Zeitung Heute : Die Fernseh-Bilder und das Bild der Angela Merkel

Ulrich Sollmann

An ihrem Gesicht ist alles ablesbar. Unmittelbar! Die Frau, auf manche wirkt sie noch wie ein Mädchen mit der braven "Käte-Kruse-Frisur", blickt unstet hin und her. So als suche sie jemanden, der ihr zur Seite steht. Den sie aber mit ihren ängstlich dreinblickenden Augen, die sekundenlang die Leere der Kameralinse erforschen, nicht greifen kann.

Angela Merkel sitzt am Sonntag Ruprecht Eser im Berliner "Hotel Adlon" in der Sendung "Eser um halb 12" gegenüber. Gleich auf die erste Frage nach ihrem politischen Ziehvater, Helmut Kohl, schluckt die Generalsekretärin der CDU. Sie senkt ihr bleiches und ernstes Gesicht, um dem Mann, der sie zu diesem Vier-Augen-Gespräch im ZDF eingeladen hat, nicht unverblümt in die Tiefe ihrer Seele schauen zu lassen.

Sie gelte jetzt, sagt Eser, für viele als die letzte moralische Instanz in der CDU. Merkels Blick huscht wieder zur Kamera. Es scheint auf einmal als würde sie gerade den direkten Augenkontakt zum imaginierten, virtuellen Fernsehzuschauer brauchen, um mit Eser ein persönlich ernstes, aber auch humorvolles Gespräch beginnen zu können. Ein Gespräch, das ihre moralische Glaubwürdigkeit festigt.

Als Politikerin glänzt sie bereits Momente später durch ihre souveräne, bedächtige Ruhe. Als Frau zudem dadurch, dass sie für emotionale Gerechtigkeit Kohl gegenüber plädiert. Man könne, so betont sie bei Eser, nicht alle Wurzeln kappen. In der CDU keinen Ehrenvorsitzenden mehr zu haben, müsse erst verarbeitet werden.

Die CDU-Generalsekretärin riskiert den Ausdruck eigener Gefühle in der "elektronischen Arena" und packt gleichzeitg im politischen Tagesgeschäft zu. "Risiko statt Sicherheit", wie Frau Merkel mit dem verschmitzten Lächeln "eines sanften Witzes" betont, sei ihre persönliche Umdeutung des alten CDU-Mottos "Sicherheit statt Risiko" aus 1994. Merkel ist sich treu geblieben. Hatte sie sich selbst doch schon in ihrer Jugend zu DDR-Zeiten durch ihre "störrische Überzeugung" behauptet. So verhöhnte man sie in der Schule allein schon wegen ihrer Sammlung von Kunstpostkarten.

Merkel riskiert viel und sie hat viel riskiert! Sie müsse sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, um eigene Wege zu gehen, hatte sie ihrem Ziehvater, Helmut Kohl, kurz vor Weihnachten ausrichten lassen. Und brüskierte ihn in aller Öffentlichkeit mit dem Artikel am 22. Dezember in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Angela Merkel schluckt. Ihr haltloser, Tränen getrübter Blick täuscht bei der Pressekonferenz am darauffolgenden Tag nicht über ihr Gefühlschaos, das die Dynamik pubertärer Gefühle zeigt, hinweg.

Sie werfe den Stein nach dem eigenen Vater, heißt es. Nicht den ersten, sondern den letzten! Merkels Gesicht fällt wieder in sich zusammen, als sie Sabine Christiansen und dem Fernseh-Publikum am 16. Januar einen ungeschminkten Einblick in ihr erschüttertes Inneres gewährt. Sie, die sie sich gegen ihren politischen Ziehvater wenden muß, leidet offensichtlich fassungslos unter ihrer eigenen Entscheidung. Frau Merkel wirkt gebrochen wie eine Märtyrerin, die sich selbst opfert. Die das Bild vom politisch-pubertären Mädchen opfert, um zur politischen Frau zu reifen.

Sie habe schon bei ihrem Vater oft "kein Verständnis erlebt, wenn sie mal was verbockt hatte". Auch wenn sie sich gerade nach diesem Verständnis gesehnt hatte. Trotzdem eigene Wege zu gehen, sich früher gegen den eigenen Vater zu stellen, heute gegen den politischen Ziehvater, birgt daher den Verlust einer nicht zu ersetzenden emotionalen Nähe.

Merkel riskiert diesen Schnitt. Sie trauert.Sie ist von nun an auf sich selbst gestellt. Und gewinnt sich selbst. Nämlich ihre eigene Sicherheit. Eine Sicherheit, die sie gerade durch ihre Entscheidungsfähigkeit sowie ihre unbefangene Entscheidungsfreude unter Beweis stellt. Eine Entscheidungsfähigkeit, die sie jetzt auf eine neue Art und Weise mit ihrem Vater, aber auch ihrem Ziehvater verbindet. Bei ihrem Vater nämlich hatte sie gerade dessen Entscheidungsfähigkeit so geschätzt.

Der Autor ist Psychotherapeut und Sozialpsychologe in Bochum. Er befasst sich seit Jahren mit der medialen Inszenierung öffentlicher Personen, so in seinem letzten Buch "Schaulauf der Mächtigen. Was uns die Körpersprache der Politiker verrät".

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