Zeitung Heute : Die Einzeller

Der Rekord: Im Mini Cooper haben 21 erwachsene Menschen Platz. Dann lässt sich in diesem Wohnwürfel ja eine richtig große Party feiern.

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Von Christiane Fenske Wenn es nach dem Architekten Richard Horden geht, wird das „micro compact home“ eines Tages Münchens Wohnungsnot lösen. Das m-ch ist ein Würfel, in dem man leben kann. Seine Maße: 2,60 Meter mal 2,60 Meter. Das ergibt etwas mehr als 6,5 Quadratmeter. Sie reichen zum Schlafen und Arbeiten, zum Duschen und Kochen, obwohl sie kleiner sind als in großen Häusern die Kammer. Aus der Ferne erinnert die Größe der sechs Kuben, die in der Studentenstadt in Münchens Norden aufgestellt sind, an Abfallbehälter, in denen sonst Papier, Flaschen und Plastik verschwinden. Allerdings sehen die Häuschen aus silbrig glänzendem Aluminium besser aus.

Geht die Tür zum Würfel auf, fällt der Blick sofort auf die Toilette. Gleich daneben hängt der Duschschlauch. Wer hinein will, sollte vorher abgelegt haben. Darauf weisen die Bewohner vorsorglich hin. Denn: Was schon in engen Fluren normaler Wohnungen umständlich ist, gerät hier zum Balanceakt. Der Winterjacke und der Stiefel entledigt man sich am besten noch auf dem Steg vor der Haustür, der den Würfel umgibt und die sechs Kuben verbindet.

Christina Leuthold, seit November 2005 Würfelbewohnerin, wartet in der Küche, die einen Schritt weiter liegt. Dann bittet sie, in der vorgefertigten Sitzecke Platz zu nehmen. Zuerst setzt sie sich aber selbst hin. Dann schiebt man den Tisch so nah an sie heran, dass sie den Bauch einziehen muss. Ein Bein runter, dann fallen lassen, das zweite Bein nachziehen. So geht das. Im Würfel geschieht alles nacheinander. Der Blick aus dem großen Fenster entschädigt die Mühen des beengten Wohnens keinesfalls. Nebenan steht der nächste Würfel, links Wohnbaracken, rechts ein Fahrradschuppen.

Die Liste der Nachteile ließe sich mühelos fortschreiben. Und doch würde das den Wohnwürfeln nicht gerecht werden. Sie sind eine Übergangslösung, gedacht etwa für ein Semester, „ergänzt allerdings um die Möglichkeit, sich auf minimalem Raum persönlich zu entfalten“, erklärt Lydia Haack. Die Münchner Architektin gehört zum Team des Briten Horden, das den Würfel entwickelt hat.

Das „micro compact home“ ging aus einem Entwurf für ein Minihaus hervor, das der britische Architekt seinen Studenten an der Technischen Universität München zur Aufgabe gemacht hatte. Horden denkt an Studenten, die für ein Austauschsemester mit ein paar Koffern und ohne Möbel in die Stadt kommen. Die Idee: Man kann den Raum mit wenigen Handgriffen so geschickt verändern, dass man keine weiteren Zimmer braucht.

Entstanden sind drei Ebenen für vier Funktionen: Waschen, Essen, Arbeiten und Schlafen. Im Würfel fehlt es an nichts, denn „wir haben nicht den Standard reduziert, sondern den Platz minimiert“, sagt Lydia Haack. Heizung, Klimaanlage, Flachbildfernseher, Stereoanlage, Internetanschluss sind integriert. Hinter jedem Detail versteckt sich ein weiteres. Die Haustechnik ist komplett in die Wände eingelassen, Mikrowelle und Kühlschrank verschwinden in der Schublade. Die Sitzboxen sind Stauraum und Schlafplatz zugleich, lassen sich versenken und geben so Platz frei für Gäste.

Im Würfel gilt, was in größeren Wohnungen selbstverständlich ist. „Ist die Arbeit beendet, muss ich abschalten können und darf den Arbeitsplatz nicht mehr sehen“, erklärt Lydia Haack das „Prinzip der Mehrfachnutzung“. Will Christina, Studentin im ersten Semester, entspannen, lässt sie ihr Büro verschwinden. Dazu klappt sie entweder das ein Meter 20 breite Bett herunter und schwingt sich drauf. Oder sie schiebt den Tisch beiseite, holt eine weitere Box hervor und erhält eine zusätzliche Liegefläche.

Selbst vor Besuch graut hier niemandem, sagt die 24-Jährige. Auch den vier anderen Würfelbewohnern nicht. 150 Euro zahlen sie monatlich. Klar sei es klein, reichen tut es trotzdem, sagt die Studentin. Es stört sie nicht, dass sie vor dem Duschen Klamotten, Schuhe und Taschen aus der Nasszelle in den Wohnbereich legen muss. Das findet sie immer noch besser als einen Gemeinschaftswaschraum.

Postkarten schmücken das Einheitsgrau des Würfels, in ihrer alten Küche war eigentlich auch nicht mehr Platz als hier. Spätestens nach einem Jahr muss Christina ausziehen, „dann reicht es auch wieder“, im Moment sei es aber vollkommen in Ordnung. Eigentlich ist sie fast erleichtert, dass sie einen Teil ihrer wuchtigen Möbel, die sich in ihrer 65 Quadratmeter großen Wohnung in ihrem Heimatort Salem angesammelt hatten, vor dem Einzug verkaufen musste. Richard Horden drückt das so aus: „Die Würfel sind das Gegenteil von einer Garage für Sofas."

Normalerweise entwerfen Architekten Häuser oder Wohnungen mit großen Zimmern, da stellt man Bett, Tisch, Sofa und Stühle rein, sagt Horden. Man ist permanent damit beschäftigt, etwas zu kaufen, um den Platz auszufüllen. „Das ist im Würfel überflüssig, Kaufdruck kann nicht aufkommen. Man fühlt sich nicht verpflichtet."

Seit Jahren pendelt der Professor zwischen München und London, zwischen der Technischen Universität und seinem Büro „Horden Cherry Lee“. „Ich verbringe viel Zeit im Flugzeug. Dort kann ich auf engstem Raum arbeiten, essen und schlafen“, sagt er. Davon ließ sich der Architekt inspirieren. Entstanden ist die „Businessclass für Studenten“. Heute tut der Architekt, was nur wenige seiner Kollegen tun: Er wohnt im eigenen Entwurf. Derweil bleibt seine Wohnung im schicken Schwabing leer. Neben Studenten hat Horden eine Zielgruppe vor Augen, zu der auch er gehört. Geschäftsleute, die selten zu Hause sind und trotzdem Wert auf eine persönliche Umgebung legen. Gerade für große, international arbeitende Firmen sei es attraktiver, Mitarbeiter in Würfelsiedlungen als in abgelebten Hotelzimmern, die über 200 Euro pro Woche kosten und in denen Fenster nicht aufgehen, unterzubringen. Dass man im Hotel weniger eingeengt wohnt, ist für ihn kein Argument.

Im Gegenteil: Allein schon wegen der Verschwendung an Ressourcen sind Betten, Lampen und Fernseher im Riesenformat für ihn eine „absolute Horrorstory“ und unzeitgemäß: Kleine Formate brauchen weniger Material, was wiederum einen geringeren Energieaufwand für die Produktion bedeutet, das Produkt ist leichter, im Ergebnis flexibler.

Eines Tages, hofft Horden, können schnell ganze Siedlungen aufgestellt werden, wo sie gerade gebraucht werden. Auf einen LKW-Hänger aufgeladen, lassen sich die Würfel auf dem Verkehrsweg transportieren und nahezu überall abstellen. Heute München, morgen Berlin. Viel mehr als 15 Quadratmeter Stellfläche brauchen sie nicht, hohe Grundstückskosten fallen nicht erst an. Gehen die Prototypen, deren Entwicklung erst durch einen Sponsor möglich war, erst in Produktion, werden auch die Kosten von derzeit noch fast 50 000 Euro pro Würfel sinken. Horden sieht viele Möglichkeiten für die Prototypen. Sie ließen sich zu großen Events wie Messen aufstellen, ohne die Umgebung zu zerstören.

Kein Baum müsste für die Häuschen weichen, sie passen dazwischen.

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