Zeitung Heute : Die Erben von Grünau

Philipp Mausshardt

Wer Alfred Fisch wirklich war, können Barbara von Hövel (geborene Fisch) und ihr Bruder Axel Fisch noch immer nicht sagen. Aber in den letzten zehn Jahren, in denen sich die Restauratorin und der Übersetzer aus München mit ihrem Großvater beschäftigten, sich durch Aktenberge lasen und nach noch lebenden Bekannten von ihm suchten, wuchs in ihnen die Gewissheit, dass er kein Nazi war. Eine Erkenntnis, die sie fröhlicher machte als das, was man unter normalen Umständen den eigentlichen Glücksfall nennen würde: Die Geschwister erfuhren vor zwölf Jahren, dass sie eine von der Stasi genutzte Villa in Berlin-Grünau geerbt hatten. Das herrschaftliche Anwesen hatte vor dem Krieg dem Textilfabrikanten Alfred Fisch gehört.

Es war in der Wendezeit;die Mutter der Geschwister kehrte von einem Familientreffen zurück und berichtete ihren Kindern von einem erstaunlichen Gespräch. Ein Bekannter hatte erwähnt, dass da ja noch diese Villa vom Großvater in Berlin herumstehe. Ein Haus, von dem niemand wusste. Alfred Fisch war schon mehr als 30 Jahre tot, sein einziger Sohn auch, und in der Familie hatte man nie viel über früher erzählt. "Wir wussten nur, dass Alfred Fisch Schneider war, einen kleinen Betrieb aufgebaut hatte und während des Krieges nach Cham in die Oberpfalz zog", sagt Enkelin Barbara.

Im Sommer 1990 fuhr Barbara Fisch, damals 28, nach Grünau. Das Haus sollte in der Regattastraße stehen. "Ich fotografierte alle Häuser dort, weil ich die Nummer nicht wusste", erzählt sie. Fast am Ende der Straße war da noch eine große Villa. "Die nahm ich auf, weil sie mir gefiel. Ich dachte, die ist es wohl nicht." Sie war es. Eine Jugendstilvilla, ein Nebengebäude, ein Schuppen, fünf Garagen, ein Park, ein Steg. Im Grundbuch fand ihr Bruder den Eintrag: gekauft 1936 von Alfred Fisch für 51000 Reichsmark. Die Geschwister stellten Antrag auf Rückübertragung.

Die Nachricht von den Ansprüchen zweier "Wessis" löste in Grünau einen Schock aus. Nicht dieses Haus! Nicht dieses Symbol! Nicht dieses verhasste Stasi-Gebäude, dass die Grünauer im Januar 1990 besetzt hatten und das ihnen zur steinernen Versicherung geworden war, endlich Herr im eigenen... Nicht dieses Haus! Schon hatte sich ein "Ortsverein" Grünauer Bürger gebildet, der die Spitzelvilla in ein Kulturhaus umbaute. Stefan Heym, den man von diesem Stasi-Stützpunkt aus in seiner nahen Wohnung aus überwachte, war der Erste, der hier zu einer Lesung einlud. Die Musikschule und die Bibliothek waren eingezogen und, ein Wassersportmuseum war geplant. Die Volkshochschule wollte Kurse in der Villa abhalten. Die Grünauer wehrten sich. Sie hatten nicht die Stasi-Burg erobert, damit anschließend die Erben eines Nazis triumphierten. Ja, Nazis! Alfred Fisch war nachweisbar Mitglied der NSDAP. Barbara und Axel Fisch waren fortan in allen Äußerungen des Kultur- Stadtrates von Köpenick, in allen Pressemitteilungen und Ansprachen "die Erben des Nazi-Mitläufers Fisch".

Es folgte ein zehn Jahre langer juristischer Streit, letzte Instanz: das Bundesverwaltungsgericht. Das Geld für den Anwalt, fast 70000 Mark, liehen sich die Geschwister zusammen. Vor zwei Monaten wurden Axel und Barbara Fisch als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen. Ein Haus, von dem sie nichts wussten, von einem Großvater, den sie nicht kannten.

Die Fisch-Enkel hatten sich auf die Suche gemacht. In Regensburg fanden sie Akten zu Alfred Fischs "Entnazifizierung", in Berlin noch einige Menschen, die ihn kannten. Alfred Fisch, NSDAP-Mitglied von 1933 bis 1944, Mitglied im "Nationalsozialistischen Kraftfahrer Korps", in der "Deutschen Arbeits Front" und in der "Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Arischer Fabrikanten". "Als wir das lasen", sagt Barbara von Hövel, "waren wir erschrocken. Wir haben befürchtet, er hat das Haus billig einem Juden abgenommen. "

Doch je länger sie forschten, umso mehr veränderte sich das Bild vom Großvater. 1944 war er aus der NSDAP "wegen parteischädigenden Verhaltens" ausgeschlossen worden. Einen Kommunisten, den Bügler Boehse, hatte Alfred Fisch, nachdem ihn die Nazis aus der Haft entlassen hatten, wieder eingestellt; einem NSDAP-Mitglied hat er gekündigt. Bei der Bank, berichtete die ehemalige Angestellte Katharina Sailer, habe er immer laut mit "Grüß Gott" gegrüßt und ihr Nazi-Witze erzählt. Sie habe sich um Fisch Sorgen gemacht, "da stand doch KZ drauf". Die Gestapo vernahm Fisch mehrfach. Schließlich fanden die Enkel sogar noch Nachfahren des Vorbesitzers Leon Buckowski, eines polnischstämmigen Katholiken. "Ich hätte eine andere Auskunft kaum ertragen", sagt Barbara von Hövel.

Heute treffen sich die neuen Besitzer und die Grünauer Bürger zum ersten Mal:bei einer Pressekonferenz. "Der Bezirk hatte uns geraten, keinen Kontakt mit den Erben aufzunehmen", sagt die Vorsitzende des Ortsvereins, Mechthild Schulze. "Das war vielleicht ein Fehler." Wenn die Fisch-Enkel in den vergangenen Jahren heimlich um die Villa schlichen, trauten die sich nicht, jemanden anzusprechen. "Ich hatte einfach Scheu. Wir wollten ja nie jemanden vertreiben", sagt Barbara von Hövel. Die Villa haben die Geschwister inzwischen für eine eher symbolische Miete an den Bezirk vermietet.

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