Zeitung Heute : Die Dämonen klirren im Cocktailglas

MEIKE MATTHES

"The House of Yes" von Wendy MacLeod im Studio des Berliner Maxim-Gorki-TheatersVON MEIKE MATTHESWenn die Welt am Ende des nächsten Jahrtausends noch ein Gedächtnis haben sollte, wird dieser Augenblick darin sein, diese offene Wunde: Die Frau trägt ein pinkfarbenes Chanel-Kostüm mit passendem Pill-Box-Hut, der Mann ein Siegerlächeln.Der Wagen fährt langsam, die Frau wirft Kußhändchen, der Mann hebt die Hand zum Victory-Zeichen, die Massen jubeln.Dann der Schuß, der Kopf des Mannes fällt in den Schoß der Frau, die Frau schreit, bäumt sich auf, gleich wird sie auf das Heck des Wagens klettern, das Kostüm blutgetränkt.Alles in Slow motion, und dazu, oh wohliger Schauder, singt Frank Sinatra "My way". Sinatra? Moment mal, hier liegt ganz offensichtlich eine Verwechslung vor.Dallas ist fern, Lee Harvey Oswald so tot, wie John F.Kennedy niemals sein wird - und die Frau, so bloody in Pink, hat ihren Kultstatus längst durch einen zweite Witwenschaft befestigt.Tatsächlich blicken wir auf ein Ereignis, das sich zwanzig Jahre nach dem JFK-Attentat in einem Washingtoner Nobel-Vorort abspielt, in einem strahlend weißen Herrenhaus - der Atridenclan der Kennedys residiert in der Nachbarschaft - auf der Wohnzimmercouch der Familie Pascal.Hier zelebrieren der smarte Marty und seine schizophrene Zwillingsschwester Jackie seit vielen geschlechtsreifen Jahren schon das beschriebene bizarre Ritual, das ihnen als Anreiz dient für ihre inzestuösen Umtriebe.Die Pathogenese dieses makabren Liebesspiels führt natürlich schnurstracks zurück zu jenem 22.November 1963, an dem Amerika seine "nationale Kastration" erlebte (so der Jackie-O-Biograph Wayne Koestenbaum) und die Pascal-Zwillinge ihren Vater verloren.Er verschwand auf mysteriöse Weise, und die kleine Jackie verdächtigt ihre Mutter, ihn im Garten vergraben zu haben. Wir blicken also in Abgründe - aber, das ist der Witz in Wendy MacLeods süffisanter Sozialsatire: Wir merken es nicht so richtig.Die Freudschen Dämonen - Mutterterror, Blutschande, Gattenmord - heben immer nur ganz kurz den Kopf.Blitzen auf in einer geschliffenen Pointe.Erzeugen winzige Strudel im plätschernden Konversationsfluß.Und ihr hämisches Lachen klingt wie das Klirren von Eis in einem Cocktailglas.Wie einen Nerzmantel, so trägt die stolze Jackie ihren Irrsinn, als Ausdruck einsamer Klasse."Sei nicht so humorlos", ermahnt sie ihren kleinen Bruder Anthony, "das ist declassé".So ist "The House of Yes", und so hat K.D.Schmidt das seltsame Stück auf der Studio-Bühne des Maxim-Gorki-Theaters auch inszeniert: als Small-Talk-Show mit doppeltem Boden.Als Familientragödie, die sich bis zur Unkenntlichkeit vermummt hat und nun als Screwball-Komödie auftritt. Klassischer kann man Klaustrophobie nicht konstruieren: Es ist Thanksgiving, ein Hurrikan tobt ums Haus, der Strom fällt aus, der Truthahn in sich zusammen.Marty, ein eleganter Zyniker (Till Weinheimer), schleppt seine neue Verlobte Lesly (Regine Zimmermann) ins Haus, eine nicht ganz standesgemäße Donut-Verkäuferin.Schlotternd und bibbernd wie eine nasse Katze steht sie im frostigen Upperclass-Ambiente (Bühne: Hansjörg Hartung), ihre Knautschlederjacke tropft, und Jackie (Anna Steffens, die auch wirklich so aussieht im akkuraten kleinen Schwarzen mit Perlencollier - der Kostümbildnerin Elina Schnitzler sei Dank) ist not amused.Der heftig pubertierende Anthony dagegen (Harald Schrott als rührender Lümmel) stürzt sich sofort auf das willkommene Objekt seiner brachliegenden Begierde.Während sich die beiden im Schlafzimmer einen von nervöser Psychomotorik getriebenen, höchst amüsanten Geschlechterkampf liefern, gehen im gegenüberliegenden Wohnzimmer die teuflischen Twins ans Eingemachte, siehe oben.Also: Einerseits das neckische Gefummel der Unschuld - andererseits die fatale Attraktion des Verbotenen.Dazwischen, so offenbart uns bei jedem Szenenwechsel die sich drehende Bühne, liegt ein langer Flur, über den zumeist die mörderische Mama (Ursula Werner) wankt, immer ein Glas in der Hand, gefüllt mit grünem Gift für die Leber.Und zu all dem singt natürlich Judy Garland "Somewhere over the rainbow", den Lullaby aller fern- und heimwehkranken Kinder. Zugegeben, die Schultern dieses fies-frivolen Lustspiels sind schmaler, als Wendy MacLoeod, die junge amerikanische Autorin, die hier zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum in Erscheinung tritt, es wahrhaben will.Sie tragen nicht den allzu gewichtigen Anspruch, im familiären Mikrokosmos die Deformation einer verwaisten Nation abzubilden.K.D.Schmidts effektvolle Inszenierung kapriziert sich auch gar nicht auf diese nur behauptete Dimension.Sie zeigt nur Menschen, die sich mit exzentrischen Allüren hinwegspielen über ihre Verluste und Verletzungen.Verzweifelte Oberflächenakrobaten.Sie warten auf den letzten Vorhang, "the final curtain", wie Frank Sinatra singt.Für Jacki O.fiel er nie. Wieder am 27.und 29.12., 8., 13., 14.und 16.1., jeweils 20 Uhr.

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