Zeitung Heute : Die Eingangstore ins World Wide Web sind heiß umkämpft

JOACHIM ZEPELIN

Der Run aufs Internet hat in den Vereinigten Staaten die großen Medienkonzerne erfaßt.Nachdem sich der Fernsehsender NBC vorletzte Woche bei der Web-Firma Snap eingekauft hatte, verkündete Walt Disney am letzten Donnerstag, 43 Prozent der Suchmaschine Infoseek übernehmen zu wollen.Erst am Tag zuvor war bekannt geworden, daß der Telefonriese AT&T mit einem Übernahmeversuch bei AOL, dem mit 14 Millionen Kunden größten Internet-Anbieter, gescheitert war.Über den hektischen Firmenhandel freut sich derweil die Börse.Die ohnehin schon teuren Netz-Werte kletterten an der Wall Street weiter in die Höhe.

Beim derzeitigen Übernahmepoker geht es um "Portals", die Eingangstore ins World Wide Web.Dabei handelt es sich um jene Seiten, die als erste auf dem Bildschirm aufscheinen, wenn sich Surfer ins Netz klicken.Die Startseiten leiten den Online-Nutzer zu Suchfunktionen, Informationsangeboten, elektronischen Einkaufsmöglichkeiten oder zum Online-Plausch.

Bislang waren es vor allem Unternehmen wie AOL, die ihren Kunden nicht nur den Zugang zum Internet ermöglichten, sondern sie auch per Inhaltsverzeichnis durch das Netz führten.Jetzt wollen Suchmaschinen wie etwa Yahoo, Excite oder Lycos ihre starke Position im Internet mit zusätzlichen Angeboten zu eigenen Portals ausbauen.Kostenlose elektronische Briefkästen für E-Mails, individuell vom Nutzer gestaltbare Seiten und eigene Chat-Räume sollen Kunden auf die Seite bringen und vor allem an sie binden.

Das Geschäftsprinzip der Startseiten ist denkbar einfach: Wer viele Surfer durch seine Portale lockt, verdient mehr mit Online-Anzeigen und mit der kostenpflichtigen Präsentation von anderen Service-Angeboten.Die Portals setzen dabei auf die Bequemlichkeit der Nutzer, die ihre Startseite - ähnlich wie viele Radiohörer den Sender - nur selten wechseln.

Das will die Software-Schmiede Netscape mit ihrem Internet-Browser ausnutzen.Wer mit dem "Navigator" durchs World Wide Web surft, hat als Startseite nämlich die Homepage von Netscape eingestellt, solange er nicht selbständig eine andere festlegt.Dieser Vorteil machte Netscapes "Netcenter" zu einer der am häufigsten aufgerufenen Web-Adressen.Suchmaschinen zahlen darum Millionenbeträge, um auf dieser Seite ihre Dienste anbieten zu dürfen.

In dieser Woche veröffentlichte Netscape die vorläufige Version 2.0 des erheblich ausgebauten Netcenters.Surfer können dann zum Beispiel nicht nur zwischen verschiedenen Informationsgebieten wählen, die sie später automatisch auf ihrem Bildschirm finden, sie können sich mit Hilfe von "My Netcenter" auch eine Sammlung von Programmen und Links zusammenstellen, die sie mit einem Mausklick erreichen wollen."Wir sind immer noch dabei, Angebote hinzuzufügen", sagt Netscape-Direktor Ken Rutsky, "aber wir wollten den Leuten schonmal einen Vorgeschmack geben".Ende des Monats soll die endgültige Version im Internet stehen.

Erzrivale Microsoft konterte ebenfalls vor wenigen Tagen mit einer Beta-Version von "Start"."Das ist Teil der Bemühungen, alle unsere Portal-Elemente auf einer Seite zu bündeln", sagt Produkt-Manager Ed Graczyk.Dazu gehört etwa die Integration von Hotmail, dem kürzlich zugekauften kostenlosen E-Mail-Service.Für Microsoft steckt ein grundlegender Strategiewandel hinter Start.Statt des chronisch mit Verlust arbeitenden Online-Service Microsoft Networks (MSN), für den Nutzer zahlen müssen, soll vom Jahresende an die kostenlose Portal-Seite für viele Klicks und schwarze Zahlen sorgen.Auch Microsoft profitiert vom Browser, denn wer mit dem Internet Explorer surft, landet erstmal bei der Homepage von Bill Gates.

Nach Jahren, in denen kaum eine Netz-Firma Gewinne machte, geht es nun um die Startplätze für das erhoffte große Geschäft.Der Disney-Handel am vergangenen Donnerstag wurde in der Branche als deutliches Signal verstanden.Mit Aktienpaketen und 70 Millionen Dollar in bar kaufte der Medienriese 43 Prozent der eher kleinen Suchmaschine Infoseek.Der Gesamtwert des Geschäfts wird auf bis zu 900 Millionen Dollar geschätzt.Mit Infoseek will Disney sein bereits vielfältiges Internet-Programm um eine Seite erweitern: eine Portal-Seite.

Bereits in der vergangenen Woche war NBC als erste Fernsehgesellschaft in den Wettbewerb ums größte Tor zum Netz eingestiegen.Für 32 Millionen Dollar übernahm der Sender 60 Prozent von Snap, einem neuen und bislang wenig erfolgreichen Web-Portal des Computer-Nachrichtendienstes C-Net.Jetzt soll auch im Fernsehen kräftig für die Einstiegsseite ins World Wide Web geworben werden.Zielgruppe von NBC, Disney und den anderen Portalseiten sind nämlich nicht in erster Linie diejenigen, die schon durchs Internet surfen.Sie denken vor allem die Mehrheit der Amerikaner, die noch offline ist.Wenn die sich ans Netz anschließt, wollen die großen Medienkonzerne und die erfolgreichen Netzfirmen dabei sein, meistens als Partner.Die Startplätze werden jetzt vergeben.

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