Zeitung Heute : Die Frau hinter... John Kerry

Sie kommt aus Mosambik, studierte gemeinsam mit Kofi Annan, Ketchup machte sie reich – und ihr Mann will US-Präsident werden. Wer ist Teresa Heinz Kerry?

Christian Hönicke

Ohne Zweifel, Teresa Heinz Kerry redet gern über sich und das, was sie bewegt. Auf Wahlkampfauftritten spricht sie über Umweltschutz, Aids und Menschenrechte, stundenlang kann sie so reden, die Menschen in Kirchen und Sporthallen in ihren Bann ziehen. Der Eindruck drängt sich auf, sie kandidiere für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika – und nicht etwa ihr Mann.

Verwunderung ist noch die harmloseste Botschaft, die die amerikanischen Journalisten zwischen ihre Zeilen packen, wenn sie über Teresa Heinz Kerry und ihren Mann John Kerry berichten. Etwa darüber, dass es der demokratische Präsidentschaftskandidat bei gemeinsamen Interviews nicht schafft, die Redehoheit gegen seine Frau zu verteidigen. Dass sie dabei in ihrer unnachahmlich offenen Weise unbequeme Themen wie Antiamerikanismus anspricht, obwohl John Kerry sichtlich wohler dabei wäre, ein bisschen über Präsident Bush herziehen zu dürfen. Dass sie Kerrys unerwarteten Sieg nach großer Aufholjagd bei der Vorwahl der Demokraten in Iowa vergangene Woche mit folgendem Satz kommentierte: „Er ist immer gut, wenn er von hinten kommt.“ Und dass sie von der Liebe ihres Lebens spricht – und dabei John Heinz meint, ihren ersten Mann, mit dem sie mehr als 20 Jahre verheiratet war.

Den Spitznamen „Lockere Kanone“ haben ihr diese verbalen Scharfschüsse eingebracht. Seit längerem wird offen die Frage gestellt, ob Teresa Heinz Kerry ihrem Ehegatten nicht viel eher schadet als nützt. Aber ihre unkonventionelle, herzlich-raue Art kommt an bei den Menschen, die sie trifft, während sie quer durch die Staaten tourt, um für Kerrys Sache zu werben – nicht aber für ihn. Ein „Vote-Kerry“-Button hat bisher nicht den Weg an ihre schlichten Chanel-Kostüme gefunden. Dabei gelten diese kleinen Anstecker in den USA von jeher als Pflichtinstrument bei Wahlkämpfen. Viele Menschen, mit denen sie während ihrer Kampagne spricht, bemerken erst später, dass sie Kerrys Frau ist. Sie erwähnt es manchmal einfach nicht.

Getroffen haben sich Teresa Heinz und John Kerry das erste Mal 1992 auf dem Klimagipfel in Brasilien. Ein Jahr zuvor war ihr Mann John Heinz, der Erbe des Ketchup-Imperiums und Senator von Pennsylvania, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Auch er wollte Präsident werden, damals aber reagierte Teresa Heinz unzweideutig: „Nur über meine Leiche!“ 1995 heiratete sie John Kerry, und diesmal sagte sie nicht nein, als er sie vor einem Jahr bat, seine Präsidentschaftskandidatur zu unterstützen.

Und diese Unterstützung ist durchaus nicht nur finanziell zu verstehen. Zwar erbte Teresa Heinz Kerry das Ketchup-Vermögen ihres verstorbenen Mannes und verfügt nun über etwa eine halbe Milliarde Euro – doch auch ihr neuer Gemahl kommt nicht eben aus ärmlichen Verhältnissen: Der 60-Jährige entstammt einer reichen Dynastie von der Ostküste. Nein, Teresa Heinz Kerrys größter Trumpf ist ihre Biografie.

Geboren wurde sie unter dem Namen Teresa Simoes-Ferreira in Mosambik. Ihr Vater war ein portugiesischer Arzt, der in Afrika gegen die Verbreitung von Seuchen kämpfte. Sie studierte erst Sprachwissenschaften in Johannesburg, später in einer Jahrgangsstufe mit dem heutigen UN-Generalsekretär Kofi Annan in Genf, bevor sie selbst als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen in New York landete.

Diese Erfahrungen und die Tatsache, dass sie fünf Sprachen fließend beherrscht, helfen Teresa Heinz Kerry, bei den Wählergruppen zu landen, die in den USA als schwer zu erreichen gelten. Sie unterhält sich mit den Latinos in Spanisch über deren Probleme, berichtet den Afro-Amerikanern davon, dass sie Ende der Fünfziger selbst in Südafrika gegen die Apartheid auf die Straße gegangen ist. Bei so viel Integrität stört nicht einmal, dass Teresa Heinz Kerry noch bis vor einem Jahr Republikanerin war und nun Demokratin ist. Wer sie doch darauf anspricht, erhält eine einfache Erklärung: „Die Leute im Weißen Haus sind doch gar keine Republikaner mehr, wie es sie einst gab. Wichtig sind gute Menschen, egal ob Demokraten oder Republikaner.“

Auf diese Art, mit einem ganzen Arsenal voller kleiner Wahrheiten, erobert Teresa Heinz Kerry Menschen. Vorher aufgeschriebene Reden sind nicht ihre Sache, genauso wenig wie Smalltalk. Nicht einmal ein gespieltes Kameralächeln kommt ihr über die Lippen – ganz einfach, weil sie es gar nicht zustande bringt. Ihr Motto: „Ich will einfach nur ich selbst sein.“ Es ist die Essenz eines jeden Gesprächs mit ihr.

Dasselbe Ziel hat sie für ihren Mann anvisiert. Die potenzielle First Lady betrachtet es als ihre Pflicht, John Kerry „zu unterstützen, ihm seine Wurzeln zu zeigen, dafür zu sorgen, dass er bleibt, wie er ist“.

Allerdings lässt sich nicht abstreiten, dass sie einen gewissen Einfluss auf Kerry ausübt. Als er im Vorfeld der Vorwahl in Iowa im Stimmentief war, rettete ihn eine Kampagne, die vor allem Frauen ansprach. Es sollte erwähnt werden, dass sich Teresa Heinz Kerry seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen einsetzt und bereits mehrere Auszeichnungen dafür erhalten hat. Ihre Themen, das wird schnell klar, sind auch die Themen von John Kerry. So kämpft der Senator aus Massachusetts im Namen seiner Frau für solch edle Sachen wie mehr Engagement der Wirtschaft für die Umwelt oder die Verbesserung des Gesundheitswesens.

Überhaupt hat die 65-jährige Teresa Heinz Kerry dem Begriff „Philanthrop“ eine völlig neue Bedeutung gegeben. Die Liste ihrer Ehrungen lässt jeden durchschnittlich engagierten Aktivisten erröten: Unter anderem der Welt-Ökologie-Preis, die Albert-Schweitzer-Goldmedaille und der Menschenrechtspreis des Amerikanischen Jüdischen Komitees wurden ihr verliehen. Die „New York Times“ zählt sie zu den „führenden Philanthropen der Nation“. Kann ein einziger Mensch so gut sein?

Teresa Heinz Kerry antwortet mit einer ihrer eigenen Wahrheiten. „Ich war mit einem wundervollen Mann verheiratet, der mich so liebte, wie ich bin. Er vertraute mir“, sagt sie. „Jetzt bin ich mit einem weiteren wundervollen Menschen verheiratet, der mir ebenfalls vertraut. So schlecht kann ich also gar nicht sein.“

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