Zeitung Heute : „Die Deutschen müssten eine Alternative bieten“

USA-Experte Philipp Müller über die Schwierigkeiten der Amerikaner – und die Möglichkeiten einer Annäherung

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Wird das türkische Nein zum USTruppenaufmarsch in der amerikanischen Debatte wahrgenommen als Zeichen wachsenden Widerstandes gegen einen Irak-Krieg?

Die Entscheidung wird wahrgenommen. Aber noch ist offen, ob es eine zweite Abstimmung des Parlaments in Ankara geben wird. Die US-Regierung hat deshalb auch noch nicht ihre Schiffe abgezogen, was darauf hindeutet, dass sie sich diese Option offen lassen will. Doch gibt es längst neue Planungen, die über Kuwait führen.

Wird die US-Öffentlichkeit nicht nachdenklich angesichts vieler Zeichen des Widerstands: Die UN sind dagegen, Saddam sendet Kooperationssignale, nun die Türkei?

Die amerikanische Öffentlichkeit ist ohnehin sehr skeptisch gegenüber einem Krieg, wie Meinungsumfragen zeigen. Diesen Schritt will sie nur mit UN-Unterstützung und mit einer neuen UN-Resolution gehen.

Muss die Regierung auf diese Stimmung denn keine Rücksicht nehmen?

Der Hauptgrund, warum die US-Regierung den Weg über die UN versucht, ist die Skepsis im eigenen Land. Die Äußerung von Außenminister Colin Powell, wonach es für die Inspektionen noch etwas Zeit gibt, könnte ein taktisches Manöver sein, weil das Militär noch nicht so weit ist – auch wegen der türkischen Entscheidung.

Washington nennt die Zerstörung der Al-Samoud-2-Raketen Teil eines Täuschungsmanövers. Folgt da die eigene Öffentlichkeit?

Das, was Saddam Hussein macht, hat Einfluss auf die amerikanische Öffentlichkeit und muss damit auch in den Entscheidungsprozess der Regierung mit einfließen. Auch von den Kriegsbefürwortern sagt ein nicht geringer Teil, sie würden ihre Meinung ändern, wenn der Irak mit den Inspekteuren kooperiere und wirklich abrüste. Es ist ernst zu nehmen, wenn Präsident Bush sagt, ein Krieg sei nicht zwangsläufig. Die Entscheidung ist noch nicht getroffen.

Kann sich die US-Regierung trotzdem über diese Stimmung hinwegsetzen?

Ja. Sie würde dann auf den „rally around the flag“-Effekt setzen. Denn sobald der Krieg anfängt, wird die amerikanische Bevölkerung ihn unterstützen.

Aber muss Bush nicht die Menschen mitnehmen, damit er einen möglichen Fehlschlag nicht allein verantworten müsste?

Ja. Weil die Regierung Bush einen schnellen Erfolg, einen kurzen Krieg will, lässt sie ein so beeindruckendes Militärpotenzial zusammenziehen. Es heißt, in den ersten 24 Stunden werden so viele Bomben fallen wie im letzten Golfkrieg in sechs Wochen. Es geht darum, mit einem Schlag das Problem zu lösen, damit der Vietnameffekt nicht eintritt.

Welche Möglichkeiten gibt es, die US-Debatte von außen zu beeinflussen? Ist offener Widerstand dabei hilfreich?

Es ist in den vergangenen Monaten auch in den USA klar geworden, dass die deutsche Position ernster gemeint ist, als das im Wahlkampf schien. Das deutsch-französische Memorandum, das eine Ausweitung der Inspektionen fordert, hat eine Schwäche. Es definiert keinen Zeitpunkt für eine Entscheidung, ob Saddam Hussein die Auflagen erfüllt oder nicht. Genau das hat der kanadische Kompromissvorschlag getan. Die Deutschen und Franzosen müssten eine echte Alternative bieten, wenn sie ernst genommen werden wollen.

Damit ließe sich Washington beeinflussen?

Die Debatte steht mehr auf der Kippe, als wir das von Europa aus wahrnehmen. Deshalb lässt sie sich beeinflussen. Allerdings müsste in einem solchen Angebot deutlich werden, dass es nicht um einen weiteren Aufschub für Saddam Hussein geht, sondern um konkrete Kriterien, die er erfüllen muss. Das Angebot an Washington könnte heißen: Wir sind bereit, die militärischen Konsequenzen mitzutragen, wenn Ihr die Frist für die Inspektionen verlängert. Das würde die Amerikaner beeindrucken.

Das Gespräch führte Hans Monath.

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