Zeitung Heute : Die CDU muß ihre Mitte wiederfinden

ROBERT BIRNBAUM

Die Prognose hat sich als falsch erwiesen, aber was der CDU passiert ist, ist womöglich noch folgenschwerer: Sie ist implodiert.Helmut Kohl ist verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.Hinterlassen hat er einen leeren Raum.Derzeit ist niemand in Sicht, der diesen Raum ausfüllen könnte - oder es auch nur wollte.Wolfgang Schäuble hat es geradezu zum Programm erhoben, der CDU nicht schon wieder einen starken Anführer zu bieten.Er versucht jene Rolle weiterzuspielen, die er schon unter Kohl gespielt hat: die des intellektuellen Moderators im Hintergrund, der Entwicklungen befördert oder bremst, aber Macht nur als Mittel zu Zwecken versteht und sie letztlich verachtet.

Das wäre an sich kein Problem in einer Übergangszeit, gäbe es nicht die CSU.Der Schwesterpartei ist es gelungen, sich in Bayern vom Negativtrend der CDU weitgehend abzukoppeln.Ihr Selbstbewußtsein erscheint ungebrochen, und sie hat überdies mit Edmund Stoiber einen künftigen Chef, der seine Stellung einem Sieg verdankt, der Macht sehr wohl als Selbstzweck begreift und der sie genießt.Genau wie Schäuble spielt auch Stoiber derzeit jene Rolle weiter, die er schon unter Kohl gespielt hat: Die des An- und Quertreibers, der den Bonnern mal zeigt, wo es langgeht.Das ergibt nun aber ein Bild, das viele in der CDU schon zu Regierungszeiten nicht besonders gemocht haben: Die CSU gebärdet sich als Avantgarde der Union.Zu Regierungszeiten war das kein wirkliches Problem, weil immer klar war, daß Kohl der Koch war und die CSU nur der lärmende Kellner.Die Arbeitsteilung mochte sogar nützlich sein, um ein möglichst breites Wählerspektrum anzusprechen.Unter den neuen Verhältnissen aber verschiebt die alte Arbeitsteilung die Gewichte innerhalb der Union.Schäuble wirkt wie ein Getriebener, dem Stoiber nicht nur die Themen aufzwingt, sondern auch den Tonfall, in dem sie behandelt werden.Schäubles Plan, die CDU langsam wieder "Mitten ins Leben" zu bringen, droht so am eigenen Partner zu scheitern.

Joschka Fischer, der verblüfft zuschaut, wie die Opposition sich selbst in Schwierigkeiten bringt, hat den Konflikt als Machtkampf zwischen Schäuble und Stoiber gedeutet.Nicht wenige in der CDU wünschten sich, es wäre einer.Aber Schäuble verweigert den Machtkampf, sucht das Auskommen mit dem Bayern und nimmt in Kauf, die Gefolgsleute in der eigenen Partei allein zu lassen.Damit riskiert der CDU-Chef, daß die CSU genau in jene Leere hineindrängt, die in der CDU entstanden ist.Dieser Eindruck wird umso eher entstehen, als heute auf die Frage, wer denn möglicherweise Kanzlerkandidat der Union 2002 wird, auch in der CDU den meisten nur der Name "Stoiber" einfällt.Nicht, weil sie den Bayern für den Besten, sondern weil sie ihn für den Stärksten halten.

Die CDU läßt sich aber nicht von Bayern aus wiederaufbauen.Das Rezept von "Laptop und Lederhose" ist nicht übertragbar - in Hamburg, Frankfurt, Berlin steht CSU nicht für Modernisierung, sondern für den grobschlächtigen Lederhosen-Teil.Die CDU muß schon um ihres Selbstbewußtseins willen ihr Vakuum selbst füllen.Gelingt das nicht, ist auch die CSU früher oder später am Ende - ihr Führungsanspruch in Bayern beruht zu einem Gutteil auf ihrer Nebenrolle im Bund.Für Wolfgang Schäuble wie für Edmund Stoiber heißt das: Beide müssen eingefahrene Wege verlassen.Stoiber muß seine Ungeduld zügeln, Schäuble muß kämpfen.Es reicht nicht, wenn er wieder nur der bessere Zweite ist.

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