Zeitung Heute : Die erste Nacht allein

Von Tanja Stelzer

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Es sollte schon öfters mal eine erste Nacht ohne Noah geben, aber jedesmal kam es im letzten Moment nicht dazu. Interviewtermine, für die eine weite Reise notwendig gewesen wäre, wurden kurz vorher abgesagt. Noah war krank. Ich war krank. Es war mir jedesmal nicht ganz unrecht.

Diesmal wollten wir mit S. und J. ins Theater. Für S. war es ein Geburtstagsgeschenk. Das Stück kannten wir nicht, aber beim Vorverkauf hieß es, die Kritiken seien prima gewesen. Als wir Noahs Tagesmutter baten, babyzusitten, fragte sie, ob er nicht einfach bei ihr übernachten könne. Am Nachmittag sei Noah ja sowieso bei ihr. Ich wusste nicht so recht, andererseits fiel mir kein Grund ein, der dagegen sprach.

Nachmittags rief S. an und fragte, ob man die Theaterkarten umtauschen könne. S. und J. hatten ihre Babysitterin vorsorglich schon am Nachmittag bestellt, aber Luka hatte sie nach dem Urlaub nicht wiedererkannt. Er versteckte sich seit Stunden hinter den Beinen seiner Mutter. Das Schlimmste war zu befürchten. Ich fragte beim Theater nach wegen der Karten, und neben der Enttäuschung machte sich eine leise Hoffnung breit: Vielleicht könnte man die erste Nacht ohne Kind ja doch noch aufschieben. Aber Umtauschen ging nicht.

S. und J. schärften der Babysitterin ein anzurufen, wenn sie Schwierigkeiten hätte. Sie gaben ihr eine Liste von Telefonnummern: Kinderkrankenhaus, Giftnotruf, Polizei, Feuerwehr. Als wir im Theater saßen, hielten wir vier Handys in den Händen, die wir auf lautlosen Empfang gestellt hatten. S.‘ Handy blinkte, aber es war nur der Spielstand der Champions‘ League. Auf der Bühne wälzte sich ein Brautpaar in den Laken; im Publikum sagte eine ältere Dame: Ja, sind wir denn hier auf St. Pauli? Mein Handy blinkte, es war eine Freundin. Auf der Bühne brannte es, die Feuerwehr stieg ins Schlafzimmer des Brautpaars ein. Ich hörte S. mit J. flüstern: Warum ruft die Babysitterin nicht an? Auf der Bühne stritt sich das Brautpaar. Die beiden spielten Bauerntheater. Ich guckte zu S. rüber und versuchte ihm klarzumachen, dass es mir Leid tat. Den ersten Theaterbesuch im Eltern-Zeitalter hatte ich mir anders vorgestellt. Er guckte fragend zurück. Auf der Bühne wunderten sich die Schauspieler, warum das Publikum so leise klatschte.

In der Pause stürmten wir aus dem Theater und beschlossen, essen zu gehen. Wir stellten unsere Handys laut und schafften es etwa eine Dreiviertelstunde lang, nicht über unsere Kinder zu reden. Dann entdeckten wir die Babyfotos an der Wand. Mein Mann und ich überlegten, ob wir bei der Tagesmutter anrufen sollten, ob Noah gut eingeschlafen war. Aber vielleicht lag sie selbst schon im Bett. S. und J. fragten sich inzwischen, ob die Babysitterin ihren Sohn entführt hatte. Andererseits wollten sie selbst nicht anrufen; das Klingeln hätte das Kind wecken können. Es war dann noch ein sehr netter Abend. Wir freuten uns auf eine lange Nacht, nicht wie sonst bis morgens um sechs, sondern bis um acht, wenn die Handwerker kommen würden.

Wir wälzten uns drei Stunden lang, bis wir einschliefen. Dann wurden wir abwechselnd wach und horchten in Richtung Kinderzimmer. Am nächsten Morgen fuhren wir zur Tagesmutter. Sie verkündete: Er ist ohne zu weinen eingeschlafen! Er hat bis um zwanzig nach sieben geschlafen! Noah strahlte. Wir waren froh und ein wenig enttäuscht.

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