Zeitung Heute : Die Frage stellte sich der "stern" über Kohl und die BZ über den "stern"...

Bernd Matthies

Der "stern" bewegt. Sagt er jedenfalls. Diesen Mann hier bewegt er garantiert nicht: Ein quadratisches Gebirge von wulstigen Gesichtszügen mit steilen, drohend zusammengezogenen Stirnfalten, verkniffenem Mund und borstigen Nasenhaaren - das Ehrenwort-Monster nach dem Verspeisen missliebiger Journalisten. Helmut Kohls straff angeschnittenes Porträt füllt den Titel der gestern erschienenen Illustrierten bis auf den letzten Quadratmillimeter: "Ist Kohl noch normal?" Man ahnt, dass das eher nett gemeint ist und eigentlich "Ist Kohl schon verrückt?" heißen sollte. Konsequenterweise versucht die Redaktion auch gar nicht erst, selbst laientherapeutisch tätig zu werden, sondern schickt den gestrauchelten Altkanzler auf die Couch des innerdeutschen Allzweckpsychiaters Hans-Joachim Maaz. Dort lagen nacheinander schon die beiden Hälften der Republik, und deshalb biegen die 160 pfälzischen Kilos kaum die Matratze.

Ist Kohl denn nun noch normal? Dummerweise kommt das Wort zwar im Titel und der Seitenüberschrift vor, aber nirgendwo im Text. Maaz denkt natürlich überhaupt nicht daran, seinen Probanden an irgendeiner Norm zu messen; welche käme denn auch für einen derartigen Einmal-Charakter in Frage? Der Text rankt sich um das Offensichtliche: Dass nämlich Starrsinn und Kampf auf verlorenem Posten die Eigenschaften eines Menschen seien, der Rechthaben und Macht zur narzisstischen Regulation braucht. Dass ein Apparat dazu gehört, randvoll mit Gefolgsleuten, die sich einig sind im Drang, geführt zu werden. Dass am Ende die narzisstische Wut des einst Mächtigen alles opfere, um die Abwehr gegen bittere seelische Erkenntnisse halten zu können. Auch Erich Honecker wird bemüht - aber war dessen letzter Rot-Front-Gruß wirklich Wut und nicht einfach der Abwehrreflex eines umnachteten Politbürokraten?

Ist Kohl noch normal? Der "Stern" hat die dumme Frage zu einer dürftigen Titelgeschichte aufgepustet und nicht beantwortet. Die giftige Replik stand schon gestern in der "BZ": "Ist der Stern noch normal"? Oder, fragt der Autor, eher eine Selbsthilfegruppe voller Kohl-Paranoiker?

Im Editorial von "Stern"-Chefredakteur Andreas Petzold kommt das Wort "normal" auch nicht vor. Petzold erklärt Kohl darin aber glatt für unsinkbar: Er sei der Eisberg, an dem die CDU-Titanic zerschellt sei - wo wir Kohl immer für den alten Kapitän hielten, der sich nicht mehr aus der Kajüte traut, um das Steuer herum zu reißen. Ja, nun müssen wir ihn auftauen. Aber das kann Jahrzehnte dauern.

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