Zeitung Heute : Die Farbe Nimmergrün

Was Frank Bsirske mit Otto Schily gemein hat

Alfons Frese,Ursula Weidenfeld

Von Alfons Frese

und Ursula Weidenfeld

Er ist erschöpft und unausgeschlafen, verschnupft und ein bisschen angegriffen. Aber so gut wie an diesem Freitagmorgen war Frank Bsirske schon lange nicht mehr gelaunt. Er hat es ihnen gezeigt, ihnen allen hat er es gezeigt. Er hat bewiesen, dass ein grüner Intellektueller ein richtiger Gewerkschaftsvorsitzender werden kann; dass man auch ohne die Expertise langjähriger Tarifpolitik einen komplizierten Abschluss machen kann. Und: dass er, nur er, Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist. Mittags stimmt die große Tarifkommission von Verdi der Tarifeinigung zu. Das ist ein Festtag für Frank Bsirske.

„Frank, da kommst du nicht mehr raus“, hatten die wichtigen langjährigen Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund gemahnt. Als Bsirske seine Drei-Prozent-Forderung wieder und wieder in die Köpfe seiner Gewerkschafter hämmerte. Als er mit einem Grinsen mal die Vermögensteuer zur Finanzierung forderte oder Reiche anprangerte, die ihm gerade in den Sinn kamen. Er hat nicht nur die Genossen Gewerkschaftsbosse schockiert in den vergangenen Wochen mit seinen kalkulierten Taktlosigkeiten, seinen Unverschämtheiten, seinen Maßlosigkeiten. Auch die eigene Partei, die Grünen, erkannte den früheren Hannoveraner Personal- und Organsisationsdezernenten Frank Bsirske nicht wieder, von dem sie sich erst vor gut eineinhalb Jahren verabschiedet hatten. In Hannover hatte Bsirske als einer gegolten, der vernünftige Lösungen zu Stande bringt. Als Teetrinker und Bücherfreund, der eine Vorliebe für Wannenbäder und kuscheliges Frottee pflegt. Manche hatten sich sogar dazu verstiegen, Bsirske diplomatisches Geschick zu attestieren.

Und wozu hat der Mann das alles abgeschüttelt? Warum hat er Machiavelli gelesen und verinnerlicht? So, wie der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Innenminister Otto Schily, seinen grünen Mantel endgültig abgestreift hat, als er Polizei- und Ordnungsminister wurde, ist auch Bsirske heute kein Grüner mehr. Er ist kein Reformer, kein Modernisierer. Was seine Partei in dieser Woche bei der Klausur in Wörlitz an Strukturreformen in der Sozialpolitik erörtert, war früher vielleicht auch einmal sein Thema. Heute ist es sein Kampfgebiet.

Schily und Bsirske hätten sich bei den abschließenden Verhandlungen in Potsdam verstanden, sagen Verhandlungteilnehmer. Sie beide seien es gewesen, die am Ende den Abschluss gemacht haben. Schily habe unter Einigungsdruck gestanden, weil der Kanzler sich kurz vor den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen keinen Streik leisten wollte. Bsirske, weil er seiner Gewerkschaft keinen Arbeitskampf zumuten durfte, den er nicht gewinnen konnte. „Irgendwo haben die eine Ebene miteinander gefunden“, sagt einer der Arbeitnehmervertreter, die dabei waren und gewartet haben, dass Schily und Bsirske sich einigen. „Die wollten beide, dass es klappt.“ Vielleicht haben sie sich verstanden, weil beide nicht nur die Gegenseite im Blick hatten, sondern das Misstrauen im eigenen Lager. Immer noch argwöhnen die Bürgermeister und Kreisdirektoren der Kommunen, dass Otto Schily, der Star, nicht hart verhandeln könne, weil er eigentlich ein Grüner geblieben sei. Und immer noch spürt Frank Bsirkse trotz aller Basisarbeit das Misstrauen der Gewerkschafter, die ihm den radikal linken Kurs nicht glauben.

Schily und Bsirske, sie beide haben bei den Tarifverhandlungen ihre Bühne gefunden. Sie haben es genossen, dass am Ende hunderte von Kommissionsmitgliedern, Journalisten, Fachleuten und Gewerkschaftssekretären auf sie geguckt haben. Es hat sie nicht gestört, dass sie nicht mehr in Ruhe über den Flur gehen konnten. Dass sie umringt wurden, kaum tauchten sie irgendwo auf. Verstanden haben sie sich auch bei der Inszenierung des Endes. Sie haben den Schlusspunkt für ihre große Show gesetzt und die Truppen in einem dramatischen Finale auf Linie gebracht. Eine strategische Großleistung der beiden Meister. Wie sie sich selbst sehen.

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