Zeitung Heute : Die Brüder
Das „allerwichtigste Buch in deutscher Sprache“ (Marcel Reich-Ranicki) ist nicht das weltweit bestverkaufte, bekannteste deutsche Buch. Das war zu befürchten. Aber beide Bücher, das wichtigste und das bekannteste, haben dieselben Autoren. Und die kennt jeder. Selbst, wenn er noch gar nicht lesen kann und auch dann, wenn er niemals lesen wird. Sitzt Goethe also zu Unrecht auf dem deutschen Literaturolymp?
Das nach Marcel Reich-Ranicki „allerwichtigste Buch in deutscher Sprache“ heißt „Deutsches Wörterbuch“ und verfügt über 68000 Spalten. Der erste Band erschien 1854 und die Autoren sind darin gerade mal von A bis B wie Biermolke gekommen.
Darum galt schon damals: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann forschen sie noch heute. Sie sind aber gestorben, Jacob zuletzt, und zwar genau über dem Buchstaben F wie „Frucht“. Trotzdem ist das Buch unglaublich dick geworden, und weil kleine Kinder sehr eigensinnig sein können, sich noch nicht so für Biermolke interessieren und auch noch nicht auf Marcel Reich-Ranicki hören, lesen sie zuerst meist das andere Buch. Das sind die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.
Seit über 150 Jahren schon machen das Kinder auf der ganzen Welt und halten die Brüder Grimm darum für die größten Schriftsteller überhaupt, weil denen so viele Märchen eingefallen sind. Aber sind Kinder eigentlich genügend bibliografisch ausgebildet, um Verfasser und Buch auseinander zu halten? „Their first name was ‘Grimm’s’, their middle name was ‘Fairy’, their last name was ‘Tales’, and that was that“, fasste der englische Dichter Russell Hoban seinen frühkindlichen Lektüreindruck zusammen. Ihr Vorname war Grimm’s, ihr zweiter Name war Fairy und ihr Nachname war Tales? Wir erkennen also, dass besonders die Briten lernen müssen, die Verfasser und ihr Werk zu trennen.
Darum hat Terry Gilliam von Monty Python jetzt den Film „Brothers Grimm“ gedreht, der am Donnerstag ins Kino kam. Monty Python verdanken wir schon so wichtige historische Aufklärungsfilme wie „Das Leben des Brian“ (also das Leben Jesu, wie es wirklich war) oder „Die Ritter der Kokosnuss“ (die Wahrheit über das Leben an König Artus’ Hof). Leider hat sich diesmal Hollywood zu sehr eingemischt, dennoch hat sich die aufklärerische Grundstruktur gut erhalten: Es waren einmal zwei Trickbetrüger namens Grimm, die entzauberten das deutsche Volk von Verwünschungen, Verfluchungen und Verhexungen aller Art und wurden dabei sehr wohlhabend. Da fällt der fortschrittlichen, materialistischen, französischen Besatzungsmacht (Napoleon!) ein, wie das deutsche Volk sehr viel Geld sparen könnte, und sie schickt die beiden Trickbetrüger in die Verbannung, in das Dorf Marbaden. Die Brüder Grimm aber laufen bei Marbaden in einen tiefen, tiefen Wald und lernen das Fürchten. Denn der Marbadener Wald ist verflucht und verhext und verwunschen und es sieht gar nicht gut aus für die Brüder Grimm, denn schließlich sind sie nicht Schneewittchen oder Rotkäppchen.
Kinder, die auf Marcel Reich-Ranicki gehört und auch das zweite berühmte Buch der Grimms gelesen haben, also das „Deutsche Wörterbuch“ mit 68000 Spalten und B wie Biermolke und F wie Frucht, fragen nun mit Recht: Wann haben die das denn geschrieben, wenn sie die ganze Zeit im Wald waren? Hier liegt in der Tat ein Schwachpunkt von Terry Gilliams Geschichte der Brüder Grimm, wie sie wirklich war. Märchen spielen grundsätzlich im Wald. Doch fast alle Indizien sprechen dafür: Die Brüder Grimm waren nie im Wald! Aber wo waren sie dann?
Es bleibt also nichts übrig, als die Geschichte noch einmal ganz von vorn zu erzählen:
Es waren einmal zwei Brüder (nicht zu verwechseln mit den Grimm’schen Märchen „Die zwei Brüder“ oder „Die drei Brüder“ oder „Die sechs Brüder“), die hatten einander so lieb und hießen Jacob und Wilhelm. Deutschland war damals noch über und über mit Wald bedeckt, aber zwischendurch gab es kleine Lichtungen und eine davon hieß Hanau. Dort wurden die beiden geboren – weshalb Hanau eben gerade beim Land Hessen den Antrag gestellt hat, sich künftig „Brüder-GrimmStadt“ nennen zu dürfen. Es hat auch schon eine Marketing GmbH, die eine „Machbarkeitsstudie“ für ein Grimm-Kulturzentrum erstellt. Der Vater starb den beiden Brüdern früh. Wilhelm war ein Jahr jünger als Jacob, doch sie spielten immer zusammen, schliefen im selben Bett und gingen zusammen zur Schule. Da lebten sie schon längst nicht mehr in Hanau, sondern in Steinau, einer noch kleineren Lichtung im deutschen Wald. Steinau hat es gar nicht nötig, sich Brüder-Grimm-Stadt nennen zu lassen. Denn Steinau kennt in Japan jedes Kind. Die Brüder Grimm heißen dort „Gurimu Kyodai“ und im Obihiruer Freizeitpark „Glücks-Königreich“ (dem größten Grimm-Museum der Welt) gibt es Steinau noch einmal – auch das Haus, in dem die Brüder wohnten. Aber eines Tages blieb Wilhelm in Steinau allein zurück, denn er hatte Scharlach und musste ein halbes Jahr lang im Bett liegen.
Jacob ging inzwischen zur Universität. Die Universität stand in Marbaden, auch unter dem Namen Marburg bekannt. Hier in Marburg hatte Jacob, der immer der Klassenbeste gewesen war, oft Kopfschmerzen, weshalb Freunde ihm vorschlugen, öfter einmal spazieren zu gehen. Vielleicht sogar in den Marbadener Wald. Aber Jacob lehnte ab: Dazu habe ich keine Zeit, antwortete er, ich gehe in der Literatur spazieren!
Wilhelm, der Jüngere zu Hause im Steinauer Bett, hielt es ohne seinen Bruder nicht länger aus, weshalb er nach dem halben Jahr einfach aufstand und Jacob nachfuhr nach Marburg-Marbaden. Wilhelm wäre wohl gern einmal in den Wald gegangen, aber er hatte immer Schmerzen in der Brust und konnte nur kurz, meist gestützt auf den Arm eines Freundes – Jacob war ja in der Bibliothek – spazieren gehen. So verbrachten die Brüder Grimm ihr Leben anstatt im Wald in der Bibliothek. Aber so wie im Wald ein Wanderer dem anderen begegnet, begegnet in einer Bibliothek ein Literaturwanderer dem anderen. Dann erzählen sie sich kurz, aus welchem Unterholz sie gerade kommen, was sie unterwegs gefunden haben, um dann wieder in den dichten Papier-Wäldern zu verschwinden. Und je älter die Bücher, die sie durchwandern, desto besser. Ein schon ziemlich berühmter Wanderer durch die Vergangenheiten hieß Carl Savigny und war der Begründer der historischen Rechtsschule und deshalb müssen wir etwas einfügen, was in Märchen nur ganz selten vorkommt: einen theoretischen Exkurs.
Carl Savigny hatte gerade angefangen, herauszufinden, dass „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ ziemlicher Unfug ist und dass es nicht ein gleiches Recht für alle gibt, sondern dass das Recht grundsätzlich historisch ist. Jedes Zeitalter hat seins. Überhaupt blickten fast alle, die im Augenblick – also um die Wende zum 19. Jahrhundert – dachten und dichteten, in eine Richtung. Sie blickten in die Vergangenheit. Nicht lange zuvor war das noch genau umgekehrt gewesen. Da hatten alle nach vorn in die Zukunft geschaut und vor sich eine große Sonne aufgehen sehen. Das war die Vernunft. In deren Licht sah die Vergangenheit wie ein einziges Horrorkabinett aus – man gewöhnte sich daran, das Mittelalter mit dem Adjektiv „finster“ zu versehen – und ging daran, die Beleuchtungsverhältnisse gründlich zu ändern. Die Sonne der Vernunft scheint gleichmäßig auf alle, ohne Ansehen der Geburt, des Standes. Die Vernunft, die große Gleichmacherin! Machte sie die Menschen nicht genauso gleich wie die Guillotine, der es egal war, ob sie einen adligen Kopf traf oder einen niederen?
Nein, man hatte genug vom Hellerwerden und von Gleichheiten. Man interessierte sich für das, was die Vernunft nicht machen konnte. Man interessierte sich für die Brunnen der Vergangenheit, dort wo sie am dunkelsten waren.
Aus diesen Brunnen waren schon erstaunliche Dinge zutage gefördert worden. Im September 1805 war der erste Band der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ erschienen. Clemens Brentano und Achim von Arnim wollten eine Fortsetzung, jetzt sollten viele andere mitsammeln und am 22. März 1806 fragte Clemens Brentano seinen Schwager Savigny: „Haben Sie in Kassel keinen Freund, der sich dort auf der Bibliothek umtun könnte, ob keine alten Liedlein dort sind, und der mir dieselben kopieren könnte?“ Savigny hatte sogar zwei.
Jeder Wald ist irgendwo zu Ende, dann geht der Wanderer in den nächsten. Auch die Grimms waren inzwischen schon eine Bibliothek weitergerückt, nämlich in die von Kassel. Kassel hat sich gerade sehr über die Möchtegern-Brüder-GrimmStadt Hanau geärgert und will sich deshalb künftig stärker als „Brüder-Grimm-Hauptstadt“ profilieren. Nur weil Kassel 1806 gerade einen zuverlässigen Mitarbeiter für sein „Kriegskollegium“ suchte. Das wurde Jacob, den man fortan mit „Herr Kriegsrat“ ansprechen musste. Wilhelm kam ebenfalls, denn wo sein Bruder war, war auch er. Neben den täglichen Kriegsvorbereitungen suchten Jacob und Wilhelm nun Buch um Buch der Kasseler Bibliothek nach „alten kleinen Liedlein“ für Brentano ab, wobei beide Grimms Brentano sehr erschreckten, und zwar durch ihren unfassbaren Fleiß, der später neben dem Wörterbuch noch eine mehrbändige Deutsche Mythologie und vieles andere hervorbringen sollte. Da hatte Brentano eine Idee. Sie könnten ja in den alten Büchern nicht nur nach volkstümlichen Liedertexten suchen, sondern auch nach kleinen märchenhaften Erzählstücken. Das machten sie nun. Man nennt das auch Feldforschung.
An dieser Stelle müssen wir auch die Variante des dritten Weges ausschließen, nämlich dass die Brüder Grimm, wenn sie schon nicht alle Märchen im Wald selbst erlebten, wenigstens bis an den Waldrand gekommen sein könnten und dort beim Volk hinter dem Ofen gesessen hatten und sich Märchen erzählen ließen. Erstens hätte das Volk solchen wie den Grimms gar nichts erzählt (viel zu vornehm), und zweitens hätte kein Mensch gedruckt, was das Volk erzählt in seiner groben Sprache. Nein, Hauptquelle der ersten Märchensammlung waren die alten Dichter der Kasseler Bibliothek.
Als die Grimms sicher waren, die ganze Kasseler Bibliothek durchgelesen zu haben, schickten sie alles an Brentano nach Berlin. Und dann folgte: langanhaltendes, nie endendes Brentano’sches Schweigen. Aber da die Grimms so fleißig waren, hatten sie alles gleich zweimal abgeschrieben und suchten nun selbst einen Verleger für das Buch, versehen mit einem großen kinderfreundlichen hochgelehrten Anmerkungsapparat. Reimer in Berlin erklärte sich bereit, das Buch zu drucken. Leider war vom letzten Märchen „Der Fuchs und die Gänse“ dann plötzlich der Text weg und nur die Anmerkungen übrig. Reimer konnte sich nicht entschließen, die Anmerkungen ohne das Märchen zu drucken, was ihm das Weihnachtsgeschäft ruinierte. Die „Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin, in der Realschulbuchhandlung. 1812“ erschienen genau am 20. Dezember, auf miserablem Papier in einer Auflage von 900 Exemplaren. Das Buch kostete 1 Taler und 18 Groschen. Erstkäufer Achim von Arnim fand den Anhang nicht direkt kindgerecht, aber Wilhelm Grimm ließ nichts auf seinen wissenschaftlichen Apparat kommen: „...ich bin selbst überzeugt, daß eine nicht unansehnliche Classe von Lesern (das Buch) eigentlich um des Anhangs willen kauft.“ Clemens Brentano, der Schweiger und Märchen-Behalter, konnte plötzlich wieder sprechen und schrieb eine böse Kritik.
Trotzdem mehrte sich in den nächsten Jahren die Zahl der Menschen, die den Brüdern Grimm Märchen erzählten. Aber es waren keine armen Köhler vom Waldesrand, sondern junge Adlige, Pfarrerstöchter und Damen aus dem Kasseler Bildungsbürgertum. Aber dann erlebte die Frau eines Schneidermeisters aus Niederzwehren etwas sehr Merkwürdiges. Sie ging wie immer in Kassel mit einem großen Korb von Tür zu Tür, um ihr Niederzwehrener Gemüse zu verkaufen und klopfte auch bei zwei jungen Männern. Die waren miserable Gemüseesser, und doch kam die Gemüsefrau bald immer wieder zu ihnen. Denn bei den beiden bekam sie Kaffee und einen Stuhl und durfte die müden Beine ausruhen, einfach so. Dass mit den beiden etwas nicht stimmte, hatte Dorothea Viehmann gleich gemerkt. Obwohl die gar nicht ganz dumm aussahen und schon ziemlich erwachsen. Aber sie wollten immerzu Märchen von ihr hören und schrieben die auch noch mit.
In Grimms Märchen liegen viele Schichten übereinander und allmählich fanden die beiden Akademiker ihren Märchenerzählstil. 1819 erschien die zweite Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“. Viele darin waren von Dorothea Viehmann. Wilhelm Grimm hat diese Ausgabe allein besorgt und sich schließlich sogar überwunden, den wissenschaftlichen Apparat wegzulassen. Dafür hat der dritte, jüngere Grimm-Bruder Ludwig Emil ein Porträt der Dorothea Viehmann gezeichnet und das Deckblatt. Diese Ausgabe von 1819 war Grundlage der Auswahl von 50 Geschichten, die zum wirklichen Kinderbuch wurden und als „Grimms Märchen“ um die Welt gingen.
Viel später sind die Grimms dann doch noch in die Nähe eines großen dunklen Waldes geraten. Das war der Tiergarten in Berlin. Ihre letzte Wohnung lag in der Linkstraße, heute das Daimler-Chrysler-Areal am Potsdamer Platz.





