Zeitung Heute : Die Frau hinter ... Andreas Dresen

Wo hat der Regisseur nur diese Schauspieler her? Von Doris Borkmann, die seit Jahren für ihn sucht.

Christiane Fenske

Wo hat der Regisseur nur diese Schauspieler her?
Von Doris Borkmann, die seit Jahren für ihn sucht.

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Vom Platz auf dem Regiestuhl träumen viele. Doris Borkmann nicht. Sie hat sich vor über 50 Jahren entschieden, Regieassistentin zu werden. Vielleicht weil ihr zu viel Aufmerksamkeit unangenehm ist. Sie fühlt sich in der zweiten Reihe wohl. Vorm Scheinwerferlicht ist sie dort trotzdem nicht sicher. Bei der Vorstellung seines neuen Films „Sommer vorm Balkon“ hat der Regisseur Andreas Dresen sie als seine treueste Beraterin dem Publikum vorgestellt. Von einem Gespräch über sich selbst war Doris Borkmann nicht begeistert. Es gäbe doch sicher andere Menschen, die an dieser Stelle vorgestellt werden könnten, sagte sie. Selbst beim Treffen im Potsdamer „Wiener Café“ wiegelt sie immer wieder ab, versucht, von sich abzulenken, würdigt stattdessen die Arbeit der vielen Regisseure, mit denen sie seit 1956 zusammengearbeitet hat.

Als sie zur Schule ging, hat ihr Deutschlehrer sie zu Proben ins Theater am Schiffbauerdamm mitgenommen. „Da saß ich dann mucksmäuschenstill und habe zugeschaut“, erzählt die heute 70-Jährige. Von diesem Moment an wollte sie zum Film. Nur Regie führen mochte sie nicht. Die Leichtigkeit, sagt sie, mit der sie die Regisseure hat arbeiten sehen, machte ihr Herzklopfen. Vor Ehrfurcht. „Ich hätte das schwerer genommen.“

Mit 16 begann die Berlinerin eine Ausbildung als Filmfotografin. Dann spezialisiert sie sich weiter, wurde Regieassistentin. 1956, da war sie 21 Jahre alt, arbeitete sie zum ersten Mal am Set. Namhaften Defa-Regisseuren wie Kurt Maetzig, Frank Beyer und Rainer Simon stand sie zur Seite. 18 Jahre lang drehte sie mit Konrad Wolf, einem der bekanntesten Defa-Regisseure. In mehr als 50 Kinospielfilmen steht ihr Name im Abspann. 1996, nach 30 Jahren Regieassistenz, beschloss sie, eine Pause zu machen. Kaum ein Jahr später rief Andreas Dresen an und bat sie, die Schauspieler für seinen Film „Raus aus der Haut“ zu suchen.

An ihre erste Begegnung mit Dresen kann sich Doris Borkmann nicht erinnern, weiß nur noch, dass sie ihn schon kannte, als er noch an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg das Regiehandwerk lernte. Aus ihren Erzählungen kann man leicht die Bewunderung für den, wie sie sagt, bodenständigen Regisseur Dresen heraushören. „Wir denken ähnlich, können uns über die gleichen Dinge freuen, uns berühren dieselben Schauspieler. Dadurch fällt es mir leicht, nach seinen Vorstellung die passende Besetzung zu finden“, sagt sie. Sie stöbert Menschen auf, die mit ihrem Spiel nicht nur sie, sondern immer wieder auch Dresen begeistern. So waren sie auch beide von Axel Prahl überzeugt, auf den sie unabhängig voneinander Mitte der 90er Jahre am Berliner Grips-Theater aufmerksam wurden. „Es ehrt mich, dass Dresen mir vertraut, schließlich gäbe es wesentlich Jüngere, von denen andere Impulse ausgehen würden.“

Borkmann und Dresen sind gut aufeinander eingespielt. Er schickt ihr eine Buchvorlage, dann treffen sie sich, sind sich schnell einig, in welche Richtung die Besetzung laufen soll. „Willenbrock“, „Halbe Treppe“, „Nachtgestalten“, „Die Polizistin“ – alles Dresen-Filme, für die sie die Schauspieler gecastet hat. Sie kennt alle, das sagt Dresen, nicht Borkmann selbst. Sie profitiert von ihren Defa-Erfahrungen. Damals, sagt sie, bestimmten Regie und Assistenz die Schauspieler weitgehend selbst. Zwar habe es ein Besetzungsbüro gegeben, aber „das war nur eine Art Fotoarchiv und wenig individuell. Wir haben jeden Film selbst besetzt, Probeaufnahmen gemacht, unendlich viele Schauspieler gesehen“, sagt Doris Borkmann. Aus den Karteikarten mit den Fotos der Akteure ging schließlich nicht hervor, wie gut oder schlecht ein Schauspieler spielt. So kam es auch, dass Regisseur Kurt Maetzig Anfang der 60er Jahre seine Regieassistentin losschickte, nach geeigneter Besetzung für einen Musicalfilm zu suchen. „Ich klapperte sämtliche Theater ab, um Schauspieler zu finden, die singen können.“ Oft reiste sie für eine Vorstellung quer durch die Republik, schlief auf der Rückfahrt ein paar Stunden im Nachtzug und stand am nächsten Morgen wieder am Set – erst nur in der DDR, nach der Wende in ganz Deutschland. Dabei ist in Zeiten von Agenturen und Agenten nicht mehr selbstverständlich, dass Schauspieler so sorgfältig ausgewählt werden. Doris Borkmann nimmt sich Zeit. Schon vier Wochen nach dem Mauerfall im November 1989 saß sie mit West-Berliner Kollegen am Tisch und wollte wissen, welche Theater im anderen Teil Deutschlands als Talentschmieden galten.

Trotz aller Bescheidenheit – ehrgeizig ist Doris Borkmann immer gewesen. Und ihre Menschenkenntnis ist gut geschult: „Mit der Zeit hab ich ein Gespür dafür entwickelt, welcher Schauspieler mir etwas vormacht und wer mich wirklich packt und mir etwas nahe bringt.“ Zum Beispiel Nadja Uhl, die in Dresens neuestem Film „Sommer vorm Balkon“ spielt – von ihrem Spiel war Borkmann schon überzeugt, als Uhl erst im zweiten Studienjahr war.

Bis heute besucht Doris Borkmann regelmäßig Theater, ist zu Gast beim jährlichen Treffen aller deutschen Schauspielschulen in Hannover. Nur so bleibt man auf dem Laufenden, sagt sie, macht auch mal wieder eine unerwartete Entdeckung. Weil sie Karrieren im Ganzen betrachtet, erlebt sie auch, wie Schauspieler, die sie jahrelang begleitet hat, die Lust am Spielen verlieren. Doch Doris Borkmann hält weiter Ausschau.

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