Zeitung Heute : Die Erinnerung sucht ihren Ort

PETER VON BECKER

Dies ist die einzige wohl unstrittige Erkenntnis aller aktuellen Debatten über das Selbstverständnis einer "Berliner Republik" und über Martin Walsers Friedenspreisrede: Die Identität dieses Landes beruht nicht nur in Sonn- und Feiertagsreden auf der Vergewisserung der eigenen Geschichte.So erfährt jetzt auch die Auseinandersetzung um das Berliner Holocaust-Denkmal eine aktualisierte Dringlichkeit.

Über die Jahre des Redens, Planens, Streitens und zwei Kunst-Wettbewerbe hin schien vor allem der symbolische Gestus des geplanten Mahnmals im Vordergrund zu stehen.Das erklärt, warum zuletzt der Entwurf einer riesigen, begehbaren Skulptur aus fast dreitausend grabsteinähnlichen Betonstelen zur Debatte stand.Diesem Modell des New Yorker Architekten Peter Eisenman setzt die neue Bundesregierung, vertreten durch ihren Kulturstaatsminister Michael Naumann, nunmehr den Plan einer kombinierten, vielgestaltigeren Gedenkstätte entgegen.Südlich des Brandenburger Tores soll in einer Art Gedenkhain ein Bau entstehen, dessen Architektur, ähnlich wie der Libeskindbau des Berliner Jüdischen Museums, bereits für sich ein erkennbares Zeichen setzen soll - und das im Inneren ein erstes deutsches Holocaust-Museum sowie eine Bibliothek zum Thema und eine historische Forschungsstätte beherbergen würde.

Naumanns noch nicht in allen Einzelheiten konkretisierter, offenbar durch Bonner Indiskretionen vorschnell publik gewordener Plan wirkt diesmal doch genauer durchdacht als eine frühere Idee, nach der eine Filiale von Steven Spielbergs Shoah-Foundation mit Kopien der 50 000 auf Videos dokumentierten Aussagen von Holocaust-Überlebenden anstelle des Denkmals plaziert werden sollte.Ohne hierbei den weiteren Kontext und die Gestaltung des Präsentationsortes bereits mitzubedenken.

Gemeinsam sind allen seriösen Alternativen die beiden folgenden Bedenken gegenüber einem rein symbolischen Denkmal: Wer wäre eigentlich der Adressat eines solchen Monuments, das im Nachfolgestaat des Nazireichs nicht die Überlebenden des Holocaust, nicht die Angehörigen der Toten, sondern die Nachfahren (auch) der Täter den einst Ermordeten setzen? Und: Würden sich kommende Generationen angesichts eines völlig abstrakten Betongeländes mitten in Berlin noch des gemeinten Anlasses, eines gerade hier zu beschwörenden, zu betrauernden Menschheitsverbrechens erinnern?

Anders als in der Musik oder Literatur ist in den Sphären von Architektur und Bildhauerei ein einziges artifizielles Symbol, das die historische und moralische Dimension von Auschwitz gleichsam dinglich beschwört, kaum noch vorstellbar.Im Zuge des Generationswechsels, der auch einen Stil- und Mentalitätenwandels in Politik und Gesellschaft bedingt, wächst zudem das Bewußtsein: Wir stehen am Ende dieses Jahrhunderts vor einer Zeitenwende nicht nur des kalendarischen Zufalls wegen.In wenigen Jahren wird es die letzten Zeugen des Holocaust nicht mehr geben.Das verändert zwangsläufig jede Art des Gedenkens - die auf dem Gedächtnis gründet."Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", lehrt der Talmud.Erinnerung aber beruht, jenseits des Selbsterlebten, auf Überlieferung.Auf Bezeugung und Überzeugung.

Insofern könnte die Idee einer Gedenkstätte, die anstelle des steinernen virtuellen Friedhofs ein Platz der Anschauung und Begegnung wäre, der Schritt zur Lösung des Mahnmal-Dilemmas sein.Notwendig wäre bei dem neuen integrativen Modell allerdings die Zusammenarbeit mit den authentischen KZ-Gedenkstätten sowie die sinnvoll ergänzende Verbindung zu Institutionen wie dem künftigen Jüdischen Museum und der Berliner "Topographie des Terrors".Verheißungsvoll klingt dabei die angekündigte Zusammenarbeit mit dem Holocaust Museum in Washington, mit der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem und dem New Yorker Leo Baeck Institute.

Vom Denkmal zur Gedenkstätte: Die Architektur, die Finanzierung wären überhaupt erst zu debattieren.Aber der Verzicht auf einen zentralen Ort der Erinnerung auch für kommende Generationen ist in Berlin und gewiß auch im Deutschen Bundestag nun nicht mehr das Thema.

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