Zeitung Heute : Die Chance eines Wechsels

KLAUS J.SCHWEHN

Bundesbauminister Töpfer folgt dem Ruf der Vereinten Nationen auf der internationalen Bühne ins Tauziehen um den Interessenausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie einzusteigenVON KLAUS J.SCHWEHN BONN.Zunächst die gute Nachricht: Deutsche Politiker, lange genug hat es gedauert, werden in Gremien der Vereinten Nationen zunehmend akzeptiert, finden Gehör und Amt.Daß sich Bundesbauminister Klaus Töpfer nunmehr entschieden hat, dem Ruf zu folgen und Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) mit Sitz in Nairobi zu werden, ist nicht allein eine Ehre für den CDU-Politiker.Es ist auch sachdienlich vor allem deshalb, weil der ehemalige Bundesumweltminister - fünf Jahre hatte er diesen häufig in Bonn so undankbaren Posten inne - "mit kühlem Kopf und warmem Herzen", zugleich mit etlichem Sachverstand begabt - nun auf internationaler Bühne ins Tauziehen um den Interessenausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie gehen kann.Mit hochgekrempelten Ärmeln, wie es seine Art ist.Denn, das hat er vor Tagen erst in einem Tagesspiegel-Interview unterstrichen: "Ich bin mit Leib und Leben Umweltminister gewesen, und ich werde mein Lebtag umweltpolitisch engagiert bleiben".Ein Bekenntnis also, auch für die Zukunft. Und daraus folgt die schlechte Nachricht.Der Bau- und frühere Umweltminister, qua Amt nach dem Willen des Kanzlers bislang auch Berlin-Beauftragter, Sachwalter eines zügigen, kostengünstigen und möglichst reibungslosen Umzugs vom Rhein an die Spree, hinterläßt im Bundeskabinett zum Ausgang der 13.Legislaturperiode eine Lücke.Vom Amte her, zuvorderst aber von der Begabung.Denn Töpfer gehörte zu den wenigen Mitgliedern dieses Kabinetts, die unorthodox Neues zu denken sich erlaubt haben, die Niederlagen zu verschmerzen wußten.Töpfer hat auch in Zeiten konjunktureller Abkühlung unbeirrt versucht, seine ökologischen Vorgaben durchzusetzen. Der Bauminister und Umzugsbeauftragte hat es in den wenigen Jahren seines Wirkens zudem geschafft, die Vorbereitung auf den so diffizilen Wechsel von Regierung und Parlament an die Spree weitgehend zu ent-emotionalisieren.Der geborene Schlesier hat vom Gefühl her viel für Berlin, zugleich vom Verstand her viel auch für Bonn getan.Als Sachwalter des Ausgleichs sozusagen und damit als ehrlicher Makler. Töpfers Wechsel von Bonn nach Nairobi, so heißt es, sei gut für die Welt, womöglich schlecht für Bonn und Berlin.Damit richten sich die Blicke auf den Kanzler und das Kabinetts-Revirement, das rasch, schon in der kommenden Woche, über die Bühne gehen soll.Was unabhängig von Töpfers endgültiger Entscheidung anstand, weil Bundespostminister Bötsch mit der Privatisierung der Post eh seines Amtes ledig wird.Hier nun beginnt es zu knirschen: Es wäre fatal, ließe sich Kohl bei der Neubesetzung des verwaisten Postens des Bauministers und Berlin-Beauftragten allein von dem Gedanken leiten, der einfachsten Lösung den Vorzug zu geben.Das könnte heißen, dem bald brotlosen Bayern Bötsch die Töpfer-Nachfolge anzutragen. Aber wahrscheinlicher und dem Amte sicherlich gemäßer ist es, für Blutauffrischung zu sorgen und einen anderen - vielleicht sogar jüngeren - Minister zu küren; natürlich einen aus den Reihen der CSU, die Wert darauf legt, weiterhin mit vier Ministern im Kabinett vertreten zu sein.Der Parteienproporz in der Koalition will es so.Der Kanzler kann also aus der durch Töpfers Weggang geschaffenen Lücke eine Tugend entwickeln.Allerorten wird von "Herausforderungen" gesprochen, von der Notwendigkeit zu "neuem Denken".Man wünschte sich, daß solche Gedanken ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl auch im Bundeskabinett Einzug hielten. UN-Generalsekretär Kofi Annan hat sich offensichtlich von solchen Überlegungen leiten lassen, als er Töpfer in das Amt des Unep-Chefs beförderte.Auf dem Felde der Umweltpolitik liegt im Kreis der Nationen manches im argen, gibt es viele Hemmschwellen zu überwinden.Das Wort von der weltweit nötigen "Versöhnung von Ökonomie und Ökologie" ist vielerorts nicht mehr als eine Luftblase geblieben.Sperren, die von Industrienationen wie den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien oder Japan aus ökonomischen Gründen zur Behinderung ökologischen Fortschritts aufgebaut werden - der anstehende Klimaschutzgipfel im japanischen Kyoto dürfte ein schlechtes Beispiel werden - müssen überwunden werden.Besonders hier ist Fortschritt nicht schneller als eine Schnecke.

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