Zeitung Heute : Die Frau mit dem Hund

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Ich gehe an einem Nachmittag im Tiergarten in Berlin spazieren, es ist kurz vor fünf und schon ziemlich dunkel. Die Luft ist schneidend kalt. Die Stimmung ist ein wenig unheimlich, weil Nebel aufsteigt aus dem kalten Boden. Ganz wenige Spaziergänger sind unterwegs. Vor mir läuft ein ungefähr 14-jähriges Mädchen in einem schwarzen Anorak. Sie hat langes, dunkles, den Rücken hinabfließendes Haar. Ein kleiner, weißer Hund trippelt neben ihr her. Er scheint noch sehr jung zu sein. Er schnüffelt wie verrückt durch die Gegend, springt an der Leine hoch, zerrt immer wieder an ihrem Hosenbein, sie schüttelt ihren Fuß, lacht: „He! Aufhören!“

Plötzlich bricht ein riesiger, schwarzer, freilaufender Hund aus dem Gebüsch und stürzt sich in einem Satz auf den kleinen weißen. Aus den beiden Körpern entsteht ein Knäuel, das quietscht und schreit und bellt und knurrt. Es ist natürlich ein schwarzes Knäuel, mit gelegentlichen, kleinen, weißen Punkten. Und das Mädchen, das den weißen Hund noch immer an der Leine hält, fängt zu heulen an. Schreit: „Hilfe! Hilfe!“ Ich schicke mich an, die beiden Hunde voneinander zu trennen, versuche den riesigen Schwarzen an seinem Halsband festzuhalten, was mir dann auch irgendwann gelingt. Kurz darauf ertönt aus der Ferne der Ruf einer Frau. „Max, sei brav!“ Ich denke mir, du blöde Kuh, hast gut reden: Max, sei brav! Du hättest deinen Hund vielleicht anbinden sollen! Als die offenbare Besitzerin des großen Schwarzen aus der Dunkelheit auftaucht, sehe ich, dass sie im Rollstuhl fährt. Ihr Unterleib ist in eine graue Wolldecke gehüllt. Sie ist ungefähr 45 und hat langes, blondes Haar, das unter einer türkischen Mütze zum Vorschein kommt, ihre Wangen streichelt. Ich denke, dass diese Frau sehr schön gewesen sein muss, als sie jung war. Sie ist jetzt noch sehr schön. Sie hat ein schmales Gesicht und blaue Augen, mit so einem ernsten Funkeln darin. Der Rollstuhl bleibt stehen. Sie blickt das Mädchen an, das ihren kleinen weißen Freund auf den Arm genommen hat und ihn unentwegt streichelt.

„Entschuldigung!“, sagt sie. Und dann sieht sie mich an. Und sagt noch einmal: „Entschuldigung, es tut mir Leid!“ Eine seltsame kurze Stille entsteht. Ich halte den kräftigen schwarzen Hund noch immer an seinem Halsband fest. Er wedelt. Zieht mich in Richtung seines Frauchens. „Alles in allem ist er aber schon brav, oder?“, frage ich. „Denke schon“, antwortet die Frau im Rollstuhl. „Aber ich weiß es nicht genau. Ich habe ihn erst seit zwei Wochen.“ Sie hebt die Leine in die Höhe. Es ist eine riesige braune Lederleine mit einem Karabinerhaken. Sie fragt mich, ob ich vielleicht ihren Hund am Rollstuhl festbinden könnte. Ich tue, was sie wünscht. Sie sagt noch einmal an das Mädchen gerichtet: „Entschuldigung!“ Dann verabschiedet sie sich und verschwindet in der Dunkelheit. Ich frage mich, wie sie und der Hund wohl zueinander gekommen sind. Immerhin ist er ja kein Welpe mehr. Ich hoffe nur, dass er nicht wieder lossaust. Und der Satz „Max, sei brav!“ auch seine Wirkung zeigt. Weil, das ist das Einzige, was sie zur Verfügung hat, um ihn zu bremsen. Ich stelle mir vor, wie verdammt erschreckend es für einen abendlichen Spaziergänger sein muss, wenn plötzlich aus dem nächtlichen Nebel ein unfassbar riesiges, schwarzes Geschöpf auf ihn zugerast kommt, das jemanden in so etwas wie einem kleinen Wagen hinter sich herschleift.

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