Zeitung Heute : Die Diva als Ich-AG

Junge Opernsänger setzen ungewohnte Kreativität im Kampf gegen die Jobkrise frei

Judka Strittmatter

Wenn alles gut geht, wird sie dort vorn stehen, am Dienstagabend, in olivgrüner Seide, und dann wird er „hoffentlich da sein, der Kitzel“, nach all der Anstrengung. Sie wird singen – endlich. Verdis „Mercè dilette amiche“ aus der Sizilianischen Vesper zum Beispiel. Im Schillertheater, Großer Saal. Dann wird sie vorbei sein, die Rennerei – zur Schneiderin, zu den Proben, zu den Werbefritzen. Auch das Herumtelefonieren, das Kontakteknüpfen, die Geldakquise – passé. Nicht, dass es ihr nicht gefallen hätte, bei Herrn Dussmann zu sitzen – in seinem Büro mit dem blauen Teppich und den goldenen Uhren überall – oder bei der FDP im Bundestag anzurufen, oder einfach mit ihren Leuten bis tief in die Nacht Pläne zu schmieden.

Yvonne Motzkus, Ende 20, ist eine begeisterungsfähige junge Frau. Genau wie die anderen jungen Künstler, die bei ihrer „Sache“ mitmachen: Da ist Jewgenij, der Ukrainer, Kismara, die Brasilianerin und Johanna, die Berlinerin. Allesamt Absolventen der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Bariton, Sopran, Mezzosopran. Deutsches Fach, Italienisches Fach. Sie sind wild darauf durchzustarten, Karriere zu machen, an irgendeinem Opernhaus im Lande. Doch die Lage ist schlecht, und die Chance, gleich nach Abschluss des Studiums ein Engagement zu bekommen, mehr als gering. Das Vorsingen ist oft eine lange Odyssee durch alle Theatersäle zwischen Rostock und Rosenheim. Singen in zugigen Räumen, vor finanzgeknebelten Operndirektoren. Und man muss sich verlassen auf Musikagenten, die dann die Termine platzen lassen. „Das kostet jeden von uns eine Menge Geld“, sagt Yvonne Motzkus. Für das Fernziel Opernbühne hat sie alte Fertigkeiten reanimiert: Zwei Tage in der Woche arbeitet sie in einer Zahnarztpraxis, in ihrem alten Lehrberuf, als Zahntechnikerin. Schleift Zähne, baut Brücken, fertigt Goldinlays. Auch die anderen Diplomsänger halten sich mit Jobs über Wasser. Geben hier und da ein bisschen Unterricht, haben hin und wieder eine so genannte „Mugge“, kleine Auftritte vor wenig Publikum.

Aber das soll nicht die Zukunft sein. Damit die schneller kommt, haben sich Yvonne Motzkus und die anderen – wenn man so will – ihr eigene Arbeitsbeschaffungsmaßnahme organisiert. Sie haben das Prinzip „Tingeltour durch Deutschland“ einfach umgedreht. Das Ergebnis heißt „Klangimpulse“ – ein Opernabend, an dem sie Agenten und Theaterdirektoren einfach zu sich einladen. Das sei keine „so neue Idee“ gewesen, sagen sie bescheiden. Es habe schon die eine oder andere Studenteninitiative gegeben, die ein gemeinsames Vorsingen auf die Beine gestellt hatte. Aber haben diese Veranstaltungen im Schillertheater stattgefunden? Und hatten sie Schirmherren wie Daniel Barenboim und Adrienne Göhler? Und hat der Chef der Deutschen Oper, Christian Thielemann, bei denen Karten bestellt?

Richtig fassen können sie es selbst noch nicht. Was da ins Rollen gekommen ist, darüber sind sie „total platt“. Von wegen Kulturpessimismus, Sperrigkeit der Behörden, von wegen „Deutschland-einig-Jammertal“. Sie haben nichts von der Krise gespürt, nicht einmal Unmut. Sie haben es anders erlebt, von Anfang an, aber sie haben es eben auch anders angepackt: sich gleich an die Großen herangemacht, mit wohlformulierten Briefen, ersonnen am Küchentisch. So haben sie Daniel Barenboim gewonnen, der am Dienstag zwar in Chicago dirigiert, aber warme Worte sendet: „Es ist mir ein Anliegen, dieses beipiellose Engagement junger, hochbegabter Sängerinnen und Sänger zu unterstützen.“ Auch Adrienne Göhler, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, jubelte: „Ja! Genau so muss es gehen. Nicht in der Ecke sitzen und warten bis der Erwachungskuss kommt oder ein warmer Geldregen. Beides ist im gegenwärtigen Berlin von wenig Erfolg gekrönt.“

Geld war nie das Problem. Am Ende hatten die Initiatoren von „Klangimpulse“ 13500 Euro zusammen. Kulturmäzen Dussmann gab die größte Summe und zeigte sich beim Gespräch mit den jungen Damen wiederholt freudig erstaunt: „Wie kommen Sie bloß auf diese Idee?“, fragte er immer wieder, „so etwas habe ich noch nie gehört.“ Auch andere ließen sich mitreißen. Ein Blumenladen versprach Sträuße für den Tag X und Karl-Heinz zur Weihen, Referent für Grundstücksfragen im Berliner Kultursenat und Herr über das Schillertheater zeigte sich generös: Er überließ den jungen Sängern das Haus für „ihren Tag“ kostenlos.

Viel Kleinkram erledigten die jungen Sänger selbst. Klemmten Handzettel hinter Scheibenwischer, entwarfen U-Bahn-Werbung, kümmerten sich um Kartenabreißer, Garderobieren und Bühnentechniker. Und gewannen das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt für ihren Coup, ein Ensemble mit 69 Musikern und einer der „führenden Klangkörper des Landes Brandenburgs“, wie es im Programm heißt.

Wenn das alles nur viel Spaß, aber kein großes Engagement bringt, dann haben sie zumindestens sehr gute Erfahrungen gesammelt. Sie habe jetzt jedenfalls keine Angst mehr, irgendein hohes Tier anzurufen, sagt Yvonne Motzkus. Durch das allseitige Wohlwollen habe sich ein Selbstwertgefühl aufgebaut, das ihnen manchmal selbst noch unheimlich sei. Aber auch das wird gut gehen. Am Dienstag. Im Schillertheater.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben