Zeitung Heute : Die Camper

Ein Krankenhaus verreist: Nach dem Erdbeben im Iran baute das Rote Kreuz in zwei Tagen eine riesige Zeltklinik

Christine-Felice Röhrs

Am Anfang liegt das Krankenhaus noch im Dunkeln. Im Winkel eines riesigen Lagers in Meckenheim bei Bonn. Zum Teil auch in einer kahlen Halle in Tampere, Finnland. Und auf Betonboden in Oslo, Norwegen. Auseinander geschraubt, mit Plastik umwickelt, verstaut in insgesamt 90 Containern des Roten Kreuzes. Da bebt Tausende Kilometer entfernt die Erde. Zwei Hospitäler stürzen ein, in Bam, Iran, mehr als 40 000 Menschen sterben, und in den Lagerhallen in Meckenheim, Tampere und Oslo gehen die Lichter an. Gabelstapler fahren heran, Lastwagen rollen davon, Richtung Flughafen.

So ein Krankenhaus auf Reisen ist ziemlich schnell. Erdbeben Freitagmorgen. Montagmorgen Verladung der Kisten in Charterflugzeuge – je ein Drittel Krankenhaus aus Meckenheim, Tampere, Oslo; aus Meckenheim kommen in 105 Paketen zwei Ambulanzen. Und Dienstagabend stehen in Bam schon die Zelte. Seit Donnerstagabend, seit einer Woche jetzt, ist der deutsche Chef, normalerweise Notarzt in Marburg, im Dienst.

Aus der Luft war im Fernsehen vor kurzem eine ganze Zeltstadt zu sehen. Neben der eueuropäischen Klinik hatten die Amerikaner ihr Hospital aufgeschlagen, rundherum etwa acht weitere Nationen ihre Großpraxen. „Die machen aber nur Notfallmedizin“, sagt Fredrik Birkenhammar, einer der deutschen Koordinatoren, übers knistrige Satellitentelefon. Diese Soforthilfe-Camper ziehen bald wieder ab. Die Rot-Kreuz-Klinik aber bleibt, mit insgesamt 24 Ärzten, Pflegern und Technikern, zwölf davon aus Deutschland. Sie werden mindestens ein Jahr lang mehr als 200000 Menschen in der Region versorgen, werden Kinder zur Welt bringen, Blinddärme operieren, zur Not auch Zähne ziehen, obwohl ein Zahnarzt nicht mitgekommen ist.

Es war von Anfang an klar, dass die Deutschen in Bam die Führung übernehmen würden; sie hatten sich nicht, wie sonst üblich, bei der Föderation des Roten Kreuzes in Genf um den Einsatz bewerben müssen. Nach dem heftigen Erdbeben in Iran vor 13 Jahren hatte das DRK beim Aufbau eines Katastrophenschutzsystems geholfen; man kannte sich also schon. Deutschland hätte den Einsatz auch allein angehen können, ohne Finnen und Norweger. Aber ein ganzes Krankenhaus zu stellen – das im Meckenheimer Lager kostet immerhin etwa 700 000 Euro –, wäre eben teurer gewesen als nur ein Drittel Krankenhaus. Auch selbstlose Helfer müssen sparsam sein in schlechten Zeiten.

Ein Krankenhaus zu bauen im Matsch, auf einem Areal, das vorher ein Bulldozer hat planieren müssen, geht so. Erst mal haben Ärzte am Dienstagabend die Dieselgeneratoren in Betrieb genommen für Heizgeräte und Licht, die Wasserreinigungsanlage und die Walkie-Talkies – „damit nicht alle so aufgescheucht herumschreien“, sagt Fredrik Birkenhammar. Dann haben sie die rechteckigen 30-Quadratmeter-Zelte zusammengebastelt. Auf dem steinigen Boden hatten sie eines ausgelegt, zur Ansicht für die iranischen Helfer, und kurz auf die Anleitung geguckt – Gerüste ineinander stecken, Plane drüber, leichter als Ikea. Die Wände sind allerdings so dünn, dass alle in Daunenschlafsäcken übernachten, denn es wird kalt nachts in Bam, auf 1062 Meter Höhe; nur für die Patienten gibt’s doppelte Wände. Fast 60 weiße Zelte leuchteten nach ein paar Stunden in die Nacht.

Alles Weitere muss man sich dann so vorstellen: Die Kistenberge werden allmählich sortiert und nach einem vorher angefertigten Lageplan umgeschichtet. Das System, das aus einem Hospital auf Reisen eine „Emergency Response Unit“ macht, eine schnelle Noteinheit, ist weltweit genormt, für alle Ausrüstungen in den 181 Rot-Kreuz-Mitgliedsländern.

„Die deutschen Ärzte können das finnische Material zusammensetzen und umgekehrt, und alles passt zusammen“, sagt der Meckenheimer Lagerchef Peter Melcher. Sorgfältig hatte er vor dem Einsatz Packlisten in sechs Sprachen auf die Kisten geklebt – die gleichen wie die Kollegen in Tampere und Oslo. Auf denen für die Geburtsstation steht zum Beispiel immer „del“ drauf, für „delivery“ – Babylieferung. Alle Kisten mit „adm“ für Administratives enthalten Büroausrüstung: Locher, Papier, Schreibmaschine – eine manuelle. Überhaupt gibt’s außer Bügeleisen kaum elektrische Geräte im Equipment, weil die so leicht kaputtgehen in Ländern wie Iran, wo der Strom ständig schwankt oder gleich ganz ausfällt. Dann lieber die handbetriebene Zentrifuge fürs Labor und der manuell einstellbare Gynäkologiestuhl. Apropos Stuhl. Echte Möbel spart sich das Zeltlager: Während Birkenhammar telefoniert, sitzt er an einem Tischchen, das aus einem der Flugcontainer entstanden ist. Aufgeschraubt und ausgeklappt, werden die zu Schränken, Tischen, Regalen.

Bams neues Feldhospital hat die Größe eines deutschen Kreiskrankenhauses: Notaufnahme, Ambulanz, Intensivstation, Geburtsklinik. Sogar ein „Maskottchen“ hat es schon, so nennt man sie hier: Schahrbanoo Masandarini, eine 97-jährige, die noch acht Tage nach dem Beben aus den Trümmern gezogen worden war. Alle im Krankenhaus besuchen sie regelmäßig. Sie stehen dann um ihr Bett herum, freuen sich über das Wunder, und Schahrbanoo lächelt runzlig. Für sie bleibt das Krankenhaus noch lange ein Zuhause.

Das Krankenhaus wird in Bam bleiben. Es wird nicht noch einmal verreisen, das ist zu teuer. Es wird langsam mit dem neuen, festen Hospital zusammenwachsen. Für die Lagerhallen in Meckenheim, Tampere und Oslo muss das, was jetzt fehlt, neu angeschafft werden – aus Spendengeldern.

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