Zeitung Heute : Die CeBIT platzt wieder aus allen Nähten

KURT SAGATZ

Viele Unternehmen geben wichtige Neuheiten bewußt nicht mehr in Hannover bekannt VON KURT SAGATZ

An der Rückbesinnung der weltgrößten Computer- und Kommunikationsmesse CeBIT auf ihre professionellen Wurzeln hatte kein Weg vorbeigeführt.Dies wurde nicht zuletzt durch den Erfolg der CeBIT Home im letzten Jahr deutlich, als die Trennung von Publikumsveranstaltung und Fachmesse vollzogen wurde.Ob dieser Schritt jedoch ausgereicht hat, um diese gigantische Veranstaltung wieder beherrschbar zu machen, muß bezweifelt werden: Über 6850 Aussteller, und damit mehr als im Rekordjahr 1994, buhlen um Aufmerksamkeit.Um diesen Ansturm zu ermöglichen, wurde die Ausstellungsfläche auf über 350 000 Quadratmeter netto erhöht, auch das ein neuer Rekord, der die Leidensfähigkeit der Fachbesucher auf die Probe stellt. Ein weiteres Indiz für die Unüberschaubarkeit des Messe-Events ist die Zahl der Pressekonferenzen.In über 100 Sitzungen versuchen die Firmen in den ersten Messetagen der CeBIT 97 ihre Neuheiten in der Fach- und Tagespresse zu lancieren, wobei der Konferenzmarathon schon zwei Tage vor dem offiziellen Start der Veranstaltung an diesem Donnerstag beginnt.Bis zu vier Konferenzen parallel sind die Folge des immensen Publicity-Interesses.Erneut verdichtet sich dadurch der Eindruck: Mit jedem neuen Thema, das die Computer- und Kommunikationsindustrie erfolgreich besetzt, platzt die CeBIT mehr aus den Nähten.Wer sich in der Kakophonie der Neuigkeiten Gehör verschaffen will, muß schon mit Nachrichten besonderen Gewichts aufwarten.Oder aber man verzichtet ganz darauf, seine mehr oder minder großen Sensationen in Hannover bekanntzugeben und sucht sich einen anderen Zeitpunkt für die Veröffentlichung.So fand beispielsweise Intels Bekanntmachung der Multimedia-Technologie MMX bereits im Januar statt.Auf der CeBIT wird das Thema nun "nur noch" fortgeführt, indem über die Nutzung der Multimedia-Befehle im Pentium-Pro-Chip berichtet wird.Auch Deutschlands erfolgreicher Microsoft-Wettbewerber im Markt um Bürosoftware, die Hamburger StarDivision, wollte nicht bis zur CeBIT warten, um die nächste Version des StarOffice-Paketes mit der Versionsnummer 4.0 ins harte Rennen um Marktanteile zu schicken, nachdem Microsoft sein "Office 97" ebenfalls nicht erst zur CeBIT, sondern bereits über einen Monat früher in den Handel gab. Gleiches passiert im Bereich Telekommunikation, in dem derzeit heftig über die neuen 56.600-Baud-Modems als Alternative zum ISDN-Anschluß diskutiert wird.Auch diese Technologie wurde nicht zur CeBIT präsentiert, wenngleich in Hannover erste Seriengeräte gezeigt werden.Nächstes Beispiel: Netscape stellt den Internet-Navigator-Nachfolger "Communicator" wenige Tage vor der CeBIT mit einer Demoversion ins Netz.Überhaupt ist es mittlerweile üblich, mit Prototypen im Gepäck nach Hannover zu fahren wie beispielsweise auch Philips mit seinem Handheld-Computer Velo 1, der mit dem neuen Windows CE-Betriebssystem laufen wird. Zusammengenommen ergibt sich aus der Vielzahl dieser Beispiele das Bild einer CeBIT, die zwar weiterhin das wichtigste Schaufenster und der bedeutendste Treffpunkt für die I+T-Branche ist, ihre Rolle als entscheidender Marktplatz von Neuigkeiten jedoch eingebüßt hat.Zu vage und unsicher ist für die Firmen inzwischen die Kalkulation, ob der Auftritt in Hannover tatsächlich das gewünschte Echo bringt. Das muß jedoch kein Nachteil sein, weder für die Messe noch für Aussteller und Besucher.Im Gegenteil: Genauer als früher ist bekannt, was die großen Themen sein werden.Schließlich verkünden die einschlägigen Fachmedien Hand in Hand mit der interessierten Industrie bereits Wochen zuvor, was den Verbraucher in der kommenden Saison zu bewegen hat.Zu den Top-Themen in diesem Jahr gehören dabei beispielsweise die Multimedia-Eigenschaften der Hardware-Komponenten (MMX, 3D, Realtime, Digital Video Disc), systemunabhängige Plattformen und Intranet sowie die Veränderungen auf dem Telekommunikationsmarkt nach dem Ende des Telefondienste-Monopols im kommenden Jahr. Dagegen haben Internet und Online-Dienste etwas von ihrer Faszination eingebüßt.Vor allem beim weltumspannenden Computernetz hat sich auch bei den Kritikern das Wissen durchgesetzt, daß sich Profis dem neuen Medium nicht dauerhaft entziehen können.Immerhin bleibt das Thema Internet trotz aller Ernüchterung noch motivierend genug und durch Marktschlachten wie der zwischen Microsoft und Netscape bekommt das Netz immer wieder neue Publicity.Als eines der neuen Top-Themen hat sich überdies das Internet für Firmen, also das Intranet entwickelt.Hier ist noch genug Bewegung im Markt, um Firmen wie Sun und Oracle Hoffnungen für ihre Netz-PCs zu machen.Durch die größere Transparenz des Marktes finden überdies Aussteller und Fachbesucher schneller zueinander.Dieser Meinung war beispielsweise auch die Langenscheidt-Gruppe, die ebenfalls bereits im Vorfeld der CeBIT ihre neueste Innovation bekanntgab: den Wörterbuch-Stift.Dieser "Quicktionary" in der Form eines Textmarkers scant gedruckte Worte ein und übersetzt sie auf einem Display.Zu sehen ist der praktische Translator natürlich in Hannover.Denn eins zeigt auch die CeBIT 97: Für Entscheidungsträger in der digitalen Welt ist diese Messe auch dieses Jahr Pflicht.

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