Zeitung Heute : Die Entdeckung der Schnelligkeit

Behandlungsbögen zum Abhaken, Operationen an sechs Tagen die Woche – macht man eine Klinik so marktgerecht? Der Berliner Vivantes-Konzern versucht es jetzt. Ein Krankenhausreport

Ingo Bach

Zwei Beine stehen mitten in dieser Geschichte, eines an ihrem Anfang, eines an ihrem Ende. Es sind die Beine von Horst Heinrich.

Horst Heinrich stammt aus Hönow an der östlichen Stadtgrenze Berlins, er ist 77 Jahre alt, hat spärliches graues Haar und ein rundes Gesicht. An diesem Tag soll Heinrich aus dem Vivantes-Klinikum im Friedrichshain entlassen werden, nach der zweiten Knieoperation. Heinrich wackelt noch ein wenig beim Gehen. Er weiß nicht, dass seine Beine ein perfektes Beispiel für das Vorher und das Nachher in dieser Geschichte sind, in der es darum geht, wie lange Menschen in Krankenhäusern liegen sollen: Im Sommer 2003 hatte sich Heinrich das erste, das linke Knie operieren und eine Prothese für das von Arthrose zerfressene Gelenk einsetzen lassen. Damals war er drei Wochen im Krankenhaus. So hatte die Krankenkasse das damals noch vorgesehen: Knieprothese gleich 21 Tage Klinikaufenthalt. Jetzt war Knie Nummer zwei dran. Aber: Diesmal hat das Ganze nur neun Tage gedauert.

Nicht, dass Heinrichs Ärztin Karin Büttner-Janz diesmal eine revolutionäre Operationsmethode angewandt hätte … „Man hat den Patienten einfach nicht so lang in Ruhe gelassen“, sagt sie. Die postoperative Therapie wurde gestrafft, jeden Tag waren Pfleger und Physiotherapeuten mehrmals beim humpelnden Horst Heinrich. „Medizinisch notwendig war die Verweildauer von 21 Tagen im Krankenhaus nie“, sagt Büttner-Janz.

Dies ist auch eine Geschichte über ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Es heißt: Ökonomisierung von Krankenhäusern. Sie spielt in mehreren Berliner Kliniken des Vivantes-Konzerns – aber eigentlich ist dies nicht nur eine Berliner Geschichte. Rund 2200 Kliniken gibt es in Deutschland – viel zu viele für zu wenige Patienten, sagen Experten. In Berlin sind es 70 Krankenhäuser, die sich um die Patienten schlagen. Da ist es schon ganz normal geworden, dass Klinik-Chefärzte zu den niedergelassenen Kollegen in die Praxen fahren und um die Überweisung von Patienten betteln. Und nun mischt auch noch der Staat mit und will die Kliniken zwingen, ökonomischer zu arbeiten. Denn seit dem 1. Januar gelten neue Regeln – gelten die so genannten „Fallpauschalen“, die einer einträglichen Zeit ein Ende machen werden.

Früher war das so: Für jeden Tag, den der Kranke in der Klinik lag, zahlten die Krankenkassen einen Pauschalpreis. Je länger der Patient blieb, desto mehr Geld brachte er ein. Aber mit den Fallpauschalen erstatten die Kassen jetzt nur noch Durchschnittskosten pro behandelte Krankheit. Das heißt sparen. Das heißt: Früher wieder raus mit den Patienten. Nur wie?

Und da kommt Vivantes ins Spiel. Der Berliner Klinikkonzern, in dem neun ehemals städtische Krankenhäuser zusammengefasst wurden, ist in Deutschland ein Vorreiter für das Projekt „preiswerteres Krankenhaus“. Was sich ja erst mal gut anhört. Dass es in den Vivantes-Kliniken aber auch Brandbriefe, spontane Versammlungen und Ängste gibt, das liegt daran, dass Sparen auch heißt: Personal entlassen und Stationen schließen.

In Zukunft geht also die Ökonomie mit den Ärzten auf Visite. Die müssen jetzt lernen, dass Patienten Kostenfaktoren sind. Bis 2008 soll ein Vivantes-Patient durchschnittlich 2800 Euro kosten. Derzeit sind es noch 3219 Euro.

Wie das gehen soll, ist natürlich erst einmal getestet worden, und zwar in Friedrichshain. Bis Ende des vergangenen Jahres hatten Experten drei Monate lang den Klinikalltag geprüft und diverse Schwachstellen gefunden. In den Operationssälen zum Beispiel. Die erleben ihre „Kapazitätsspitzen“ am Montag und am Dienstag, fanden die Prüfer heraus, das müsse besser verteilt werden. Und warum ist in den teuren Sälen ab 16 Uhr oft nichts mehr los? Franziska Mecke, Chefin aller Schwestern und Pfleger von Vivantes, unter deren Leitung der Test lief, wünscht sich eine „Freigabe der Ladenöffnungszeiten“ – Operationen bis mindestens 20 Uhr an sechs Tagen die Woche also.

Eine andere der zeit- und geldsparenden Ideen sind die so genannten „Behandlungspfade“. Das sind große Bögen mit vielen Kästchen und Spalten zum Abhaken jener Prozedur, die sich Behandlung nennt. In der Zukunft soll es irgendwann für fast jeden Patienten mit einer standardisierbaren Krankheit so einen Pfad geben – was dann straffere Tagespläne mit weniger Leerlauf garantieren soll. Patienten wie Horst Heinrich, die ein neues Knie bekommen, sollen idealerweise diesem Pfad folgen: Am Tag eins nach dem Eingriff hat der Patient zum ersten Mal zu urinieren. Am zweiten sollte er im Bett sitzen können, am dritten sinkt das Fieber unter 38,5 Grad („im Ohr gemessen“). Am vierten geht er in Begleitung zur Toilette, und ab dem fünften Tag übt er Treppensteigen. Entlassung am neunten Tag.

Horst Heinrichs Ärztin, Karin Büttner-Janz, nennt die Pfade eine wichtige Orientierungshilfe. Denn wenn Patienten immer schneller entlassen werden müssen, sei eben auch die Gefahr größer, mal einen Behandlungsschritt zu vergessen.

Die Assistenzärztin Cora Jacoby dagegen würde am liebsten nichts mehr hören von der ganzen Saniererei. Sie steht ganz vorne in den Reihen der Opposition. Jacoby, Ringelshirt und kurz geschorenes Haar, ist privat Globalisierungskritikerin und beruflich Rebellin. Sie trifft man auf den Fluren des Klinikums Neukölln, dort, wo seit ein paar Tagen Ernst gemacht wird mit der Umstellung auf die neuen Ideen. Gerade hat Jacoby gemeinsam mit 177 Kollegen einen bösen Brief an den Vivantes-Chef geschickt. Inhalt: dass die Wartezeiten in der Notaufnahme schon jetzt oft unzumutbar lang seien und die Stationen nachts unzureichend besetzt. „Wenn sich zwei Schwestern um fast 40 Kranke auf der Station kümmern müssen, könnte das kritisch werden.“

Auf der anderen Seite der Barrikaden steht Wolfgang Schäfer. Ihn trifft man im Chefzimmer in der Reinickendorfer Vivantes-Zentrale. Seit fast vier Jahren leitet der 60-Jährige den Konzern. Schäfer ist kein Arzt. Er ist Diplom-Verwaltungswirt. Wie immer trägt er auch an diesem Tag einen eleganten Anzug, wie immer ist sein Gesicht leicht gebräunt. Er verbreitet eine Aura der Selbstsicherheit, die bei Vivantes viele als Arroganz interpretierten.

Schäfer ist keiner, der sich anbiedert. Und schon gar nicht bei den aufmüpfigen „Assis“ in Neukölln. „Fundamentalkritiker eines jeden ökonomischen Umbaus“, nennt er sie und rutscht angriffslustig auf dem Ledersofa nach vorn. Und die Klagen über lange Wartezeiten seien auch unbegründet. Im Durchschnitt seien die Patienten bei Vivantes nach 142 Minuten versorgt. Sagen die Statistiken.

Aber Schäfers Selbstsicherheit ist angekratzt. Seine einsamen, einem strengen Wirtschaftlichkeitskurs folgenden Entscheidungen hatten ihm Ärger mit den 14 000 Mitarbeitern eingebracht; er ist eben kein begnadeter Kommunikator. 1700 Stellen sollen bis 2008 noch wegfallen, Urlaubs- und Weihnachtsgelder sind bereits gestrichen. Und weil er sein Versprechen gebrochen hatte, den Landesbetrieb schon 2003 aus der Verlustzone zu führen, hat der Berliner Senat ihm vor einem halben Jahr auch noch Berater von McKinsey vor die Nase gesetzt.

Wo das alles hinführen wird, weiß niemand genau. Denn Erfahrungen, wie man eine öffentliche Klinik marktschnittig macht, gibt es bisher wenige. Die einen haben Angst, dass Kranke nicht mehr richtig genesen können, weil man sie zu früh aus den Betten wirft. Andere meinen, der Markt werde das schon regeln: Käme heraus, dass eine Klinik ihre Patienten zu früh entlässt, würde kein Arzt mehr Kranke einweisen. Die Lager sind fest betoniert, der Umgang ist rau.

Horst Heinrich war es im Übrigen egal, dass er schon nach neun Tagen entlassen wurde. Dem Knie geht’s gut.

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