Zeitung Heute : Die Frau hinter... Benito Mussolini

Sie war jahrelang die Geliebte des Duce – und erfand mit ihm den Faschismus. Wer war Margherita Sarfatti?

Christine-Felice Röhrs

Margherita Sarfatti sieht Mussolini zum ersten Mal, da ist er noch nicht der „Duce“. Es ist im Salon der Anna Kuliscioff in Mailand, wo sich um 1910 die bekanntesten Sozialisten Italiens treffen. Margherita langweilt sich ein wenig an diesem Tag, und er kommt ihr gerade recht. Sie hatte schon von ihm gehört, vom kleinen Volksschullehrer mit dem großen Ehrgeiz. Und doch. Er hat etwas, dieser 27-Jährige. Anziehungskraft. Einen interessanten Zug um den Mund. Grausamkeit?

Kurze Zeit später beginnt eine Liaison, die fast 20 Jahre halten wird, und die, weil Mussolini und Sarfatti sie meist im Geheimen führen, später lange unterschätzt wird. Margherita Sarfatti wird nicht nur Geliebte, sie wird auch Vertraute und Ratgeberin Mussolinis. Mit ihm zusammen erfindet sie den Faschismus. Sie unterstützt ihn, bis er sie auf grausame Weise fallenlässt. In jenem Zug um seinen Mund hatte sie sich nicht getäuscht.

Als Margherita Sarfatti Mussolini kennenlernt, ist sie 30 Jahre alt, Ehefrau und Mutter, feministische Sozialistin mit europaweit bekanntem Salon – eine schöne, blonde Frau, die einen weiten Weg zurückgelegt hatte von der Kindheit im Palazzo in Venedig. Dort war sie aufgewachsen als Jüngste des jüdischen Rechtsanwalts Grassini. Doch trotz allen Luxus’ hatte sich das Mädchen eingeengt gefühlt vom gläubigen Vater. Erst vor Jahrzehnten hatte man den Großeltern erlaubt, sich frei in der Stadt zu bewegen. Der Sozialismus sollte ihr helfen, die Herkunft hinter sich zu lassen – „eine Politik, die sie als Elite bestätigte und im Kollektiv versteckte“, schreibt die Historikerin Karin Wieland in ihrer umfassenden Sarfatti-Biographie, die Mitte Februar erscheint („Die Geliebte des Duce“, Hanser Verlag, 24,90 Euro).

Margherita Sarfatti wird Zeit ihres Lebens Männer benutzen, um aufzusteigen. Eine eigene politische Karriere ist ihr als Frau verwehrt, aber der Machtwille der jungen Italienerin ist groß. Um sich aus dem Elternhaus zu befreien, heiratet sie Cesare Sarfatti, einen älteren Rechtsanwalt, der sich willig von ihr zum Sozialisten machen lässt. Ab 1908 schreibt sie Kunstkritiken für die sozialistische Zeitschrift „Avanti“. Es ist eine Marktlücke, denn die Sozialisten hatten sich bisher wenig für Kunst in der Politik interessiert. Ihr Leben ist ausgefüllt. Die Affäre mit Mussolini bleibt zunächst Spielerei.

Doch dann stirbt Roberto, Margheritas ältester Sohn im Ersten Weltkrieg. Zudem fällt der Frieden enttäuschend aus für Italien – und nun wird aus der Sozialistin und Kriegsgegnerin Sarfatti eine Nationalistin. Mussolini, der schon verbannt ist aus der Partei und sich mit Hilfe heimgekehrter Soldaten eine schlagkräftige Truppe, die „fasci di combattimento“, aufbaut, wird ihr Hoffnungsträger: Er würde nicht dulden, dass Italien durch diesen billigen Frieden gedemütigt werde. Erst jetzt beginnt die große Liebe zwischen Margherita und Mussolini – wenn sie auch zweckgeleitet ist, von beiden Seiten.

Margherita Sarfatti konzentriert nun all ihren Ehrgeiz auf Mussolini. Tagsüber macht sie mit ihm zusammen seine Zeitungen „Il Popolo d’Italia“ und „Gerarchia“. Nachts besucht sie ihn in Hotels. Der Sarfatti-Biograph Brian Sullivan beschreibt, dass sie ihm den Dialekt abgewöhnt und die Schimpfwörter, dass sie ihm Machiavelli und die Rassentheorien Gobineaus zu lesen gibt und ihn glauben macht, er sei der neue Cäsar. Unter ihrem Einfluss beginnt er, Gamaschen zu tragen, Einstecktücher und im Sommer einen Strohut. Dreimal täglich ruft er sie an, und manchmal spielt er ihr dann Violinsonaten vor.

Margherita macht sich viele Feinde in dieser Zeit. Sie spielt sich als Vertreterin des Duce auf, wird immer herrischer, und wenn sie jemanden anspricht, dann, als wolle sie ihn verhören. Ihr Ehrgeiz richtet sich aber auch auf den eigenen Erfolg. Auch in der Kunst will sie eine neue Ordnung schaffen, nur will sie diesmal selber herrschen. Sie gründet eine Gruppe, die sie „Novecento“ nennt und die die faschistische Kunst repräsentieren soll.

1921 wird aus der faschistischen Bewegung eine Partei, und Margherita, die den Duce überall hinfährt, hilft mit, dem Ideengewirr aus Nationalismus und Sozialismus eine staatstragende Form zu geben. Unter Mussolinis Namen schreibt sie Artikel, die in den USA in der „Saturday Evening Post“ erscheinen. Ab 1924 leitet sie „Gerarchia“ allein. Aber Mussolinis Erfolg ändert die Beziehung. Margherita hatte immer gedacht, er sei ihr Geschöpf. Nun befreit er sich. Je weiter Mussolini kommt, desto mehr, so scheint es, hasst er den Gedanken, von Margherita finanziell, intellektuell und gesellschaftlich abhängig gewesen zu sein.

Es fällt in die Zeit seiner Loslösung von Margherita, dass sie auf die Idee kommt, als seine persönliche Biographin aufzutreten. 1925 erscheint die erste Auflage von „The Life of Benito Mussolini“ – und wird zum Weltbeseller. Es sei dieses Werk gewesen, sagt die Historikerin Wieland, das den Mythos Mussolini begründete. Doch dessen Dankbarkeit gewinnt Margherita nur kurz zurück. Der Mann, der sich selbst als Herrscher über die Starken und Schönen sieht, will keine alternde Gefährtin neben sich, die die Haare färbt und sich immer schriller kleidet, mit verrückten Hüten und unzähligen Armreifen. Immer häufiger lässt er sie wegschicken, wenn sie ihn sehen will. Immer häufiger muss sie sich darum kümmern, dass jemand gemeldet wird, denn ein Haus ohne Besucher hätte bedeutete, dass sie nichts mehr zu sagen gehabt hätte.

Dann beginnt die Verleumdungskampagne, und es heißt, einige Artikel und Gerüchte habe Mussolini sogar selbst initiiert. Die intrigante Jüdin, so nennt man Margherita Sarfatti jetzt. Als Mussolini im Juli 1938 seine Grundsätze zur Rassenfrage veröffentlicht, schützt er sie nicht. Sie flieht. Jahre verbringt sie in Hotels im Ausland, bis sie zurückkehren kann in ein Leben fast ohne Freunde. Was sie fühlt, wie sie mit Demütigung und Machtlosigkeit umgeht, bleibt unbekannt. Als sie 1955 ihre Memoiren veröffentlicht, bringt sie es fertig, Mussolini kein einziges Mal zu erwähnen. Seine Liebesbriefe verkauft sie an einen plastischen Chirurgen aus den USA.

In unserer neuen Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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