Zeitung Heute : Die enttäuschten Bewunderer

Auf die Bevölkerung in Nahost hat bin Laden wenig Einfluss

Andrea Nüsse[Amman]

Die neue Botschaft von Osama bin Laden bestätigt der arabischen Welt, was viele hier denken: Es gab bisher keine Verbindung zwischen den islamischen Extremisten von Al Qaida und den „sozialistischen Apostaten“ in Bagdad. Der drohende Krieg der USA gegen den Irak wird jedoch als ungerechtfertigt angesehen und daher als Angriff auf die arabische Welt, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Bodenschätze empfunden. Daher lehnen ihn im Nahen Osten alle Bevölkerungsgruppen, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Ausrichtung, ab. Diese Ablehnung hat Osama bin Laden nun lediglich in religiöse Terminologie verpackt. Das hat der saudische Großmufti vor wenigen Tagen während der Pilgerfahrt bereits in ähnlicher Weise gemacht, ohne zu Selbstmordanschlägen aufzurufen. Der Einfluss der Bin-Laden-Botschaft auf die öffentliche Meinung in der arabischen Welt wird daher als gering eingeschätzt.

Wenn westliche und arabische Beobachter davon ausgehen, dass extremistische Terrorgruppen wie Al Qaida weiter Zulauf erhalten, liegt das weniger an solchen Wortmeldungen bin Ladens. Diese Annahme basiert eher auf der Beobachtung, dass breite Bevölkerungsschichten die Politik der USA als arrogant und selbstherrlich sowie als den Versuch empfinden, die Region entsprechend den US-Interessen umzugestalten. Der mögliche Krieg gegen den Irak ist dabei nur das letzte Glied in einer Kette. Begonnen hat das, was als Ablehnung der arabisch-muslimischen Welt empfunden wird, nach dem 11. September. Die Diskriminierung von Muslimen in den USA, die willkürlichen Festnahmen und Ausweisungen, die Schikanen, die Araber bei der Einreise in die USA über sich ergehen lassen müssen – dies hat dazu beigetragen, dass viele Menschen die US-Politik als Angriff auf ihre Identität empfinden.

Sympathie für die USA

Auch wenn die USA bisher wegen ihrer Nahost-Politik kritisiert wurden, so dominierte doch breite Bewunderung für das politische System der USA, die individuellen Freiheiten und die Bürgerrechte. Diese Bewunderung schwindet zusehends. Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ wies in ihrem jüngsten Jahresbericht 2002 auf die Auswirkungen hin, welche die Einschränkung von Grundrechten in den USA im Namen des Kampfes gegen den Terror auf die arabische Welt haben. Die Botschaft sei, dass Grundrechte in Zeiten der Krise willkürlich beschnitten werden können – genau das seien die Menschen aber von ihren eigenen Regierungen gewöhnt. Der Modellcharakter des amerikanischen politischen Systems geht verloren. Umso hohler klingen in den Ohren vieler Araber die US-Beteuerungen, man wolle Krieg führen, um sie endlich an den Errungenschaften westlicher Demokratie teilhaben zu lassen. Die USA verlieren ihren Referenzcharakter in Sachen interne Demokratie. Und ihre Politik in Palästina und im Irak leistet einem neuen, tief greifenden Anti-Amerikanismus Vorschub – quer durch alle Bevölkerungsschichten. Beobachter befürchten, dass diese Entwicklung und die Machtlosigkeit arabischer Regierungen einen Nährboden für Extremisten wie die der Al Qaida bereiten könnten.

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