Zeitung Heute : Die Dame als Satansbraten

PETER W.JANSEN

Sie mußte schon Libidostau markieren und allmählich fünfzig werden, als sie endlich ihren Oscar bekam.Da hatte sie drei Dutzend Filme hinter sich und war mehrmals nominiert gewesen, zuerst mit 24 als rothaariges Flittchen aus Chicago neben Frank Sinatra und Dean Martin in "Verdammt sind sie alle" (1958) von Vincente Minelli.1983 aber war aus der Naiven, Unbedarften, dem Kobold und der kaum einmal wirklich raffinierten, professionellen Prostituierten die engherzige Mutter der beinharten Debra Winger geworden, eine verklemmte, verwitwete Hausfrau, die erst ein stahlharter, ziemlich verkommener Jack Nicholson aus ihrem Frust erlösen kann.

Der Film hieß auch noch "Zeit der Zärtlichkeit", und es fehlte nicht viel, und aus der quirligen Bleichhäutigen mit den Sommersprossen wäre eine Jane Wyman oder Doris Day geworden.Aber da war Shirley MacLaine vor; leicht kauzig und schrullig geworden als Alte, aber immer praktisch.Wie schon vorher in "Willkommen, Mr.Chance" (1979), in dem sie als die patente Ehefrau des todkranken Melvyn Douglas bravourös neben dem unvergleichlichen Peter Sellers besteht.Oder später in "Magnolien aus Stahl" (1989) als die nervtötende Witwe Boudreaux, vor der man am liebsten die Flucht ergreifen würde.

Sie war so oft das leichtlebige Mädchen gewesen - als der wahrscheinlich einzige weibliche Sexclown, also nicht ernsthaft sexy, neben Giulietta Masina -, bis "Irma la Douce" (Billy Wilder, 1963), daß sie sagte, ihre Liebhaber würden sie schon nicht mehr auf die übliche Weise bezahlen, sondern das Geld auf die Anrichte legen.

Von Hitchcock, ihrem ersten Regisseur, von dem sie, wie sie später gestand, zu wenig gelernt hatte ("Immer Ärger mit Harry", 1955), war sie zu Frank Tashlin (und Dean Martin und Jerry Lewis) gekommen, ins komische Fach als eines der vielen netten Mannequins in "Maler und Mädchen" (1955), das sich vor den anderen, wie man ihr bescheinigte, durch "groteske Anmut" auszeichnete.Kapriziös, bezaubernd, verschmitzt - das sind Attribute, mit denen man sie in ihren ersten zwei Dutzend Filmen belegte, als Partnerin von David Niven oder Maurice Chevalier, Robert Mitchum oder Yves Montand, Clint Eastwood und immer wieder Jack Lemmon, mit dem Billy Wilder sie schon 1960 in "The Apartment" zur absoluten Oscar-Reife geführt hatte.

Vielleicht war "The Turning Point" (1977 von Herbert Ross inszeniert) tatsächlich der Wendepunkt in ihrer Karriere als Schauspielerin, als sie eine "Ehemalige" zu spielen hatte, die (wiederum frustierte Hausfrau und Mutter) anders als Anne Bancroft auf eine Karriere als Balletteuse verzichtet hatte.Obwohl sie sich nie wirklich auf ein Rollenfach hatte festlegen lassen, kam die absolut praktische Seite ihres Charakters jetzt erst, als sie alles spitzbübische Beiwerk ablegen mußte, zum Vorschein.Jetzt erst wurde ganz unübersehbar, daß sie zwar ein weiblicher Satansbraten, aber niemals wirklich böse oder auch nur boshaft sein konnte.Ihre Rollen wurden ihr, die sich niemals ganz in ihre Charaktere aufgelöst hatte, immer ähnlicher.Sie stellte dar, was sie war: patent, zum Pferdestehlen.

Ihre Beine, von denen vor allem Frauen schwärmen, sind, schon von der Zweijährigen in der Tanzschule trainiert, so ebenmäßig schön, daß sie auch unerotisch sind, ihr Mund ist für die Sünde zu klein, ihre Lippen sind für die Sinnlichkeit zu schmal.Wenn sie ihre Lippen spitzt, ist es eher zum Pfeifen als zum Küssen.Aber man muß sie nicht nötigen, eine Dame zu spielen.Sie ist es.

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