Zeitung Heute : Die dunkle Seite des Mondes

SOPHIENSAELE Die Schauspielerin Birgit Doll nähert sich in „Nico. Sphinx aus Eis“ von Werner Fritsch dem Geheimnis der Underground-Diva

PATRICK WILDERMANN

I’ll be your mirror“, singt sie, mit diesem schweren deutschen Akzent in der dunklen Stimme, „reflect what you are, in case you don’t know.“ Ich werde dein Spiegel sein, spiegeln, was du bist, falls du es nicht wissen solltest. Der Song, der von einem Leben als Projektionsfläche erzählt, ist auf dieser berühmten Velvet-Underground-Platte mit der Andy-Warhol-Banane als Cover verewigt, und die Frau, die ihn singt, hieß mal Christa Päffgen, bis sie beschloss, sich Nico zu nennen. Nicht von ungefähr das Anagramm von „Icon“, Ikone. Sie hätte ihren 70. Geburtstag gefeiert in diesem Herbst, aber sie ist tot, seit 20 Jahren schon. „Sie hatte ein sehr abgründiges Leben“, sagt die Schauspielerin Birgit Doll, „manchmal erschreckt es mich derart, dass ich einen Schritt zurücktrete und es mir von außen betrachte.“

Doll, die gebürtige Wienerin, versucht zur Zeit, sich in diese Frau einzufühlen, die Model, Schauspielerin und Sängerin war, die Liebschaften unter anderem mit Alain Delon und Jim Morrison hatte und die, nach allem, was man weiß, schwer drogenabhängig und hemmungslos narzisstisch war. Aber was weiß man schon? Grundlage ist der Text „Nico. Sphinx aus Eis“ von Werner Fritsch. Ein schöner Titel, das findet auch Birgit Doll, weil er diese Mischung aus Rätsel und Unnahbarkeit versinnbildlicht. „Nico hat bewusst ein Geheimnis aus sich gemacht, auch weil sie Angst hatte vor Nähe“, sagt Doll. In Andy Warhols Film „The Chelsea Girls“ gebe es eine Szene, in der sie sich einem junge Mann anböte, doch sobald der sich dann nähere, entzöge sie sich wieder und strahle eine klirrende Kälte aus. „Obwohl“, lacht die Schauspielerin zwischen zwei Zügen an der Zigarette, „das klingt jetzt natürlich nach Küchenpsychologie.“

Lust auf Extreme

Doll ist mit ihren fünfzig Jahren zu jung, um mit der Musik von Nico oder den Werken aus Warhols Factory aufgewachsen zu sein. Abgesehen davon mag sie Warhols Spruch von den 15 Minuten Ruhm für jedermann nicht, diese Idee der Vermassung, die gehe ihr gegen den Strich. In ihrer Jugend, erzählt sie, habe sie die französischen Existenzialisten bevorzugt. Aber nun taucht sie ein in diese Zeit, in diese selbstzerstörerische Nico-Biografie, in die exzessive Poesie des Fritsch-Monologs mit seinen irrlichternden Songzitaten und Horrortripbildern. Immer wieder blitzt darin grell das Grauen der Nazizeit auf, in Gestalt von Nicos Vater etwa, der bei der Wehrmacht war. Seine lyrische, gleichsam brutale Sprache, sagt Doll, stülpe sich ihr geradezu über, und oft, wenn sie nach der Probe in ihre Berliner Leihwohnung zurückkehre, habe sie Schwierigkeiten, den Kopf wieder freizubekommen. Kein Wunder. Die Rolle der schillernden Nico, die sie sich zu Beginn mit mehreren Spielern teilt, verlangt ihr nichts als Extremzustände ab. Sie muss sich einfühlen in den Heroinrausch („Ich stelle mir das vor, als sänke man in den Schoß einer Schneekönigin, die einen geborgen hält“), in das Bewusstsein, dem Tod entgegenzugehen. Aber die Extreme liegen ihr.

Birgit Doll soll mal gesagt haben, eine Frau ohne Neurosen zu spielen, interessiere sie nicht. Sie lacht über das Zitat, meint, das sei ein wenig zugespitzt formuliert, aber auch nicht ganz falsch. Der Gretchen- oder Julia-Typ war sie nie. Schon als junge Schauspielerin, als sie äußerlich noch mädchenhaft, vielleicht sogar unschuldig gewirkt habe, hätten sie andere Rollen interessiert: eine Hedda, eine Nora, die Medea. „Reizvoll wird es, wo es an Grenzen geht, wo Verletzungen sichtbar werden und Abgründe sich öffnen.“ Sie hat eine Menge solch faszinierender, gebrochener und zugleich starker Frauen gespielt, auf der Bühne und im Film, vibrierend vor nervöser Energie und unterdrücktem Aufbruchswillen. Früher, sagt Doll, sei sie auch privat rastlos gewesen, unruhig, nicht willens, sich zu binden. Das allerdings, lächelt sie, sei mit den Jahren besser geworden.

Theater als Mutterbauch

Entflammt für die Schauspielerei ist Birgit Doll, wie es sich für eine Wienerin gehört, im Burgtheater, wo sie Inge Konradi und Josef Meinrad in einem Stück von Raimund sah. Das hat sie nachgespielt, zu Hause mit der Schwester. Später ging dann alles rasch und wie von selbst, sie wurde am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen, wo sie heute selbst unterrichtet, und nach anderthalb Jahren Ausbildung kamen schon Engagements. Von Beginn an hat sie mit den Großen gearbeitet, bei Ingmar Bergman in München Theater gemacht, für Maximilian Schell vor der Kamera gestanden, neben Walter Schmidinger gespielt.

Sie liebt ihren Beruf, kein Zweifel. Sie ist nach wie vor gefragt, sie strahlt Kraft aus, Lebenserfahrung. Aber Illusionen macht sie sich nicht. „Ich habe früh gesehen, wie banal die Schauspielerexistenz auch ist. Und ich weiß, wie leer es sich anfühlen kann, wenn man mit 50 in der Provinz sitzt, und die großen Rollen sind nicht mehr da.“ Es ist ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, das sich da im Gespräch offenbart. Das Theater habe für sie „eine Mutterbauchfunktion“, bekennt Doll, nirgendwo fühle sie sich derart beschützt. Aber sie sagt auch: „Jeder Auftritt ist Angst.“ Und wenn man ungläubig fragt: Immer noch?, dann antwortet sie: „Es wird schlimmer. Die Ansprüche an einen selbst wachsen ja. Auf der Bühne wie im Leben.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 21.11., 20 Uhr

Vorstellungen 22./23. u. 25.-27.11.

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