Zeitung Heute : Die Debütanten Auch Blech glänzt

Franz Hanfstingl und Anna Schaffelhuber gelten als Nachwuchshoffnungen im deutschen Team – auch wenn sie im Slalom von Vancouver ohne Medaillen bleiben Der sehbehinderte Willi Brem ist mit seinem vierten Platz in der Verfolgung der Biathleten zufrieden

Nachwuchs im Behindertensport bedeutet nicht immer, dass die Sportler jung an Jahren sind. Im Falle von Franz Hanfstingl zumindest ist es so. Er ist bereits 29 Jahre alt; anders ist es bei seiner Kollegin Anna Schaffelhuber, sie ist erst 17 Jahre alt. Auch wenn die beiden deutschen Skifahrer nach ihren Auftaktrennen nicht so ganz zufrieden waren – Hanfstingl wurde 29. im Slalom, den der Bayer Martin Braxenthaler gewann (siehe Seite 10), Schaffelhuber wurde bei den Frauen Vierte – so gelten beide doch als die großen Hoffnungen für die Zukunft der deutschen Alpinen.

Franz Hanfstingl kommt aus dem bayrischen Bruckmühl. Er startet bei den Paralympics in der Klasse LW 12/1, ist also Monoskifahrer mit einer „niederen inkompletten Querschnittlähmung“. Seine Behinderung zog er sich ausgerechnet durch einen Skiunfall zu, als er 2006 beim Freeriden verunglückte. Er hatte am Wendelstein, einem Berg in den Bayerischen Alpen, auf der Suche nach Tiefschnee die Piste verlassen und sich schließlich verfahren. Hanfstingl stürzte eine Felswand hinab. Es folgte ein langer Krankenhausaufenthalt.

Schon mit fünf Jahren hatte der sportliche Bayer mit dem Skifahren begonnen, damals wollte er Freestyle-Profi werden. Dass er nach seinem Unfall jemals wieder skifahren würde, hatte Franz Hanfstingl anfangs selbst nicht gedacht. Ein Jahr nach seinem Unfall, im Winter 2007, lieh er sich ein Gerät aus und fuhr, einzig mit Tipps von Martin Braxenthaler gerüstet, in den Skiurlaub. Von da an war sein Ehrgeiz entbrannt. Hanfstingl widmete sich ganz dem Training, im Winter auf der Piste, im Sommer mit dem Handbike. Schon bald wird das „Deutsche Paralympic Skiteam“ (DPS) auf ihn aufmerksam, und seit April 2008 ist er Mitglied der Nationalmannschaft Ski Alpin. Auf seine Paralympics-Nominierung ist Franz Hanfstingl zu Recht stolz. Führt man sich vor Augen, dass er es innerhalb von nur drei Jahren zu den Paralympics geschafft hat, bekommt man eine Vorstellung davon, mit was für einem ehrgeizigen Athleten man es zu tun hat.

Wie für Hanfstingl, so sind die Paralympics auch für Anna Schaffelhuber noch eine neue Erfahrung. Schaffelhuber ist mit ihren 17 Jahren die jüngste der deutschen Nachwuchssportler, die für die Alpin-Wettkämpfe bei den Paralympics 2010 nominiert wurden. Die Gymnasiastin ist von Geburt an querschnittgelähmt. In Vancouver startet sie in der Klasse sitzend LW 11. Zum Behindertensport kam die Bayerin durch ihre Eltern. Mit fünf meldeten diese sie bei einem Skikurs an. Nun ist die 17-Jährige, als jüngste Teilnehmerin der Wettkämpfe, für die Paralympics in Vancouver nominiert worden. Konkrete Ziele hat Schaffelhuber sich nicht gesetzt, sie will „einfach das Beste draus machen und sich nicht zu sehr unter Druck setzen“. Das Skifahren bedeutet ihr viel: „Freiheit, purer Spaß, die Geschwindigkeit...“ Dass sie langsam zu einem Star im Behindertensport wird, genießt sie, Profi zu werden war schon immer ihr Ziel.

Wenn Schaffelhuber gerade nicht trainiert, besucht sie die 11. Klasse des Burkhart-Gymnasiums in Mallersdorf-Pfaffenberg, nächstes Jahr steht das Abitur an. Danach könnte ein Jurastudium folgen, am liebsten in München, um möglichst nah an den geliebten Bergen zu sein. Was ihre Ausbildung angeht, ist Schaffelhuber sehr diszipliniert. Der Sport ist das eine, Schule das andere. Beides unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer leicht, „doch solange man konsequent dabei bleibt, schafft man es auch“, sagt sie. So folgen auf Trainingseinheiten oftmals noch Hausaufgaben, das Lernen für Klausuren – eben der ganz normale Wahnsinn, den das Abitur mit sich bringt. Wenn sie für längere Zeit weg ist, bekommt Schaffelhuber die Aufgaben per Mail zugeschickt.

So, wie nun dieser Tage während der Spiele von Vancouver, die aus Schaffelhubers Sicht eher unerfreulich begannen. Nachdem sie den vierten Platz Sitzend-Slalom belegt und Bronze um 1,75 Sekunden verpasst hatte, sagte die querschnittgelähmte Sportlerin aus Bayerbach: „Jetzt habe ich schon Wut im Bauch. Der vierte Platz ist eine zweischneidige Sache. Es ist toll, dass ich von mir sagen kann, dass ich die viertbeste der Welt bin, aber es ist auch der blödeste Platz, den man machen kann.“ Aber Anna Schaffelhuber hat ja in ihrer Karriere noch viele Gelegenheiten, es besser zu machen. Annemieke Overweg, 18 Jahre

Willi Brem triumphierte. Er trug zwar nicht den Sieg davon, trotzdem war er zufrieden. Bei seinem ersten Rennen in Whistler wurde er Vierter. Es gab „die Blechmedaille“ wie er sagt. Doch wenn die persönliche Leistung optimal abgerufen wird und der Athlet sich bestmöglich vorbereitet hat, zählen nicht nur erste Plätze.

Es spornt den ehrgeizigen Brem an, sich mit Athleten aus anderen Nationen zu messen. Dadurch testet Brem seine Leistungsgrenze immer wieder aufs Neue und weitet diese aus. Aber vor allem will der 32-Jährige aus Ketterschwang im Allgäu sich selbst beweisen, dass er nach 16 Jahren Leistungssport immer noch zur absoluten Weltspitze gehört. Das funktioniert natürlich nur durch ein sehr diszipliniertes Leben, ständiges hartes Training und viel Ausdauer.

Aufgrund seines hervorragenden Laufes im Qualifikationsrennen des Biathlons in der Klasse der Sehbehinderten (B1) durfte Brem in der Drei-Kilometer-Verfolgung mit fast einer Minute Vorsprung auf seine Konkurrenten starten. Am Schießstand lief alles fehlerfrei, doch die Konkurrenz aus der Ukraine, Russland und Weißrussland holte schnell auf. Aufgrund eines Sturzes rückten dann auch die letzten Aussichten auf Gold in weite Ferne. Trotz allem kann der ehrgeizige Willi Brem, der im Olympiastützpunkt Freiburg als Physiotherapeut arbeitet, gut mit dem vierten Platz und der „Blechmedaille“ leben: „Das zeigt, dass wir dabei sind und dass die Form stimmt.“

Deswegen sind Brem und sein Begleitläufer Florian Grimm für die nächsten Wettkämpfe auch guten Mutes. Die Kommunikation der beiden funktionierte in Whistler wie immer reibungslos. Seit drei Jahren läuft Grimm schon vor Brem und leitet ihn per Zuruf durch die komplizierten Strecken. Durch die Geräusche der Bewegungen und durch Kommandos wie ein ständiges „Hop“ orientiert sich Willi Brem. Grimm, der früher selbst Biathlet war, warnt Willi Brem auch vor Kurven oder Abfahrten – bei rasenden Geschwindigkeiten in den Abfahrten brauchen die Athleten vor allem einigen Mut. Gemeinsam wollen es Brem und Grimm in Vancouver noch auf das Podium schaffen. Elisa Kremerskothen, 18 Jahre

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar