Zeitung Heute : Die Bratwurstklubs und die Börse

Wie aus Schalke und Dortmund – nicht immer ganz solide – Unternehmen werden

Richard Leipold[Dortm]

Es ist eine nasskalte Januarnacht im Ruhrgebiet. Die Stadt schläft, selbst an der Bundesstraße 1 ist so etwas wie Ruhe eingekehrt. Vor einem der Bürohäuser aber denkt keiner an Schlaf. Die Menschen, die hier campieren, sind Fußballfans, manche tragen Schwarz-Gelb. Sie warten auf den Morgen, und sie warten auf Karten. Dreihundert Meter Luftlinie vom Westfalenstadion entfernt bietet die Nachtwache den Unverdrossenen die letzte Chance, eines von insgesamt 83000 Tickets für das Revierderby gegen den FC Schalke 04 zu ergattern, mit dem die Fußball-Bundesliga am Freitag in die Rückrunde starten wird. Zehn Prozent der Karten müssen laut Reglement dem Rivalen aus Gelsenkirchen überlassen werden, und 55000 Plätze sind schon an die Dauerkartenkunden vergeben. Der Rest von etwa 20000 Karten wird am nächsten Tag binnen weniger Stunden vergriffen sein. Jene, die daheim geschlafen haben, werden bei Dauerregen ganz hinten in einer mehr als hundert Meter langen Schlange stehen, wenn die Geschäftsstelle öffnet und auf der anderen Seite der Straße die Stars in 150000 Euro schweren Sportwagen zum Training vorfahren.

Dieser graue Morgen illustriert die Welten, die zwischen den kickenden Dienstleistern und jenen Fans liegen, die beim Derby gegen den verhassten Nachbarn aus Gelsenkirchen-Schalke auf der 20000 Menschen fassenden Südtribüne des Westfalenstadions die „gelbe Wand“ bilden werden. Hier die Millionäre, die ihr Gucci-Täschchen in die Kabine tragen, dort die frierenden Revierbürger, für die Dabeisein immer noch alles ist. Wenn die tobende Masse Mensch für anderthalb Stunden den Beton der größten Stehtribüne Europas erzittern lässt, sind sie sich auf einmal ganz nahe. Die Stadien in Dortmund und Schalke flößen selbst Profis, die hofiert werden wie Popstars, Respekt ein – wenigstens für neunzig Minuten. Dann „kocht der Pott“, wie die Region vor ein paar Jahren in eigener Sache warb.

„Unser Stadion ist eine Jubelkulisse, aber auch eine Drohkulisse“, sagt Gerd Niebaum. Der Wirtschaftsjurist ist Präsident von Borussia Dortmund und Geschäftsführer des einzigen börsennotierten Fußballunternehmens in Deutschland. Ein Mann, der für die kühle Geschäftsmäßigkeit steht, die den Berufsfußball in Besitz genommen hat. Repräsentanten wie Niebaum versuchen einen Spagat zwischen Tradition und Kapital. Die Fans stehen für Tradition. Sie erinnern an das Zeitalter, in dem Schalke und Dortmund die Fortsetzung der Zechenmaloche mit den Mitteln des Fußballs war. Und sie entfachen die Stimmung, die bei den „Businesspartnern“ in ihren Separees Gänsehaut erzeugt. Aber ohne Kapital von Aktionären, Geldverleihern oder Logenmietern hätten Dortmund und Schalke nicht an die Tradition anknüpfen können und zu den Großen in Deutschland und manchmal auch in Europa werden können.

Trotz wirtschaftlicher Schieflage gilt Dortmund noch immer als einziger Klub, der den deutschen Rekordmeister FC Bayern München auf Dauer herausfordern kann. In dieser Saison stößt die Börsen-Borussia allerdings an die Grenzen ihrer Wirtschaftskraft. Die Mannschaft schickt sich an, zum zweiten Mal nacheinander die Qualifikation für die Champions League zu verpassen. Für diesen Fall hat sogar der als risikofreudig geltende Niebaum angekündigt, dass „zwei oder drei Spitzenspieler den Verein verlassen müssen“, um das Ergebnis annähernd ausgeglichen zu gestalten. Allein für die erste Hälfte des aktuellen Spiel- und Geschäftsjahres wird den Dortmundern ein Verlust in Höhe von 25 Millionen Euro prognostiziert. Seitdem hoffen sie, dass der russische Ölmilliardär Roman Abramowitsch, Eigentümer des englischen Spitzenklubs FC Chelsea London, ihnen ein Angebot für ihren besten Spieler, den tschechischen Mittelfeldstrategen Tomas Rosicky, unterbreiten wird.

Die großen Vereine spielen Fußball längst nicht mehr allein auf dem Rasen, sondern auch in den Büros von Managern, Maklern und Analysten. Auch in den Zimmern der Führungskräfte geht es um europäischen Wettbewerb. Sie brauchen Geld für ihre gigantischen Bauten und ihre hoch, vermutlich zu hoch bezahlten Spieler.

Wenn es um Geld geht, ist Niebaum, der Mann mit den feinen Manschettenknöpfen, in seinem Element. Die Anteile des Vereins am Stadion haben die Borussen verkauft, um die Bilanz des Vorjahres zu einer Gewinnstory zu machen, wenn auch ohne Dividende für die Aktionäre. Zuletzt haben die Dortmunder eine Anleihe des Londoner Investmenthauses Schechter geprüft; die Rede ist von achtzig bis hundert Millionen Euro, die über eine Verpfändung von Ticketerlösen zu sichern wäre. Niebaum sagt, er stehe diesem Geschäft „eher skeptisch gegenüber“. Der Klub brauche dieses Geld nicht unbedingt, müsse aber abspecken, „wenn der Großauftrag Champions League entfällt“.

Nachbar Schalke ist mit Schechter schon ins Geschäft gekommen und hat 75 Millionen Euro aufgenommen, mit der Option auf weitere 25 Millionen. Die Gelsenkirchener brauchten das Geld, um sich von ihren Hausbanken unabhängig zu machen – und um erstklassiges Personal zu rekrutieren. Während die Dortmunder in der fünften Etage ihres Firmensitzes ein Sparprogramm nach dem anderen verkünden, sind die Schalker mitten in der Investitionsphase und werben als Tabellensiebter mit ihren Gehaltsangeboten Profis von den Meisterschaftskandidaten aus Stuttgart und Bremen ab.

Auch Gelsenkirchen verdankt seinem ruhmreichsten Klub ein gewaltiges Bauwerk von operettenhaftem Charme. Die Arena „AufSchalke“ gilt als modernstes Stadion Europas. Wie viele Häuslebauer ist der Verein bis zur Halskrause verschuldet, gibt sich aber als stolzer Eigentümer, auch mit Blick auf die Anleihe „Unsere Wirtschaftskraft ist groß genug, um Zins und Tilgung aufzubringen“, sagt Geschäftsführer Peter Peters.

So ist sich das Ruhrgebiet im Zeitalter des großen Fußballs treu geblieben. Seine Wahrzeichen ragen noch immer hoch in den Himmel, der mit den Jahren weniger grau geworden ist. Was früher die Fördertürme der Zechen waren, sind im Strukturwandel die Stadien in Gelsenkirchen und Dortmund. Wenn in Schalke Rauch aufsteigt, ist der Qualm eher auf eine Zigarre der Marke Davidoff Grand Cru Nummer drei des Schalker Managers Rudi Assauer zurückzuführen als auf die Produktion einer Zeche. Assauer, vor wenigen Tagen zum „Bürger des Ruhrgebiets“ ernannt, steht für den sportlichen wie wirtschaftlichen Wandel des Fußballreviers an Ruhr und Emscher. Wie Niebaum in Dortmund hat er in Schalke aus einem konkursreifen Klub ein großes, wenn auch nicht immer solides Unternehmen gemacht. Die Basis hat er auch nicht an seinem größten Tag aus den Augen verloren. Als im August 2001 „die modernste Arena Europas“ in Betrieb ging, rief er den Fans zu: „Das ist alles nur für euch.“ Und er versprach, Schalke werde bleiben, was es war, „ein Bratwurstklub“.

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