Zeitung Heute : Die erste und die zweite Liebe

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Nichts ist der ersten Liebe vergleichbar, nichts. Das steht unbezweifelbar fest, unverrückbar, und auch ich glaube wie jeder gefühlsbezogene, herzensgebildete Europäer daran: „Oh, dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der ersten Liebe.“ So dichtet Schiller im „Lied von der Glocke“. Oder heißt es: „Die erste Zeit der schönen Liebe?“ Oder „die junge Zeit der frischen Liebe?“ Schauen wir lieber nach. Da steht es, Band II der Hanser-Ausgabe, Gedichte seit 1788, Lieder. „Das Lied von der Glocke.“ Da steht: „Der ersten Liebe goldene Zeit.“ Und: „O! Dass sie ewig grünen bliebe/Die schöne Zeit der jungen Liebe!“

Also nicht die erste, sondern die junge, aber die erste, die ist zweifellos unvergleichbar. „The first cut is the deepest“, singt Rod Stewart, wie wahr! Aber wann ist die erste Liebe? Meine Eltern haben mir so oft erzählt, bis ich es erlebt zu haben glaubte, und jetzt sehe ich es scharf vor Augen, dass ich mit dreieinhalb Jahren mit meinen Eltern am Sonntag spazieren ging, in Brünn, im Augarten oder am Spielberg, jedenfalls war ich fein angezogen, etwas zwischen Bleyle und Matrosenanzug, mit großem weißen Kragen. Und da hätte ich mich losgerissen, plötzlich, von den Händen von Papa und Mama. Und sei auf ein gleichaltriges Mädchen losgestürzt, das (oder die) hätte ich umarmt und sei nicht zu trennen gewesen, und als mich meine Eltern fortgeschleppt haben, hätte ich geschrien, mich losgerissen und sei wieder zu dem Mädchen zurückgestürzt. Nicht zu trennen sei ich gewesen. Meine Eltern lächelten wohlwollend, wenn sie diese Geschichte der ersten Liebe erzählten.

Andererseits. Sie erzählen auch eine Geschichte, wie sie mit mir, ich war dreieinhalb Jahre alt, in Brünn, im Augarten oder am Spielberg spazieren gingen. Und ich hätte mich in meinen Sonntagskleidern losgerissen und einen nassen, großen, schmutzigen Stein aufgehoben und hätte den mitgeschleppt. Und meine Eltern hätten mir wieder und wieder den Stein fort genommen und mich an den Händen weitergezogen. Aber ich hätte mich losgerissen, sei abgehauen, zu dem Stein zurückgelaufen. Und so weiter und so fort. So enden Sonntagsausflüge naturgemäß, mit Heulen und Geschrei und der Verzweiflung der Eltern: „Wenn du jetzt nicht artig bist!“ War das nun der dreckige Stein oder die erste Liebe? Oder beides? Aber sollte ich gleich an zwei Sonntagen in einem Mai erst einen dreckigen Stein mitgeschleppt haben und dann ein gleichaltriges Mädchen öffentlich umarmt und geküsst haben? Das wäre zu schön, zumal ich mich Ähnliches mehrere Jahrzehnte nie wieder getraut habe. Nie wieder! Nie einen dreckigen Stein mitgeschleppt und nie ein wildfremdes Mädchen öffentlich umarmt.

Später, als ich elf Jahre alt war, im April und Mai 1945, da waren wir auf der Flucht, meine Mutter, die hochschwanger war, im neunten Monat, ich, mein Bruder und meine beiden Schwestern. In Trautenau gab es ein Mütter- und Kinderheim, noch 1945, und da wurden wir in Heime aufgeteilt, meine vierjährige Schwester und mein fünfeinhalbjähriger Bruder kamen in ein Heim. Und er schrie und nässte das Bett vor Verzweiflung und Einsamkeit, obwohl ihn meine Schwester tröstete.

Ich aber kam zu den „Großen“ und durfte beim Frühstück, beim Mittagessen und beim Abendbrot neben Dagmar sitzen, einer großen blonden Schwester, die schon 20 war, aber sehr lieb zu mir. Und während wir aßen oder aufs Essen warteten, las Dagmar einen Feldpostbrief, den sie von ihrem Liebsten bekommen hatte. Und in der Zeit kümmerte sie sich nicht um mich, ja, sie vernachlässigte mich. Ich war gekränkt, obwohl ich den Max-Frisch-Satz „Eifersucht ist Angst vor dem Vergleich“ noch längst nicht kannte. Ich spickte heimlich in ihrem Brief und merkte mir Sätze, die ihr Freund ihr aus dem Felde oder aus dem Lazarett geschrieben hatte. Sätze wie „Ich möchte dich jetzt gerne umarmen“, oder so ähnlich. Und ich rezitierte aus Kränkung, Zurücksetzung und Eifersucht und Liebe diese Sätze den anderen Zehn- bis Zwölfjährigen am Nachmittag. Bis es einer Schwester Dagmar erzählte. Und dann sah sie mich traurig an, und dann hat sie mich beim Frühstück und beim Mittagessen und beim Abendbrot weggesetzt, weil ich ihre süßen Geheimnisse verraten hatte.

Aber traurig war sie schon, dass sie mich wegsetzen musste, und sie wusste, dass mein „Rivale“ im Krieg war und ihr nur brieflich näher kommen konnte. Andererseits kam ich als 11-Jähriger nicht in Frage. Diese Zeit habe ich mir auch deshalb gemerkt, weil an diesen Tagen Hitler in der Reichskanzlei starb – Selbstmord, wie man heute weiß, „nach heldenhaftem Kampf“, wie es damals hieß. Und er hatte kurz vorher seine Eva Braun geheiratet, aber auch davon hatte ich damals nicht die geringste Ahnung. Und so bezog ich die Wagnermusik, den Trauermarsch nach Siegfrieds Tod, der den ganzen Tag aus dem Radio dröhnte, ganz allein auf die Tatsache meiner ersten Liebe.

Dass nämlich die 20-Jährige Dagmar mich, bloß, weil ich die Briefe meines Rivalen verraten hatte, von sich gesetzt hatte. Ein Stein bei der ersten Liebe, ein Herz aus Stein bei der zweiten…

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