Zeitung Heute : Die Erde bebt

Heinz Rösler war damals 21 Jahre alt

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Der 3. Februar war für uns eigentlich ein Fliegeralarm wie viele andere auch. Wir wohnten in Rummelsburg, bis dorthin sind die Bomber noch recht selten gekommen. Man konnte das an der Frankfurter Allee erkennen, wie weit sie waren. Mit jedem Angriff kamen sie ein bisschen näher, denn sie machten immer dort weiter, wo sie beim letzten Mal aufgehört haben. Und immer nur auf die Wohnquartiere! Das Kraftwerk Rummelsburg zum Beispiel, das haben sie verschont.

Natürlich sind wir wie bei jedem Alarm in den Keller gegangen, nur der Luftschutzwart blieb draußen. Das ging alles ganz automatisch: Erst die Radiomeldung, dann die Sirenen, man griff seine kleine Tasche, die war immer gepackt, und ging hinunter. Man war völlig apathisch, denn es gab ja fast an jedem Tag zwei Mal Alarm. Nachts hat man sich manchmal gefragt, ob man sich überhaupt schlafen legen soll.

Dann die Warterei unter der Erde. Wir waren da ja regelrecht eingesperrt. Die Erde bebte, der Kalk rieselte von den Wänden, das Licht flackerte. Und wir konnten nichts machen. Draußen hätte man ja sehen können, woher was kommt. Man hätte wegrennen können. Hier unten wartete man nur, und man wusste, dass man hier umkommen könnte.

Hassgefühle gegen die, die da die Bomben warfen, gab es nicht. Es gab eigentlich gar keine Gefühle mehr. Man hat ja nur noch aufs Ende gewartet. Die Deutschen waren ein regelrecht abgestumpftes Volk. Dass der Krieg verloren war, das war mir schon lange klar, das habe ich schon an der Front mitbekommen. Und dass wir Deutschen mit der Bomberei begonnen haben, das war mir auch klar. Jetzt kam das eben zurück. Man konnte nur warten und hoffen, dass man das alles überlebt.

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