Zeitung Heute : Die Erotik des Alters

SIMONE MAHRENHOLZ

Über Sex reden: Heddy Honigmanns Dokumentarfilm "O Amor Natural"

SIMONE MAHRENHOLZ

Ist dies ein Film über Dichtung? Über Eros und Poesie? Über die Liebe? Über Brasilien und den Dichter Carlos Drummond de Andrade? Ist dies ein Film über das Alter? Oder einer über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern?

Ein raffinierter Film ist es allemal.Scheinbar tut die holländische Regisseurin Heddy Honigmann ("Tot Ziens") nichts anderes, als älteren Schönheiten ab Siebzig in Rio Gedichte des brasilianischen Poeten Carlos Drummond de Andrade vorzulegen: Erotische Gedichte, die der mehrfach für den Nobelpreis Vorgeschlagene im Alter zwischen 70 und 85 verfaßte.So sucht Honigmann sich gezielt diese Altersgruppe aus, auf Märkten, in Cafés und Frisiersalons, um sie aus dem Band ein Gedicht ihrer Wahl lesen zu lassen.Sie rezitieren, und siehe da, schnell ist das Gespräch mitten in den eigenen erotischen Erfahrungen ihrer Gesprächspartner.

Das ist häufig komisch und manchmal dann plötzlich wieder sehr ernst.86jährige Damen erläutern ihre Theorie und Praxis des Seitensprungs.Weißhaarige alte Damen scherzen vergnügt, sie hätten mit Sex ihren Gatten "umgebracht".Und immer wieder schlägt dabei zwischendurch die Göttin der Kunst zu.Dann liest etwa ein alter Intellektueller begnadet vor und senkt am Ende wider Willen den Blick erwischt von dem herrlichen Text.Und hebt die Augen vorsichtig, hält der Kamera stand, Tränen in den Augen, lächelnd.

Nicht nur in solchen Momenten ist der Film großartig.Honigmann erwischt Momente, durch die auch das eigene Herz des Zuschauers sich aufschwingt in den Olymp der Kunst über den Himmel Rios.Und so liegt es dann vor uns: das pulsende Herz Brasiliens, die mannigfachen Formen der Liebe, dazu strahlende Augen der Sprechenden und bisweilen sogar direkte Anträge."Ja, ich hätte nichts dagegen, es mit Ihnen auszuprobieren", sagt ein 67jähriger Mann auf Honigmanns Frage, ob er noch körperlich liebe.

Überraschend erweist es sich als kluger Schachzug, gerade Alte nach der Natur der Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu fragen.Sie wissen mehr, haben schließlich mehr gelebt, und dies in einer der lebenslustigsten Städte der Welt und in einer Zeit, die längst untergegangen ist.Siebzigjährige Freundinnen erklären das Geheimnis der Treue: stets als ein Anderer, als eine Andere lieben.Und eine würdige alte Dame am Strand erzählt zu ihrer eigenen Überraschung "vom glücklichsten Moment ihres Lebens": mit einem Fischer auf einem lichtumfluteten Felsen.Wieder eine spricht von der Ehe-Lehre ihrer Mutter: "Denke nicht an dein Vergnügen, es gibt keins!" Honigmann fragt hier stets sanft nach, und so berühren wir Geheimnisse, die freimütig und oft mit lachender Glut erzählt werden.Indiskret wird der Film nie.

Nebenbei erfahren wir Details über das Leben Drummond de Andrades, der diese Texte nie veröffentlichen wollte, aus Angst vor einem Pornographie-Vorwurf.Drummond schreibt, so Honigmann, "mit der Vitalität eines jungen Liebhabers und zugleich mit der Reife eines alten Mannes".Wie charakterisiert eine alte Frau im Film das Ergebnis scherzend: "Unanständigkeit plus Kunst gleich Erotik".

Filmbühne am Steinplatz und fsk (OmU), Hackesche Höfe 





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