Zeitung Heute : Die Brutalität der Berührung

SANDRA LUZINA

Die Liat Dror Nir Ben Gal Company gastiert mit "Interrogation"SANDRA LUZINADie Produktionen der Tanzcompany Liat Dror Nir Ben Gal spiegeln die Stimmung der israelischen Jugend zwischen zwischen Hoffnung und Zweifel.Mit der Produktion "Interrogation" reagierte das Choreographen-Ehepaar auf die Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Rabin.Entstanden ist ein politisch motviertes Tanztheater, das sich dennoch jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei und moralischer Selbstüberhebung verweigert.Im Zentrum steht eine Verhörszene, die mehrmals durchgespielt und je anders gedeutet wird.Hier wird nicht nur die eigentümliche Opfer-Täter-Dialektik untersucht.Ausgangspunkt ist vielmehr eine brisante Frage: Wie können die Nachfahren der Holocaust-Opfer selber zu Peinigern werden? Über einem Tisch liegt zusammengesunken eine Frau - von fern sind arabische Klänge zu vernehmen, später lassen hallende Schritte an Gefängnisflure denken.Ein Mann in Militärhosen umkreist sein wehrloses Opfer, ehe er zuschlägt.Ein zweiter Mann schaut den Mißhandlungen ungerührt zu, ißt dabei einen Apfel.Die Frau schlägt rückwärts zu Boden und rappelt sich wieder hoch.Durch Wiederholung gewinnt die Szene fast traumatische Intensität.Es folgt die Banalisierung: Nach dem "Verhör" rauchen die Kameraden eine Zigarette - keine Fieslinge sind zu sehen, sondern Männer, die einfach nur ihren Job erledigen. Später verschiebt sich die Szene vom Politischen ins Private.Nicht der israelisch-palästinensische Konflikt, sondern der Geschlechterkampf tobt über die Bühne.Ein Mann umkreist den Tisch mit gleicher Aggression wie zuvor der Verhörer.Doch die Frau ist nicht wehrloses Opfer, sondern provozierendes Gegenüber.Das erotische Ritual aus Herausforderung und Zurückweichen nimmt seinen Lauf.Die Paarkonstellation weitet sich zum familiären Dreieck, als ein Mädchen sich zwischen die beiden drängt.Der Mann ist nun von der weiblichen Liebe ausgeschlossen, als Erklärung für die Aggressorenrolle des Mannes mutet die Szene plakativ an.Doch es gelingen auch eindringliche Szenen, in denen aus dem erotischen Spiel um Unterwerfung blutiger Ernst wird, in denen Berührung in Brutalität umschlägt.Liat Dror und Nir Ben Gal zielen auf einen Gewaltzusammenhang, indem sie die Sphären überblenden.Doch laufen sie dabei Gefahr, die Verquickung von Sexualität und Gewalt als naturwüchsig festzuschreiben und die politische Dimension aus den Augen zu verlieren.Bald bewegen sie sich auf vertrautem Terrain, der Untersuchung von Weiblichkeitsbildern und Männlichkeitsmythen.Da darf die Parodie auf Machogehabe nicht fehlen; es wird wieder die weibliche Kraft beschworen.Und die liegt im Bauch.Bei der Premiere betrat eine hochschwangere Liat Dror hüftkreisend die Bühne.Aber auch ohne dicken Bauch wirkt sie wie die Verkörperung von mythischem Urweib und Schmerzensmutter in einem.Dank der rauhen und ungestümen Bewegungssprache gelingen irritierende Momente.Als Reflexion über Macht und Ohnmacht greift "Interrogation" aber zu kurz. 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar