Zeitung Heute : Die Brutalität hinter der Maske

Kennedy blieben drei Monate, Chruschtschow war noch im Amt. Der Kalte Krieg war gefährlich wie nie, und in Berlin fiel die Entscheidung. Bestseller-Autor Frederick Forsyth erinnert sich an seine Zeit als Korrespondent in Berlin 1963/64

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Von Frederick Forsyth Als der Chef des Pariser Büros mich Anfang September 1963 in sein Zimmer rief, trug er eine so finstere Miene zur Schau, dass ich schon dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. In Wirklichkeit war es genau umgekehrt.

„Sie sprechen deutsch, nicht wahr?“

„Ja.“

„Ich hätte das in London nie erwähnen sollen. Sie bieten Ihnen Berlin an. Wollen Sie es haben?“ Mein Herz hüpfte. Ich hatte anderthalb Jahre bei Reuters in Frankreich gearbeitet, hatte über Charles de Gaulle geschrieben, über die OAS, die versuchten Attentate, das Ende des algerischen Reiches, die Aufstände...faszinierender Stoff und ein Hintergrund, aus dem eines Tages die Geschichte vom Schakal hervorgehen sollte. Aber Berlin... „Ja. Ich will es.“ Er grunzte vor Enttäuschung.

„Dachte ich mir schon. Freuen Sie sich nicht zu früh. Es ist Ost-Berlin.“

Macmillan war noch Premierminister in London am erschöpfenden Ende der Christine-Keeler-Affäre, einen Monat vor seinem Rücktritt. Kennedy war im Weißen Haus, bis zu seinem Tod in Texas blieben ihm noch drei Monate. Chruschtschow in Moskau hatte noch ein Jahr bis zu seinem Sturz. Welch eine Zeit für einen 25jährigen Agentur-Reporter, sich auf den Weg in Walter Ulbrichts Puppen-Diktatur zu machen, zehn Monate nach der Kuba-Krise, zu einem Zeitpunkt, als der Kalte Krieg so gefährlich war wie nie zuvor, mit der Berliner Mauer als wahrscheinlichem Zünder.

Vier Wochen und eine betäubende Serie von Briefings und Warnungen später, war ich hinter der Mauer, untergebracht auf der Schönhauser Allee im Reuter-Büro, das mit einer Wohnung kombiniert war. Der erste Eindruck war gar nicht von der Brutalität oder Grausamkeit der kommunistischen Diktatoren bestimmt, sondern von der seelenzerfetzenden, geisttötenden Schäbigkeit von allem, ein endloses Grau, sowohl physisch als auch emotional. Schwerfällig, stumpf, langweilig, das sind die Adjektive, die mir immer noch einfallen.

Die Brutalität verbarg sich hinter der Maske. Durch die offenen Fenster meiner Wohnung konnte ich gelegentlich das Knattern der Maschinengewehre entlang der Mauer hören. Und in der Dunkelheit wusste ich, dass irgendein armer Kerl bei dem Versuch, in den Westen zu flüchten, gestorben war unter den Bogenlampen, die sich über den Stacheldraht erhoben.

Meine Situation war wirklich einmalig. Als die Mauer 1961 gebaut wurde, hatten alle NATO-Staaten mit Pankow gebrochen. Sie weigerten sich, die DDR überhaupt als Staat anzuerkennen. Nachdem der ADN-Korrespondent aus London ausgewiesen worden war, stand es auf Messers Schneide, ob Ulbricht sich rächen, den Reuter-Vertrag beenden und den Reuter-Mann aus Ost-Berlin hinauswerfen würde. Die beiden Gründe, warum das nicht geschah, waren typisch.

Zum einen sahen trotz aller Lügen von ADN und dem Neuen Deutschland die Hierarchen an der Spitze immer noch die Notwendigkeit zu wissen, was wirklich vorging in der Welt draußen. Und sie vertrauten darauf, von Reuter die Wahrheit zu erfahren. Zum anderen konnten sie als Kommunisten nicht glauben, dass irgendeine Nachrichten sammelnde Organisation unabhängig von deren eigener Regierung wäre. Dieser zweite Grund gab mir Monate voller Spaß.

Die obersten Bürokraten dachten tatsächlich, dass ich indirekt zumindest ein Bediensteter des Auswärtigen Amtes sei. Und sie waren so verzweifelt hinter einem Anzeichen diplomatischer Anerkennung her, dass sie mich stundenlangen schwülstigen Erörterungen über ihre Sicht der Dinge unterzogen in der Hoffnung, dass ich all diesen Müll an das Britische Außenministerium weitergeben würde. Ich saß da, lauschte ihren humorlosen Lektionen, nickte mit regungslosem Gesicht und schüttete mich innerlich aus vor Lachen.

Der Mangel an Humor gab mir Anlass zu weiteren Scherzen mit Poker-Miene. In ihrer Gegenwart sprach ich deutsch mit einem ziemlich starken englischen Akzent. Das war ihnen recht. Außerhalb ihrer Sichtweite kaufte ich einige ostdeutsche Kleidungsstücke, entwich dem Stasi-Schatten und verschwand ins Innere des Landes, indem ich mich für einen Deutschen ausgab, um in aller Ruhe Dresden, Leipzig, Cottbus, Karl-Marx-Stadt, Stralsund und Weimar zu erkunden. Wann immer ich zurückkehrte, wurde ich von einem wütenden Beamten des Außenministeriums einbestellt. Ich erklärte, dass ich die Kirchen, Denkmale und Museen des Landes bewundert und nicht etwa auf russischem Militärgelände geschnüffelt oder in den Cafés die Leiden der Arbeiter ausgeforscht hätte.

Der arme Wicht konnte nichts machen, denn rein technisch war es mir gestattet, im Arbeiterparadies umherzureisen, und er wagte nicht zuzugeben, dass meine Wohnung voller Wanzen war (was ich wusste), und dass ich beschattet wurde (was ich ebenfalls wusste).

Irgendwann hörte der Spaß auf. In der Nacht, in der Kennedy starb, saß ich in West-Berlin bei einem Abendessen, als die Nachricht bekannt wurde. Chaos. Frauen schrien, Männer vergruben ihre Köpfe in den Händen. Ich warf dem Kellner eine Handvoll Bargeld zu und rannte zu meinem in der DDR zugelassenen Wartburg, der in der Frontscheibe eine britische Flagge trug, um West-Berliner davon abzuhalten, ihn zu zertrümmern.

Am Checkpoint Charlie waren die Grenzbeamten aschfahl vor Angst. Ich kam durch in Rekordzeit. Gegen Mitternacht war das Außenministerium am Telefon und bat mich eindringlich, nicht zu glauben, dass es ein kommunistisches Komplott war. Als die Amerikaner Lee Harvey Oswald verhafteten, einen bekannten ultralinken ehemaligen Überläufer in die Sowjetunion, kochte die Panik über. Es dauerte zwei schlaflose Nächte, bis sich die Furcht vor amerikanischer Rache legte und die aufgeblasene Arroganz zurückkehrte. Bevor ich London verlassen hatte, hatten meine Chefs mir gesagt, dass der Reuter Service zum Teil in D-Mark bezahlt würde, aber hauptsächlich in Ostmark, die auf einem ständig anwachsenden Konto in Pankow blockiert waren. Vollkommen ernsthaft fragten sie mich, ob es mir etwas ausmache, so viel auszugeben, wie ich könne. Ist der Papst katholisch?

Abgesehen von den besten Lebensmitteln und Getränken, gab es wenig, wofür man all die Ostmark ausgeben konnte, bis ich klassische tschechische Langspielplatten entdeckte, ungarische Schweinsledertaschen und kubanische Zigarren – keine geringeren als Neun-Inch-Coronas. Mit den Platten und den Zigarren im Gepäck ging ich einige Male auf Transportfahrt durch den Checkpoint Charlie in den Westen und steckte einige D-Mark weg für einen anständigen Urlaub, wenn ich herauskommen würde.

Dieser Tag kam im Oktober 1964, und er kam plötzlich. Wie die meisten jungen Männer wollte ich Risiken eingehen, wollte am Tag das System überlisten und mir die Nächte für erotischeren Zeitvertreib freihalten. Letzteres bereitete auf keiner Seite der Mauer Probleme. Im Spätsommer 1964 begann ich eine Affäre mit einer jungen Ostdeutschen, die sich als ziemlich geheimnisvoll erwies.

Schlank, schön und willig behauptete sie, die Frau eines Feldwebels zu sein, der höchst freundlicherweise niemals seinen Posten an der tschechischen Grenze bei Cottbus verließ. Sie lehnte es auch ab, sich am Ende einer gemeinsamen Nacht von mir nach Hause bringen zu lassen und bestand darauf, ein Taxi zu nehmen. Die Art, wie sie sich kleidete, ihre Vorlieben und der Gebrauch von Taxis waren ganz klar jenseits der finanziellen Möglichkeiten eines Feldwebels. Eines Morgens folgte ich ihr in meinem Auto und fand ihre Adresse heraus, ein sehr schickes Apartment in Pankow, Ost-Berlins exklusivstem Bezirk und Heimat zahlreicher großer Tiere in der Regierung. Noch etwas mehr Recherche enthüllte, dass sie tatsächlich die Frau eines Feldwebels war, aber auch die großzügig ausgehaltene Mätresse des Verteidigungsministers, General Karl-Heinz Hoffmann.

Nach einem Scharmützel mit dem KGB, als ich im hohen Gras nahe der Glienicker Brücke auf einen Austausch von Spionen wartete (er fand irgendwo anders statt) und einem anderen mit der Stasi, nachdem ich auf einem sowjetischen Manövergelände in der Nähe von Magdeburg aufgegriffen worden war, beschloss ich, das Hauptquartier in der Normannenstraße nicht auf mein persönliches Besichtigungsprogramm zu setzen. Es war Zeit zu gehen. Schließlich war mein Schlafzimmer völlig verwanzt und in einer Wohnung auf der anderen Straßenseite waren mehrere Ferngläser und ein Teleobjektiv untergebracht. Eine Woche später hatte ich meinen Posten in Paris wieder. 1990, nach der Wiedervereinigung, kehrte ich zurück, aber alles hatte sich verändert. In Weimar parkte ich im Halteverbot. Als ich zurückkam, wartete ein junger Volkspolizist bei dem Wagen. Als er hörte, dass ich nur ein unwissender ausländischer Tourist sei, machte er doch tatsächlich eine Bewegung, die wie ein militärischer Gruß aussah. Was zum Teufel, dachte ich beim Wegfahren, geht hier vor? Mit den Worten des alten Mary-Hopkin-Liedes: Those were the days my friend.

Aus dem Englischen von Elisabeth Binder

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