Zeitung Heute : Die Frau hinter... Katharine Hepburn

Wie spielt man diese Schauspielerin? Cate Blanchett fragte Leute im Supermarkt und las alte Interviews

Deike Diening

Unmöglich, zu sagen, ob das ihr Stil ist. Es passt zum Film: eine goldene Bluse und eine goldene Schlange, die sich um ihr linkes Handgelenk windet. „Für Scorsese hätte ich auch Winston Churchill gespielt“, sagt Cate Blanchett. War aber nicht nötig. Es sollte nur Katharine Hepburn sein. Erst als sie den Telefonhörer auflegte, sagt sie, fiel ihr ein, was das bedeutete: Katharine Hepburn werden. „Eine fast unmögliche Aufgabe – in dem Medium, in dem sie zur Ikone wurde!“

Die da sitzt, ist n i c h t Katharine Hepburn. Aber sie kann es jetzt: Das offensive Einatmen, bevor sie etwas sagt – und dann doch nichts sagen. Den eckig aufgesperrten Mund. Die Lippen streben nach vorne, aber werden nie zum Flunsch. Die krähende Stimme allerdings hat sie sich für den Film reserviert, im teppichgedämpften Hotelzimmer in Berlin ist sie tief und geräumig. Und dieses herausfordernde seitliche Hochrecken des Kopfes! Wenn jetzt die Decke einstürzte, sie könnte sie mit ihren Wangenknochen aufhalten.

Vielleicht hat Scorsese wegen dieser Knochen an Cate Blanchett gedacht. Oder weil er wusste, wie sie sich einer Rolle anverwandelt. Und ist es überhaupt möglich, eine Schauspielerin zu spielen, zu kennen, die man nur in ihren Rollen sieht? Da ist die bestimmte, störrische Hepburn, und da ist die weiche, dehnbare Blanchett, die sich auf ihre Art an die Art der Hepburn heranpirscht. „Man muss den Klischees zunicken, sich vor ihnen verbeugen. Sonst erkennt niemand die Frau wieder.“ Sie ist in Londoner Supermärkte gegangen und hat Leute dort nach ihren Bildern von Katharine Hepburn befragt. „Sie hat die Augenhöhe eingeführt“, sagt Cate, für alle Frauen, die seitdem in Filmen zu Männern sprechen.

Überhaupt, das Sprechen. Man könne sich gar nicht vorstellen, wie sehr das Atmen beim Sprechen einen Menschen ausmacht. „Wie jemand atmet, offenbart, wie er denkt. Ich habe mir ihre Filme auf der großen Leinwand angesehen, dann habe ich das Bild weggedreht und nur ihrer Stimme zugehört. Da kann man hören, wie jemand einen Gedanken formt.“

Blanchett trieb ein Interview auf mit Hepburn von 1974, „da war sie als Person zu sehen, die über ihr Leben sprach“. Sie war nervös, fühlte sich unwohl, „20 Minuten wusste sie gar nicht, dass die Kamera schon lief“. Die Gesten und die Stimme im Interview hat Blanchett mit den Gesten im Film abgeglichen. Was war das Schauspieler-Ich, was die wahre Hepburn? Denn es war ja die wahre Hepburn, die sich mit 28 Jahren in den Flugzeugnarr Howard Hughes verliebte.

Und es ist überhaupt nur möglich, weil die Hepburn so eine Persönlichkeit war, und keine, die hinter ihren Rollen verschwand. Es geht nur, weil ihre Art unverwechselbar ist, so gerade, dass sie sperrig wirkte, manchmal auch anstrengend. Katharine hat herausgefordert. Zum Spiel, zum Schlagabtausch. Sie könne überhaupt nicht flirten, hat sie einmal gesagt, sie sei nur schlagfertig gewesen. Das war natürlich gelogen, denn mit den passenden Männern, vor allem Spencer Tracey, war das eine vom anderen gar nicht zu trennen. Katharine Hepburn hat immer sich selbst gespielt, in ihren Hosenanzügen, wenn sie unter zitternden Locken flammende Reden hielt. Cate Blanchett verschwindet in ihren Rollen. Rollen wie „Elizabeth“, die Galadriel im „Herrn der Ringe“ oder in Tom Tykwers „Heaven“. Das macht beide auf ihre Art so gut. Nur wegen dieser Unterschiede kann die Eine die Andere spielen.

Natürlich fiele es ihr im Traum nicht ein, sich mit Katharine Hepburn zu vergleichen. Aber uns muss das ja nicht abhalten: Cate Blanchett heißt mit vollem Namen Catherine Elise Blanchett. Beide Frauen pflegen ein blickdichtes Privatleben. Die eine hütete eine verbotene Liaison mit dem verheirateten Tracey, 27 Jahre lang. Der soll sie liebevoll „mein Knochenbündel“ genannt haben. Die andere sagte einmal: „Ich lebe und fühle viel leidenschaftlicher, seit ich Mutter bin.“ Das Vergnügen hat der Drehbuchautor Andrew Upton, mit ihm hat sie zwei Söhne. Katharine Hepburn soll einmal gesagt haben, sie begrüße den Tod, denn dann müsse sie keine Interviews mehr geben. Der Tod ließ 96 stolze Jahre auf sich warten. Blanchett sagt: „Zu sehen, wie sie gealtert ist, macht Mut.“

Beide haben kein gesteigertes Verlangen, in Hollywood zu wohnen. Cate lebt in London, und die Hepburn blieb immer ein Ostküstenmädchen, wo man traditionsgemäß ausführlicher nachdachte, als im Westen. Besonders im Hause Hepburn, der Vater Chirurg, die Mutter eine wortstarke Frauenrechtlerin. Wenn ihnen das Kino zu zweidimensional wird, flüchten beide, Hepburn und Blanchett, ans Theater. Cate findet nicht, dass sie der Hepburn persönlich ähnlich ist. „Sie war eine sehr getriebene Einzelkämpferin. Sie sagt von sich selbst, dass sie zuerst berühmt und erst dann eine Schauspielerin sein wollte.“ Blanchett dagegen sagt: „Ich habe kein Interesse daran, ein Star zu sein.“ Das passiert ihr einfach.

Und dann kommt in „Aviator“ plötzlich allein durch Worte und trotz Leonardo DiCaprio so eine knisternde Spannung auf. Und das muss erst mal eine schaffen.

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