Zeitung Heute : Die Freiheit, ein Traum

HANS-JÖRG ROTHER

Zanussi und das Filmstudio "TOR" im Polnischen Kulturinstitut Ein respektvolles Raunen des Publikums ist Krzysztof Zanussi noch immer sicher, wenn er in den überwiegend von seinen Landsleuten gefüllten Saal des Polnischen Kulturinstituts eintritt.Dank 18 oft auch international erfolgreichen Spielfilmen und zahlreichen Fernseharbeiten gehört der 57jährige heute neben Wajda zu den wichtigsten Regisseuren seines Landes.Werke wie "Die Struktur des Kristalls" (1969), "Illumination" (1973) und "Spirale" (1978) waren Kristallisationspunkte der intellektuellen Debatten jener Zeit, konfrontierten sie doch den sozialistischen Scheinoptimismus mit tiefen Zweifeln vor allem junger Wissenschaftler an sich und den Chancen der Vernunft. Sein vorletzter Film "Cwal" (In vollem Galopp, 1995) soll Rückschau auf "die komischen, schrecklichen fünfziger Jahre" halten, verspricht Zanussi.Gleich darauf sehen die Zuschauer ihn als etwa zwölfjährigen Steppke wieder, dessen Vater auf der "falschen" Seite gegen die Okkupation gekämpft hat und darum in England bleiben muß.Die überforderte Mutter schickt Hubert zu einer angeblichen Tante nach Warschau, einer couragierte Person (Maja Komorowska), die sich eine Identität als kommunistische Widerstandskämpferin zurechtgelegt hat und sich auf abenteuerliche Weise zu behaupten versucht - vor allem bei dem als "bourgeois" verpönten Pferdesport, an dem Hubert nun lebhaften Anteil haben darf.Sein Vorsatz, über die Ostsee zum Vater in die Freiheit zu gelangen, bleibt indessen ein Traum. Zanussi bringt sich nicht nur als aufgeweckter Junge auf die Leinwand.Nachdem Tante Idalia aus dem Bild geschwunden ist, erscheint er selbst vor der Kamera und stellt launig die Personnage des Films noch einmal vor.So etwas kann nur wagen, wer sich der Ausstrahlung seiner Person (allzu) sicher ist.Vielleicht soll die private Geste verdecken, daß es dem durchaus unterhaltsamen Film an einem zwingenden Grund fehlt.Vor 20 Jahren hätte der Stoff brisant geknistert.Heute ist es leicht, über die Ehrenwachen am Bild des toten Generalissimus zu lachen, besonders wenn man im Stalinismus, wie Zaussi, nur noch einen Gegenstand des Witzes sehen kann."Cwal" geht den Versuchungen der Vergangenheit kaum ernsthaft nach, sondern setzt eine schmeichelhafte biographische Legende in Szene. Die Ironie will es, daß der jüngste Film des von Zanussi geführten Studios "TOR" leider der schwächste in dieser höchst aufregenden Retrospektive wurde."Zurück in die Zukunft" - das Motto der acht Werke umfassenden Reihe scheint andeuten zu wollen, wo die bleibenden Leistungen des von "TOR" mitgeprägten polnischen Kinos der siebziger und achtziger Jahre zu suchen sind: unter den frühen Arbeiten Zanussis, im Werk der bei uns weniger bekannten Zebrowski, Marczewski oder Krauze, nicht zuletzt bei Kie¿slowski, dessen Geschichte "Der Filmamateur" am Donnerstag (20 Uhr) den Abschluß des Programms bildet.Ein Höhepunkt verspricht auch Filip Bajons dreistündige Chronik einer deutsch-polnischen Adelsfamilie in Oberschlesien zu werden, die sich erst der besonderen Gunst Wilhelm II.erfreute, deren Oberhaupt später aber - als polnischer Bürger! - mit finanziellen Zuwendungen an Hitler den Untergang seines Bergwerksunternehmens vorantrieb."Magnat" (1987) wagt sich auf glattes historisches Terrain und schwelgt in Bildern lasziver Dekadenz, um dann, in an Visconti erinnernder Manier, plötzlich Zeitbilder von dramatischer Prägnanz zu entfalten (Mittwoch, 20 Uhr). Das polnische Kino von gestern ist erstaunlich jung geblieben, weil es menschliche Existenzprobleme zu erschließen vermochte.Zerrissene polnische Herzen aber standen den deutschen schon immer nahe.Derzeit sieht die Situation des polnischen Kinos bedrohlich aus, weil das staatliche Fernsehen, die letzte Stütze, seine Zuwendungen erheblich kürzen will und ein Filmgesetz, das von jeder verkauften Kinokarte zehn Prozent einem nationalen Filmfonds zuführen soll, noch immer nicht verabschiedet wurde.Darauf warten nicht zuletzt die ersten unabhängigen Produzenten, die schon jetzt energisch den Puls der Zeit zu treffen suchen.HANS-JÖRG ROTHER

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