Zeitung Heute : Die CDU steht in Berlin vor schweren Zeiten

LORENZ MAROLDT

Die Berliner SPD wird im Schröder-Sog nach oben gerissen - und weiß gar nicht so recht, wie ihr geschieht.Nach der letzten Berlin-Wahl zerfleddert und im Sinkflug auf zwanzig Prozent, ist sie plötzlich wieder die stärkste Partei in der Stadt und hat der CDU alle West-Bezirke abgenommen.Als sei er ein wenig erschrocken, beeilte sich dann auch der Landesvorsitzende Detlef Dzembritzki zu erklären, die SPD werde die Koalition mit der CDU nicht platzen lassen und weiter "konstruktiv mitregieren" - bis zum Ende der Legislaturperiode.Aber klar ist: Ab heute scharren die Sozialdemokraten mit den Hufen, der Kampf um Berlin ist eröffnet, und der um die Spitzenkandidatur dazu.Momper, Böger, Strieder: Mindestens von den drei Herren wird bald eine Menge zu hören sein.

Was aber macht die CDU? Schüttelt sie die Schmach vom Sonntag aus dem Anzug, wenn nur alle an die eine Erklärung glauben: von Kohl versenkt? Die Partei täte sich keinen Gefallen.Sie regiert, sie stellt den Regierenden Bürgermeister - aber im Osten kommt sie kaum noch auf 15 Prozent, und sie schickt keinen einzigen Direktkandidaten in den Bundestag.Ein Desaster.So wird sie für die Stadt auf Dauer keine Verantwortung tragen können, ganz abgesehen davon, daß sie auf einen einzigen Partner festgelegt ist, der selbst aber schon erklärt hat, nach der nächsten Wahl auf gar keinen Fall mit der Union zusammen zu regieren: die SPD.

Während die CDU im Osten kein Bein auf den Boden bekommt, steht dort die PDS felsenfest.Fast ein Drittel der Ost-Berliner Wähler wünscht die Sozialisten im Bundestag zu sehen, aus welchen Gründen auch immer: aus Trotz, aus Überzeugung, aus Spaß am Sticheln.Wer glaubte, die PDS erledige sich quasi von selbst, muß umdenken, auch im Hinblick auf die nächste Wahl zum Abgeordnetenhaus.Immerhin fast drei Prozent holte die PDS im Westen, ein bemerkenswertes Ergebnis, zumal es im Schatten des Zweikampfes Schröder-Kohl zustande kam.

Für die Grünen war der Tag eher ereignisarm, ebenso für die FDP, die nicht unerwartet mit den Knien die Fünf-Prozent-Hürde streifte.Was dieses Ergebnis unter Bundestagswahl-Bedingungen für den nächsten Berliner Anlauf wert ist, wissen die Liberalen: Sie müssen schon Stabhochsprung üben, sonst wird es wieder nichts.

Schließlich Rechtsaußen.Was hatten da manche schon gebangt und gebibbert, doch am Ende bleiben sie alle draußen.Zusammengerechnet aber sind sie bei fünf Prozent.Wenn sich Republikaner, DVU und NPD einig würden oder wenn zwei der Parteien zugunsten der dritten verzichteten, dann könnte das neue Berliner Parlament im nächsten Jahr ganz anders aussehen.

Was Diepgen darunter versteht, wenn er sagt: Jetzt erst recht, das blieb zunächst sein Geheimnis, ebenso die Parole: Jetzt ran an den Bürger.Gewiß, so etwas sagt man schon mal in schwerer Stunde.Aber warum erst jetzt? Und wie? Der CDU, so viel läßt sich sicher sagen, stehen schwere Monate bevor.

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