Zeitung Heute : Die Fehltritte der Topmanager

HERMANN-JOSEF KNIPPER

Für jeden, der an der Spitze einer Bank oder eines Industrieunternehmens Verantwortung für fremde Gelder und Tausende Arbeitsplätze trägt, gelten automatisch besonders hohe moralische Anforderungen.VON HERMANN-JOSEF KNIPPERUm die deutschen Topmanager, die stets so ungeduldig und geschliffen die Mängel des Standorts und das Versagen der Politik beklagen, ist es still geworden in diesen Tagen.Das mag auch daran liegen, daß die Bonner Renten- und Steuerschlachten fürs erste geschlagen und die diesjährigen Geschäfte weitgehend abgewickelt sind.Umso stärker rücken jetzt einige spektakuläre Wirtschaftsskandale ins vorweihnachtliche Rampenlicht und ziehen die Moral in den Chefetagen nachhaltig in Zweifel. Da hinterläßt etwa ein besonders dreister Immobilienspekulant namens Schneider den unglaublichen Schuldenberg von über fünf Milliarden Mark, setzt sich dann nach Florida ab und bittet nun in Frankfurt um eine möglichst milde Bestrafung.Da lassen Deutsche und Dresdner Bank vor dem gleichen Gericht durchschimmern, daß die strengen Bedingungen der Kleinkreditnehmer und Häuslebauer für nadelgestreifte Blender nicht gelten, daß sie also mit dem Geld der Sparer und Aktionäre offenbar allzu leichtfertig umgehen. Die Probleme einiger dieser Bankvorstände mit dem Finanzamt passen dabei in das ziemlich finstere Bild, zumal sich die selten zerknirschten Herren ja in bester Gesellschaft befinden.Bei der Vulkan-Pleite etwa werden Hunderte von Millionen illegal von Ost nach West transferiert, was nur durch die überforderte WC-Spülung eines Herrn Hennemann ans Tageslicht kommt.Der Kostensenkungskönig der Autoindustrie, Ignacio Lopez, läßt sich bei VW mit kopierten Opel-Geheimpapieren erwischen.Und nun kommt auch noch die Berliner Anklage gegen Thyssen-Chef Dieter Vogel hinzu, die nur erahnen läßt, inwieweit die deutsch-deutsche Vereinigung auch Kriminalitätsgeschichte geschrieben hat. Gestern warf in seltener Pose der Vorstandssprecher der Dresdener Bank, Jürgen Sarrazin, das Handtuch, nachdem ein weiterer Vorstandskollege Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zugegeben hatte - ist dieser sicher ehrenwerte Schritt ein Signal dafür, daß es um die Moral in der Wirtschaftselite doch besser bestellt ist, als es den Anschein hat? Man will es hoffen, aber es fehlen noch Hinweise, die diese These erhärten könnten.Solange Schneider und Kollegen nicht hart bestraft sind, und solange nicht sichergestellt ist, daß etwa die Bezieher von Millionengehältern in den Vorstandsetagen der Kreditwirtschaft vom Finanzamt nicht besser behandelt werden als Otto Normalverbraucher, solange die Kette der Skandale nicht abreißt, wird das allgemeine Mißtrauen kaum zu beseitigen sein. Ob man es nun will oder nicht: Für jeden, der an der Spitze einer Bank oder eines Industrieunternehmens Verantwortung für fremde Gelder und Tausende Arbeitsplätze trägt, gelten automatisch besonders hohe moralische Anforderungen.Die Vorbildfunktion der Vorstandsmitglieder ist von entscheidender Bedeutung - für Beschäftigte und Kunden in gleicher Weise, auch für das Ansehen der sozialen Marktwirtschaft.Wer als Chef den Reiseetat des Unternehmens für Wochenendtrips mit seiner Sekretärin mißbraucht, darf sich nicht darüber wundern, wenn sich ein Sachbearbeiter an der Portokasse vergreift.In diese Kategorie fällt auch eine Äußerung von Daimler Benz-Chef Schrempp, der voller Stolz herausposaunt hatte, daß Deutschlands führender Industriekonzern hierzulande auf Jahre hinaus keine Steuern zahlen werde.Schrempp hat damit die breite Masse dazu animiert, alle nur erdenklichen Steuerschlupflöcher auszunutzen.Aber mehr als andere müssen Topmanager nicht nur genau abwägen, was sie tun, sondern auch, was sie sagen - und Fehltritte müssen konsequenter als bisher zu Rücktritten führen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben