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KAMMERMUSIKSAAL Rudolf Buchbinder spielt alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven.

FREDERIK HANSSEN

Natürlich ist die Sache ein gewagtes Unterfangen. Berlin ist eine laute Stadt – und phonstark lieben es die Leute hier auch in der Kultur. Da soll es schon die ganz große Oper sein oder zumindest eine Hundertschaft auf dem Konzertpodium. Klavierspieler, die Soloprogramme anbieten, haben es da schwer. So wie die gesamte Kammermusik. Wie oft bleibt der Saal selbst bei exquisiten Künstlern in Berlin halb leer. Unter den Pianisten hat allein Andras Schiff, der Pianopoet, eine eingeschworene Fangemeinde, die auch bei Werkzyklen für "Ausverkauft!"-Schilder an der Kasse sorgt. Und natürlich - am anderen Ende des stilistischen Spektrums - Daniel Barenboim. Aber der ist als Originalgenie ja immer ein Ereignis.

Warum, kann man andererseits fragen, soll in der Mitte zwischen diesen Extremen nicht auch Platz sein für Rudolf Buchbinder? Seit fünf Jahrzehnten wird der Österreicher als Interpret mit dem Spezialgebiet „Wiener Klassik“ geschätzt, regelmäßig gastiert er in den bedeutenden Musikzentren rund um den Globus. Dennoch haben diverse Veranstalter dankend abgelehnt, als Buchbinder verkündete, sämtliche 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens in Berlin spielen zu wollen. Sieben monothematische Abende – das erschien ihnen dann doch zu riskant. Dabei hat Buchbinder den Zyklus bereits in 40 Städten präsentiert. Schließlich griff „First Classics“ zu, ein Zusammenschluss zweier süddeutscher Konzertdirektionen, die gerade versuchen, sich ein Plätzchen im Berliner Markt zu erobern. Am 12. Dezember geht es los.

Mit Beethoven ist der 1946 geborene Buchbinder länger liiert als mit seiner Ehefrau. Im zarten Alter von zehn Jahren debütiere er mit Beethovens 1. Klavierkonzert im Wiener Musikverein, zweimal hat er die 32 Sonaten schon eingespielt. So großartig die Stücke sind – kann man wirklich nicht genug von ihnen bekommen? Und wie ist es mit dem Risiko der Routine?

Wer mit dem Pianisten ins Gespräch kommt, merkt schnell, wie ernst er den Gegenstand seiner lebenslangen Bemühungen immer noch nimmt. Er redet sich sofort in Rage, während er unablässig in den Noten blättert und Beispiele auf der Tastatur anschlägt. Hinter den beiden Steinway-Flügeln, die in Buchbinders Arbeitszimmer stehen, ragt eine riesige Regalwand auf. Drei Dutzend verschiedene Ausgaben der Beethoven-Sonaten besitzt der Pianist. Und benutzt sie auch.

Zumeist jedoch zu seinem Missvergnügen. Denn die meisten Herausgeber sind in seinen Augen Gauner, die willkürlich in den Stücken herumpfuschen. Zum Beispiel, um den Komponisten zu verbessern, der ihrer Meinung nach diese oder jene Vortragsbezeichnung „vergessen“ hat. Richtig wütend können ihn auch die zu vermeintlichen Spielerleichterung eingefügten Fingersätze machen: „Oft erzwingen diese Vorgaben nur falsche Betonungen!“ Als Interpret ist er im Laufe der Jahre übrigens nicht immer dogmatischer geworden, sondern immer freier. „Wer die Noten genau liest, erkennt, wie Beethoven die Spieler ermutigt, sich Freiheiten zu nehmen. Für mich ist er der romantischste Komponist.“

Wenn Rudolf Buchbinder die Sonaten in zyklischer Form aufführt, verzichtet er übrigens bewusst auf eine historisch-chronologische Abfolge. So wird er zum Start am 12. Dezember neben den frühen Opus 2/1 und 14/2 auch Werke aus der mittleren Periode spielen, nämlich die „Sturm“- und die „Jagd“-Sonate sowie die Opus 27/1. „Diese Kontrastdramaturgie hat sich bewährt“, erklärt er, „weil sie fürs Publikum viel interessanter ist.“ Lediglich die letzten drei Sonaten Opus 109, 110 und 111 reserviert der Pianist stets für den Abschlussabend. „Die spiele ich ohne Pause hintereinander. Und ohne Zugabe – denn was kann danach noch kommen?!" FREDERIK HANSSEN

12.12., 20 Uhr. Am 7. 12. tritt Buchbinder zudem mit dem Orchester der Komischen Oper auf.

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