ein Ausdruck von extremem Individualismus. Gleichzeitig schafft sie eine Einheit unter den Menschen, die diese Musik mögen. Diese Kombination widerspricht der Idee vom totalitären System.

Welche Songs haben für Sie die Welt verändert?

LOWE: „Harvest for the World“ von den Isley Brothers war so einer. Das Lied ist aus den 70ern, es handelt von Armut und Hunger und sagt mehr über die Situation in Afrika als alles, was ich je dazu gelesen habe. Musik ist am stärksten, wenn sie die Menschen zusammenbringt und wenn sie ein Appell an die Menschlichkeit ist.

TENNANT: Für mich war David Bowie ein Revolutionär, zumindest kulturell. Er war schockierend, damals, in den frühen 70er Jahren. So wirkt Popmusik: nicht durch politische Positionen, sondern, indem sie schockierend ist, das Unsagbare sagt und Tabus bricht. Es geht beim revolutionären Potenzial von Pop mehr um einen alternativen Lebensstil, nicht so sehr um Parteipolitik. Bowie war in den 70ern ein Pionier. Wie er sich „camp“ gab – schwul wirken, ohne schwul zu sein – das war ein politisches Statement. Und dann natürlich die Sex Pistols! 1977 – in der Hochphase meiner „Socialist-Worker“-Zeit – da lief bei mir zu Hause immer „God save the Queen“ von den Sex Pistols. Das war Musik, die der Gesellschaft die zwei Finger zeigte.

Die zwei Finger?

TENNANT: Ja, so macht man bei uns das Fuck-Off-Zeichen. Wie machen Sie das in Deutschland?

Bei uns reicht der Mittelfinger.

TENNANT: Oh, wir benutzen dafür auch noch den Zeigefinger.

LOWE: Vielleicht, weil wir so oft das Victory-Zeichen machen – und das braucht man dann nur umzudrehen, und schon hat man das Fuck-Zeichen. Da gibt es diese schönen Fotos von Frau Thatcher und von Churchill, wie sie eigentlich das Victory-Zeichen machen wollten – und dann aus Versehen die Finger andersherum hielten.

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