Zeitung Heute : Die Freiheit des Ausdrucks

ELISABETH RICHTER

Der Geiger Gidon Kremer und seine "Hommage à Piazzolla""Ich glaube nicht an die Musik, die verstanden werden muß!" Im Gegenteil, bekennt Gidon Kremer, wesentlich sei für ihn, daß Musik gefühlt werde.Wie vom Schlag sei er gerührt gewesen, als er zum ersten Mal Musik von Astor Piazzolla (1921-1992) hörte.Da seien diese "vibes of energy" gewesen, mit einer unglaublichen Kraft.Eine Erfahrung, die Kremer nicht mehr losgelassen hat.Er fing an, sich mit Piazzolla zu beschäftigen."Jedesmal hatte ich das Gefühl, große Musik zu spielen.Dann habe ich mich langsam an ihn herangetastet." Experimentieren - das tat Gidon Kremer schon immer gern, suchte er auf seiner Geige nach neuen Klängen.Die "alten" Stücke des klassischen Repertoires belebte er durch ungewohnte Interpretationen, gleichzeitig sorgte er damit für Irritationen.Im burgenländischen Lockenhaus gründete er sein eigenes, durchaus unkonventionelles Kammermusikfestival.Er ist ein ernsthafter und engagierter Botschafter der Neuen Musik, aber mit Einschränkung: "Ich bin kein Spezialist! Ich spiele genauso gern Schubert, Mozart oder Bach." Früher war es der Rausch des Virtuosen, der ihn gereizt hat, alles auf dem Instrument zu können.Heute geht es ihm mehr um den Sinn der Musik."Den finde ich natürlich in der Musik der Vergangenheit.Mozart und Schubert bleiben lebendige Denkmäler für alle Zeit.Aber ich lasse mich auch von der Gegenwart begeistern.Es gibt eine Menge guter Komponisten, und ich glaube, daß ich bei denen ebenso Wertvolles finde, wie jetzt zum Beispiel bei Piazzolla." Wenn Kremer sich dem argentinischen Komponisten und Tango-Meister widmet, so heißt das nicht, daß ihm die klassische Musik nicht mehr genügt.Er hält es mit Leonard Bernstein: es gibt keine U- und E-Musik, sondern nur gute oder schlechte Musik."Vor allem glaube ich nicht, daß die Musik Piazzollas Unterhaltungsmusik ist.Viele meinen, der Tango sei Gefälligkeitsmusik, weil er gewissermaßen im Bordell entstand.Sie spielen und hören ihn auch so." In Wirklichkeit sei es eine phantastische, sehr reiche Musik, hintergründig, voller Emotionen."Genau das vermisse ich bei vielen zeitgenössischen Komponisten.Piazzolla hatte sehr viele Probleme mit seiner Musik, gerade in Argentinien.Er wurde beschimpft.Man sah in ihm den Fälscher, jemanden, der das Spiel verdirbt.Dabei war seine Beziehung zum Tango viel intensiver als bei vielen anderen, traditionellen Tango-Musikern." Piazzolla wuchs in New York auf.Erst mit sechzehn Jahren kehrte er nach Argentinien zurück.1954 studierte er Komposition bei Nadia Boulanger in Paris.Der "Tango nuevo" ist seine Erfindung: eine Mixtur aus Jazz, Tango und Neuer Musik, eigenwillig, aber einzigartig verknüpft mit dem urbanen Kolorit Südamerikas.Gidon Kremer, der in Lettland geboren ist, wundert auch heute manchmal noch, daß er den Zugang dazu gefunden hat: "Ich war fasziniert von Piazzolla als Musiker, als Spieler, als Erscheinung auf der Bühne.In Argentinien habe ich meine freie Zeit immer dazu benutzt, in Tango-Cafés zu gehen.Ich habe Dutzende von Tango-Komponisten erlebt, Piazzolla war immer um Klassen besser.Er hat eine persönliche Stimme.Das ist mir überhaupt von großem Wert, auch bei Schriftstellern, Malern und Interpreten." Bei Piazzollas Musik könne man eben die Erfahrung eines Menschen, eines Lebens spüren.Eine Erfahrung, die gleichzeitig traurig und froh macht."Es kommen extrem gegensätzliche Gefühle zusammen, ganz ähnlich wie bei Schubert.Ich kenne wenige Komponisten, wo man das so leidenschaftlich fühlen kann." In Interpretationsfragen verließ sich Gidon Kremer dabei hauptsächlich auf seine Intuition.Manches lernte er von den Schallplatten Piazzollas.Er suchte sich Musiker, diskutierte mit ihnen.Und er probierte verschiedene Besetzungen aus.Auf seiner November-Tournee und der gerade erschienenen CD spielen: Per Arne Glorvigen als Bandoneonist, Vadim Sakharov als Pianist, Alois Posch als Kontrabassist und weitere Künstler."Inzwischen hat sich aber unsere Sicht auf die Werke schon verändert.Wir spielen nicht nur das, was wir aufgenommen haben, sondern wir entwickeln es weiter und suchen nach Neuem." Dabei geht es, nach Piazzollas Worten, nicht um Improvisation, sondern um Freiheit des Ausdrucks.Gidon Kremer nutzt diese Freiheit; seine "Hommage à Piazzolla" ist keine Kopie des Originals, seine Persönlichkeit soll darin zum Ausdruck kommen: "Tatsächlich entschädigt Piazzollas Musik mich für sehr viele harte Stunden Arbeit auf meinem Instrument."ELISABETH RICHTERHeute, 22.November, Haus der Kulturen der Welt, 20 Uhr.

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