Zeitung Heute : Die Busch-Jäger

Wanzen in Eichen, Kameras im Gestrüpp – wie die italienische „Soko Kunstraub“ versucht, illegale Grabungen zu verhindern

Paul Kreiner[Rom]

Diese blauen Löwen – sie sind der Schrecken der Lebenden und der Toten. Sie setzen zum Sprung an, drohend reißen sie ihren Rachen auf, man sieht förmlich ihr Fauchen. Mit ihren langen Schwänzen holen sie aus wie zu Peitschenhieben. Zähne indes haben sie keine, und ohne facharchäologische Anleitung betrachtet, sehen die beiden so katzenlieb aus wie Plüschmonster in Kinderzimmern. Die „brüllenden Löwen“ in ihrem Etruskergrab von Veji gelten als die älteste Malerei des Mittelmeerraums. Kein Kunstführer verzeichnet sie bisher, denn sie wurden erst vor wenigen Wochen entdeckt, und selbst Fachleute wüssten bis heute nichts von ihnen, hätte sich nicht ein Krimineller zum Auspacken entschlossen.

Der Park von Veji, das ist ein weites Hochplateau an der nördlichen Stadtgrenze Roms, gleich jenseits des Autobahnrings. „Schauen Sie“, sagt die Chefin der regionalen Archäologiebehörde, Anna Maria Moretti: „Hektar um Hektar um Hektar. Gelände von außerordentlichem Reichtum, aber auch extrem verwundbar. Und wir mit unseren bescheidenen Kräften sollen das alles kontrollieren.“

Kühe grasen, Hirse wächst, goldene Strohballen verzieren abgeerntete Getreidefelder. Die Bodenschätze beginnen hier schon wenige Zentimeter unter der Ackerkrume. Da und dort ragt historisches Mauerwerk heraus oder öffnen sich, in den weichen Tuffstein gehauen, dunkle, scheinbar bodenlose Grabkammern. Veji, das war eine Art etruskisches Karthago, eine riesige, reiche Nebenbuhlerin des aufstrebenden Rom. 396 vor Christus, nach zehnjährigem Krieg, machten die Römer sie dem Erdboden gleich. Und heute vollenden Raubgräber das Zerstörungswerk. „Die Entdeckung der brüllenden Löwen ist ebenso sensationell wie alarmierend“, sagt die Archäologin: „Sie gibt uns ungefähr eine Idee davon, wie aktiv diese Banden sind und welche enormen Schäden sie anrichten.“

Massimiliano Quagliarella ist Hauptmann der Carabinieri. Er sitzt in einer Polizeiwache, die so gar nicht nach Polizei aussieht: ein ehemaliges Kloster, historische Stiche an den Wänden, am Ende des Ganges eine alte, klotzige Herkulesstatue, gediegene Holzmöbel statt Resopal. Der Capitano Quagliarella gehört zu einer international beneideten, hoch spezialisierten Sondereinheit der italienischen Carabinieri, die Kunst- und Antiquitätendelikten nachgeht.

Manchmal graben Quagliarellas Leute sogar selber – zuletzt im einem Gemüsegarten im österreichischen Linz. Dort machten sie in einer zweijährigen „Operation Mozart“ einen „Kunstsammler“ ausfindig, der – per Katalog und Ausstellungen – mit antiken Fundstücken handelte. „Kulturgüter sollen das sein? Das sind doch nur Scherben“, verteidigte sich der 84-Jährige. Die Carabinieri sahen das anders: illegale Grabungen in der Gegend von Veji. 600 Fundstücke wurden in Keller und Garten des Österreichers sichergestellt. „33 Leute haben wir angezeigt, sechs verhaftet“, erzählt Quagliarella: „Die ersten sind schon zu empfindlichen Haftstrafen verurteilt worden. Einer wollte günstiger davonkommen. Der hat uns dafür das Grab der brüllenden Löwen gezeigt, das diese Leute entdeckt und zu einem Teil schon ausgeräumt hatten.“

Die Grabräuber, mit anderen Worten, sind den Archäologen also an Wissen voraus? So will Quagliarella das nicht sagen: „Ganz Italien ist eben durchsetzt mit archäologisch bedeutenden Zonen. Viele sind bekannt, viele andere nicht. Jeder Baum, den Sie irgendwohin pflanzen, kann auf historisch wertvollem Gelände stehen, ohne dass Sie es merken.“ Archäologin Moretti ergänzt: „Die Ausdehnung antiker Siedlungen, die kennen wir im Großen und Ganzen, aber wo genau die womöglich bedeutenden Teile liegen, müssen auch wir fallweise verifizieren.“ Gerade das antike Veji – italienisch Veio –, dessen engeres Stadtgebiet 200 Hektar umfasst, harrt zum größten Teil noch der Erforschung.

So ziehen sie denn los, die illegalen Schatzsucher: ausgerüstet mit Sonden, Metalldetektoren, Spaten, Pickeln, manche mit Baggern, einzeln oder in Gruppen, Ortsfremde oftmals – wie im Fall Veji/Linz – im Verbund mit Einheimischen. „Wenn ein Bauer zufällig irgendwas Antikes zu Tage ackert“, hat ein sizilianischer Grabräuber unlängst erzählt, „dann gibt er es lieber uns, als dass er die Behörden informiert. Bei denen riskiert er, dass sie sein Feld beschlagnahmen; bei uns kriegt er wenigstens ein paar Euro.“

„Diese Leute sondieren genau, wie die Gräber liegen und schauen, dass sie nicht durch die Dachwölbung eindringen; da riskieren sie, dass die Grotte zusammenkracht und sie nichts mehr von ihren Fundstücken haben“, sagt Capitano Quagliarella. Im günstigsten Fall sind seine Leute schon in der Nähe, ohne dass die Grabräuber es bemerken. Die landesweit 300 Carabinieri vom „Kommando zum Schutz des kulturellen Erbes“ bedienen sich derselben Techniken wie die Mafiafahnder auf Sizilien. Wanzen in den Eichen von Veji, Kameras im Gestrüpp, Richtmikrofone am Rand von Parkplätzen; Telefone werden abgehört, Verdächtige beschattet.

27 800 illegal gegrabene antike Objekte haben Quagliarellas Männer im vergangenen Jahr sichergestellt, 11 000 mehr als 2004. Fündig wurden sie bei Ebay ebenso wie auf dem allsonntäglichen Riesenflohmarkt an der römischen Porta Portese. „Das große Geld“, sagt Quagliarella, „das machen aber nicht die Grabräuber, sondern die international agierenden Händler.“ Allein von Sizilien aus ziehen sich dunkle Handelskanäle in die USA und die Schweiz, nach Deutschland, Kanada, Spanien, England, Malta und Brasilien. In Crustumerium, der sabinisch-latinischen Nachbarstadt von Veji, wurden über fünfzehn Jahre hinweg mehr als tausend Gräber ausgeplündert.

Doch es bestehe Hoffnung, meint der Capitano; das öffentliche Bewusstsein habe sich gewandelt. Vor allem vom spektakulären Prozess, der sich gerade in Rom abspielt, erwartet Quagliarella eine Wende: „Hier entdeckt die Öffentlichkeit eine Welt, die man immer schon erahnte, über die man aber nicht sprach.“

Angeklagt ist die Welt-Kunstszene, stellvertretend in diesem Fall die langjährige Kuratorin des kalifornischen Getty-Museums, Marion True. Wissentlich soll sie ihre Bestände aus dem illegalen Kunsthandel aufgefüllt haben: eine mächtige Venus, Vasen, Mosaiken, Schmuck – insgesamt 52 Ausstellungsstücke von höchstem Wert reklamiert der italienische Staat nun für sich. Die Getty-Stiftung selbst, so meldet es die „Los Angeles Times“, hat in einer Studie 350 ihrer Vorzeigestücke als von „zweifelhafter oder verdächtiger Herkunft“ klassifiziert.

Der Prozess gegen True und den Kunsthändler Robert Hecht, in beharrlicher Wühlarbeit vorbereitet durch Quagliarellas Kunst-Carabinieri, hat bereits einige Bastionen der Amerikaner zerstört. Nicht nur Getty, sondern auch das Metropolitan Museum New York und, vor wenigen Tagen, das Museum of Fine Arts in Boston schickten ihre Manager nach Rom, um reumütig einige Verträge zu unterschreiben. Die Museen verpflichten sich zur Rückgabe gestohlener Kunstwerke – und bekommen von Italien im Gegenzug etliche „Objekte von vergleichbarer Bedeutung“ als Dauerleihgabe.

Und auch Anna Maria Moretti, die Archäologin im Park von Veji, beginnt wieder zu hoffen. Die Sensibilität der Einheimischen für den Wert ihres Geländes, sagt sie, sei „eindeutig gestiegen“: „Wenn man in so einem Territorium geboren ist, dann hält man das Eigene zunächst für normal oder banal. Erst wenn man von außen angestoßen wird – etwa durch den Prozess in Rom –, dann lernt man die Dinge wirklich schätzen.“

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