Zeitung Heute : Die Ecke und die Stadt

BERNHARD SCHULZ

Die beiden führenden Architektur-Jahrbücher stellen wieder einmal Berlin in den MittelpunktVON BERNHARD SCHULZZeitgleich erscheinen die beiden führenden deutschen Architektur-Jahrbücher, dasjenige des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main (DAM) bei Prestel und das "Centrum Jahrbuch für Architektur und Stadt" bei Vieweg.Das parallele Erscheinen ermöglicht den Vergleich - und befördert die bislang in jedem Jahr richtige Entscheidung, beide Jahrbücher parallel zu nutzen. Sie ergänzen sich nämlich auf hervorragende Weise (was beide Herausgeberseiten, Annette Becker und Wilfried Wang für das DAM sowie Peter Neitzke, Carl Steckeweh und Reinhart Wustlich für "Centrum", vermutlich nicht hören mögen).Das DAM-Jahrbuch ist stärker auf einzelne Bauten ausgerichtet, denen es 147 seiner 200 Seiten widmet, ergänzt um wenige, knapp gehaltene thematische Beiträge vorn sowie Berichte aus der Arbeit des DAM am Schluß."Centrum" hingegen ist der Ort ausführlichen Diskurses, wie man heutzutage sagt; den Einzelbauten, die auch hier nicht vergessen werden, sind lediglich 70 der 224 Seiten vorbehalten.Die Texte beginnen bereits auf dem Innentitel und enden erst nach der Paginierung auf der hinteren Umschlaginnenseite - so ernst ist es "Centrum" mit der Reflexion, die im übrigen an den Grenzen Wohlstandsdeutschlands nicht halt macht.So ist die diesjährige Folge geradezu verdüstert von eindringlichen Aufnahmen aus den innerstädtischen Verfallsgebieten der USA, und ein ganzer Essay-Block ist den Problemen dortiger Städte gewidmet; wobei die politischen Verhältnisse hinter den Bau-und Bodenspekulationen in den Blick genommen werden. Es ist traditionell die Stadt als Gesamtheit, die bei "Centrum" Vorrang vor der Architektur als Formgebung einzelner Bauten hat.Berlin steht wieder einmal im Mittelpunkt der Überlegungen.Das "Planwerk Innenstadt" des gewesenen Senatsbaudirektors und nunmehrigen Stadtentwicklungs-Staatssekretärs Hans Stimmann, wie spekulativ es auch sein mag, beflügelt die theoretische Kontroverse.Gut ein halbes Dutzend Beiträge umkreisen Stimmanns Versuche, mit exakten Planvorgaben die "europäische Stadt" zu "retten".Balanciert wird der Berlin-Schwerpunkt mit einem (nicht ganz so) ausführlichen Überblick über die Situation an der Ruhr, wo insbesondere dank der zahlreichen und verstreuten Vorhaben der IBA Emscherpark ein mittlerweile wahrnehmbares Geflecht von urbaner - und das heißt im Ruhrgebiet auch: arbeitsmarktwirksamer - Reorganisation zu beobachten ist."Strukturwandel" heißt das Zauberwort.Das ist zwar nicht eben neu, aber bemerkenswert in einer derart expliziten Verbindung mit städtebaulichen Interventionen. Um Stadt geht es auch im DAM-Jahrbuch - nicht jedoch um die Großform, sondern ums Detail.Den "Mangel an Sensibilität für Detailfragen", den die Herausgeber konstatieren, haben sie zum Anlaß genommen, so heterogene Themen wie die Detailgestaltung städtischer Plätze, die "Ecke im Berliner Städtebau" und "Das Fenster" vorzusehen.Über Plätze schreibt der Wiener Architekt Boris Podrecca, der nicht nur slowenischer Herkunft ist, sondern sich ganz offenkundig seinem großen Landsmann Jo«se Ple«cnik in der Entwurfshaltung verbunden fühlt.Hans Stimmanns Äußerungen zur Berliner Ecke liest man mit besonderer Aufmerksamkeit, hat sich doch der Autor in der Zeit seiner größten politischen Machtfülle als Feind aller anderen als rechtwinkligen Ecken gezeigt.Doch sein Beitrag enttäuscht als bloße Chronik Berliner Ecklösungen - und kulminiert, wie auch anders, im Lobpreis der gerasterten Friedrichstadt.Den Essayteil beschließt ein Beitrag des Wieners Hermann Czech, der den Komfortverlust der Moderne beklagt.Der Zusammenhang von Funktionalität und Askese, den Czech aufzeigt, verdiente, über den hier behandelten Bereich der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen hinaus eingehend behandelt zu werden. Was die Einzelbauten angeht, so überschneiden sich die beiden Jahrbücher nicht.Berlin ist in beiden Publikationen umfangreich vertreten.Reizvoll ist eine Polarität wie die Vorstellung zweier Restaurant-Gestaltungen: Max Dudler bei DAM, von Gerkan bei "Centrum".Oder aber derselbe Architekt - Benedict Tonon - ist mit einem Berliner Entwurf hier, mit einem Dortmunder dort vertreten.Ob die alphabetische Reihung der Einzelbauten nach Architektennamen (DAM-Jahrbuch) oder die thematische Zusammenfassung ("Centrum") die nutzerfreundlichere ist, bleibt Ansichtssache.Ein Ortsverzeichnis - das beide Publikationen entbehren - wäre insbesondere für die spätere Nutzung der doch nicht allein für den saisonalen Gebrauch bestimmten Bücher hilfreich.Wie gesagt: beide Jahrbücher sind unentbehrlich - und komplementär. Ergänzt werden sie zum zweiten Mal durch das internationale Jahrbuch "Award Winning Architecture", das - diesmal 380 - preisgekrönte Bauten aus den Mitgliedsverbänden der UIA, des Internationalen Architektenverbandes, mit Illustrationen und knappen Projektdaten ausweist.50 ausgewählte Bauten werden mehrseitig und mit Farbabbildungen gewürdigt, die übrigen folgen im lexikalischen Teil.Der ist nach Ländern und innerhalb dieser nach Architekten geordnet.Ausführliche Register - unter anderem und besonders nützlich: nach building types - machen das Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk. Annette Becker / Wilfried Wang (Hrsg.) DAM Architektur Jahrbuch 1997.Prestel Verlag, München / New York 1997, 58 DM.Peter Neitzke / C.Steckeweh / R.Wustlich (Hrsg.): Centrum.Jahrbuch Architektur und Stadt 1997 - 1998.Vieweg, Braunschweig / Wiesbaden 1997, 68 DM.Frantisek Sedlacek (ed.): Award Winning Architecture.International Yearbook 1997.Prestel Verlag, München / New York 1997, 78 DM.

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