Zeitung Heute : Die Frauen hinter... dem Krokodil Schnappi

Wie Iris Gruttmann und ihre Nichte Joy mit einem Kinderlied den Riesenhit landeten

Esther Kogelboom

Vielleicht könnte man es Randfichten-Syndrom nennen. Weshalb finden plötzlich so viele Erwachsene Gefallen an einfachen Kinderliedern? Das „Schnappi“-Lied steht an der Spitze der deutschen Charts, vor der „Popstars“- Band Nu Pagadi mit „Sweetest Poison“ und den Söhnen Mannheims mit „Und wenn ein Lied“ – immerhin drei deutsche Produktionen, und das ganz ohne Popmusik-Quote!

Die Musikerin Iris Gruttmann hat das „Schnappi“-Lied, das von einem minderjährigen Krokodil handelt und irgendwie entfernt an den Ententanz erinnert, komponiert. Am Telefon klingt sie sehr sympathisch, wenn auch ein bisschen nervös und aufgekratzt. Im Hintergrund schellt es bereits nach wenigen Minuten an ihrer Kölner Wohnungstür. „Rufen Sie später nochmal ab“, bittet Iris Gruttmann, die halbtags als Bürokauffrau arbeitet und jetzt erstmal unbezahlten Urlaub genommen hat. „Ich werde gerade zur Aufzeichnung von Top of the Pops abgeholt. Ich muss los.“ Ein Krokodil bei „Top of the Pops“? Sicher, die Platte wird ja auch in den entsprechenden Versionen in Großraumdiscos und Hip-Hop-Clubs gespielt. Man darf gar nicht daran denken, was jetzt in den Skihütten los sein wird. DJ Ötzi darf sich verabschieden. Frau Gruttmann führt ein hektisches Leben in diesen Wochen. Sie kann sich kaum retten vor Anfragen. Viele wollen ihr zu dem bisher größten Erfolg gratulieren, sie haben sie bei Stefan Raab im Studio gesehen, der amerikanische Sender ABC hat angerufen, alle wollen wissen, wie der „Schnappi“-Hype angefangen hat.

Da ist erstens die Schwester, die ihrer kleinen Tochter den Namen „Joy“ gegeben hat. Joy, Iris Gruttmanns Nichte, ist inzwischen acht Jahre alt und singt das „Schnappi“-Lied mit ihrer sich süß überschlagenden Kinderstimme: „Schni Schna Schnappi, Schnappi Schnappi Schnapp.“ Als vor kurzem von Joy Fotos gemacht wurden, haben sie dem Mädchen sicherheitshalber einen geblümten Hut aufgesetzt, denn Joy soll auf der Straße nicht unbedingt von Wildfremden als „Schnappi“-Interpretin erkannt werden.

Da ist zweitens Frau Gruttmanns langjährige Erfährung als Komponistin. Nach dem Fall der Mauer hat sie zum Beispiel Lieder geschrieben für die ostdeutsche Rocksängerin Petra Zieger. Dann, zum 25. Jubiläum der „Sendung mit der Maus“, schlug sie dem WDR ein von ihr komponiertes Geburtstagslied für die Maus vor. Die Redaktion mochte das Geburtstagslied, es wurde produziert, auf einen Sampler gepackt und mehrfach ausgestrahlt. So begann Frau Gruttmanns steile Karriere als Kinderliederkomponistin. Für den Hasen Felix hat sie sich auch schon Melodien ausgedacht. Ihre Inspirationsquelle? „Man muss nur mit offenen Augen durchs Leben gehen“, sagt sie. Erklären kann sie das auch nicht so genau.

Und drittens ist da das Internet, in dem der Song über das Krokodilküken schon seit drei Jahren als MP3 herumgeistert und mit der Zeit immer mehr Fans fand, die die Datei per Mail herumschickten, Foren einrichteten, ganze Websites programmierten und T-Shirts bedrucken ließen. Mittlerweile findet die Suchmaschine „Google“ 386 000 Treffer für „Schnappi“. Darunter auch ein ziemlich übergeschnapptes Anti-„Schnappi“-Splatter-Spiel, bei dem man dem hilflosen Krokodil mit einem großen Gewehr in den Kopf schießen soll. Nach und nach wurden Radiostationen auf das Kinderlied aufmerksam, nahmen „Schnappi“ in ihr Programm auf – und so erreichte die Autodidaktin Iris Gruttmann, deren Lieblingslied „Auf einem Baum eine Kuckuck saß“ ist, eines Tages der Anruf der Plattenfirma Universal Music. Man hatte entschieden, die Platte noch einmal als Single zu produzieren. Am Nikolaustag 2004 erschien sie.

Dass ihr kleines Lied so erfolgreich werden würde, damit hat Frau Gruttmann dann doch nicht gerechnet. Mit Blick auf die kommerziellen Charts komponiert habe sie natürlich nicht, sagt die 40-Jährige. Daher sei ihr Werk – mit dem sie mal kurz die Theorie der Plattenbosse widerlegt, kostenlose MP3-Files seien für die viel beschworene Krise der Musikindustrie verantwortlich – auch besonders authentisch. Und das merken die Leute, vermutet sie. Auch dem Choreographen Detlev D! Soest ist „Schnappi“ aufgefallen: Er bietet in seinen Studios bereits einen speziellen „Schnappi“-Kindertanz an.

Der krokodilfarbene Wahnsinn greift um sich, und möglicherweise weist das Minireptil nicht nur auf das offenbar gesteigerte Bedürfnis nach unbeschwerter Fröhlichkeit hin, sondern könnte zudem eine ernsthafte Konkurrenz für die „Diddl“-Maus bedeuten.

Als nächstes erwartet uns erstmal ein Longplayer mit von Joy gesungenen Liedern. Iris Gruttmann findet das gut. „Wir wollen Joy nicht zum Kinderstar machen“, sagt sie. „Sie darf selbst entscheiden, was und wie viel sie machen möchte.“ Für das Image der Panzerechsen haben die Gruttmanns jedenfalls schon Unschätzbares geleistet.

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