Zeitung Heute : Die Erde brennt und bebt

Julia Rehder

Tief dunkelblau wirkt das Meer und kräuselt sich, bewegt von einer leichten Brise. Ein Fischer wirft Netze aus und erzählt von seinem Beruf. Wie schwierig es heutzutage sei, von der Fischerei zu leben. Und, dass sein Sohn einen anderen Beruf erlernen soll. Der Fang reicht dieses Mal nur für eine Vorspeise. Mit seinem feuerwehrroten Regencape und Gummistiefeln gibt der Bretone einen malerischen Kontrast zu dem tiefen Blau des Atlantiks. Wie inszeniert wirken die Bilder, die Elke Sasse mit ihrer Kamera einfängt. Sie spiegelt die Erinnerung der Schriftstellerin Beno¬¤te Groult wieder, die nach 50 Jahren die Spuren ihrer Kindheit in der Bretagne sucht.

"Uns geht es darum, den Klappentext eines Buches um die persönliche Art zu erweitern", erklärt Hans-Günther Brüske, Arte Koordinator des ZDF, bei der Vorabpremiere der sechsteiligen Reihe "Mein Land, Meine Liebe", die heute Abend auf Arte startet. Die Dokumentation "Mit Beno¬¤te Groult in der Bretagne" ist die vierte Folge, in der bedeutende europäische Schriftsteller den Landstrich zeigen, in dem sie geboren und aufgewachsen sind oder der ihnen als Quelle der Inspiration diente. Ein Reisemagazin, das die individuelle Wahrnehmung bewusst in den Mittelpunkt rückt. "Wir versuchen für ein Land zu werben, ohne es durch den Tourismus verderben zu lassen", zeigt Brüske einen Spagat auf, der elitär und widersprüchlich anmutet und um so neugieriger macht.

"Salz auf unserer Haut" war der Roman, mit dem die Wahl-Pariserin den Sprung in die europäischen Bestsellerlisten schaffte. Natürlich wollten die Fischer später von ihr wissen, wer von ihnen die Vorlage für die romantische Liebesbeziehung gab. Doch es hätte jeder sein können. Die Landschaft war das Entscheidende.

Immer wieder verwandeln am westlichsten Zipfel Frankreichs die Gezeiten Wasser in Land und Land in Wasser. Wer nicht rechtzeitig den Rückweg antritt, findet sich auf einer Insel wieder, die für ein paar Stunden vom Rest der Welt völlig abgeschieden ist. "Das ist ein idealer Platz für ein leidenschaftliches Rendezvous. Ich glaube ganz bestimmt, dass der Ort, an dem man seine Kindheit verbracht hat, sehr prägend ist. Für mich wurde er zur Nahrung all meiner Gedanken", erzählt Groult, die im Kurzfilm mit sichtbarer Freude im Schlick watet, Krebse aus der Reuse fischt und Austern schlürft.

Doch sie sieht auch die Veränderungen und nimmt sie wehmütig unter die Lupe. "Salz auf unserer Haut" wird im Film zum Sand unter den Fingernägeln. Denn die Krebssammler suchen in der Flußmündung des Aven jedes Rinnsal ab, um ihr Leben als Fischer auch weiterhin fristen zu können.

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