Zeitung Heute : Die Frau hinter… Emmerich Roland

Er drehte „The Day After Tomorrow“, sie ist seine engste Beraterin – und seine Schwester.

Roland Emmerich war sich nicht sicher. Im Skript hatte er noch gut ausgesehen, der amerikanische Präsident. Aber als der Regisseur sich dann die gedrehten Szenen ansah, befielen ihn Zweifel: Der Darsteller überzeugte ihn nicht. Also rief Emmerich den Menschen an, dem er am meisten vertraut, dessen Meinung für ihn ausschlaggebend ist: seine Produzentin. Die auch seine Schwester ist. „Ihre Ehrlichkeit“, das ist die Eigenschaft, die Roland am meisten an Ute Emmerich schätzt. Auch diesmal sagt sie, was sie denkt. Sie findet den Darsteller unglücklich, rät ihrem Bruder, das Drehbuch umzuschreiben. Das tut er auch. Und so muss der amerikanische Präsident in „The Day After Tomorrow“ nun sterben.

Über Leben und Tod von Filmfiguren entscheidet Ute Emmerich normalerweise allerdings selten. Es sind die praktischen Aufgaben, das Casting, die Drehbuch-Auswahl, die Finanzen, die sie übernimmt, die sie für ihren sechs Jahre älteren Bruder unentbehrlich machen. Und das seit 20 Jahren schon. 1984 zog sie durch die Stuttgarter Kasernen der amerikanischen Armee, um einen Jungen zu suchen, der die Hauptrolle in Emmerichs zweiten Film „Joey“ spielen sollte. Heute ist die 42-Jährige Geschäftsführerin der gemeinsamen Firma Centropolis in Hollywood, wo beide seit 1990 leben. Tagsüber sehen sie sich im Büro, abends gehen sie zusammen essen, manchmal verbringen sie sogar den Urlaub zusammen – so wie letztes Jahr, als sie, zusammen mit Utes Freund, einen Katamaran in der Karibik mieteten. „Amerika hat uns zusammengeschweißt“, meint Ute Emmerich. Auch in Berlin waren sie jetzt gemeinsam, zur Premiere ihres Films.

Die Emmerich-Connection ist bei den Studiobossen beliebt. Das Paar ist dafür bekannt, lukrative Blockbuster für relativ wenig Geld zu produzieren. Der größte Erfolg der beiden, „Independence Day“, kostete 75 Millionen Dollar und spielte weltweit 813 Millionen Dollar ein. „Ich kann mit Geld eigentlich nicht umgehen“, behauptet Roland Emmerich. Schwester Ute hingegen nennt sich selber sparsam. „Das ist das Schwäbische in mir.“ Sie schlägt vor, wo man am Budget sparen kann, er setzt die Ideen konkret um. So minimierten sie die Ausgaben für Special Effects bei dem Blockbuster „Godzilla“, indem sie die Zerstörungswut des Monsters mit Spielzeugautos filmten. In hunderte Läden gingen die Geschwister, um die passenden Autos auszuwählen.

So eng wie heute war das Verhältnis in der Kindheit nicht. Ute war das Nesthäkchen, das jüngste von vier Kindern und die einzige Tochter des Unternehmers Hans Emmerich. Die zwei ältesten Brüder bleiben in der Sindelfinger Familienfirma, arbeiten als Ingenieur und Kaufmann, nur Roland, „er war immer der Bücherwurm“, erinnert Ute sich. Als er 1977 an die Münchner Filmhochschule geht, ist der Vater „nicht so begeistert“. Sie findet das „cool“, besucht ihn oft an den Wochenenden in München. Den Vater versöhnt der Erfolg seines Sohnes. Als gleich der erste Film, „Das Arche Noah Prinzip“, im Wettbewerb der Berlinale 1984 läuft, bietet er ihm ein Büro im Firmengebäude an.

Ute Emmerich beginnt zur selben Zeit eine kaufmännische Lehre. „Ein richtiger Acht-Stunden-Job“, erzählt sie, „absolut nicht mein Ding“. Abends hilft sie ihrem Bruder, der gerade „Joey“ dreht, leckt Blut. Sie verlässt die Filmindustrie nicht mehr, macht 1990 ein Praktikum in den USA und prüft für den B-Movie-Regisseur Roger Corman Drehbücher. Bis ihr das zu langweilig wird. Sie will ans Set, arbeitet für Corman als Fahrerin, muss Requisiten für den Dreh besorgen, düst quer durch Los Angeles, und das immer in der Nacht, weil der Film nachts spielt. „Aber so habe ich die Stadt kennengelernt.“

Dann kommt ein Angebot für Roland aus Hollywood: ein Film mit Sylvester Stallone. Der schwäbische Regisseur schließt sein Büro in Deutschland und eröffnet mit seiner Schwester ein neues in Los Angeles. Der Film wird abgesagt – Emmerich hat sich mit dem Produzenten Joel Silver überworfen. Aber schon flattert ein neues Angebot ins Haus. Jetzt soll er einen Film mit Jean-Claude Van Damme drehen, aber nicht für die dafür ursprünglich kalkulierten 40 Millionen Dollar, sondern für die Hälfte. Die Geschwister sagen zu, arbeiten mit Spezialisten aus Deutschland, die billiger als ihre amerikanischen Kollegen sind, und geben am Ende 23 Millionen Dollar aus. Der Film „Universal Soldier“ nimmt an der Kinokasse mehr als das Fünffache ein. Die Emmerichs sind im Geschäft.

„Ich bin bodenständig geblieben“, sagt Ute Emmerich über ihr Leben in den USA. Sie kauft selten Markenkleidung, geht kaum auf Premieren, hält sich ohnehin nicht für einen Film-Freak. „Sie hat sich einen Blick von außen bewahrt“, bescheinigt ihr Roland Emmerich. Ihr einziger Luxus ist das Reiten. Ute Emmerich geht in den Stall, so oft es die Arbeit erlaubt. „Es ist wichtig, so einen Ort der Ruhe zu haben“, glaubt sie. Noch pausiert sie, bald steht der nächste Film an. „Wir haben ein Projekt über Shakespeare, das ich gerne realisieren würde“, erzählt sie. „Aber da müssen Roland und ich uns erst entscheiden.“

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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