Zeitung Heute : Die Freischwimmerin

Frank Bachner[Athen]

Der Wind ist ein Problem. Er weht heftig durch den Pool des Olympia-Schwimmzentrums in Athen, im Wasser bilden sich Wellen. Manchmal bauen sie sich wie kleine Wände vor den Schwimmern auf. Franziska van Almsick mag keine Wellen.

Sie musste sich erst daran gewöhnen, gestern morgen auf Bahn fünf, im letzten Vorlauf über 200 Meter Freistil. Aber natürlich ist sie dann doch klargekommen mit den Wellen, sie wurde Vorlauf-Neunte. Dann steht sie vor den ganzen Journalisten und blinzelt in die Sonne. „Ins Halbfinale wäre ich auch mit einem Bänderanriss reingerutscht“, sagt sie. Und wenn doch nicht? Wenn die Katastrophe passiert wäre: Ausscheiden im Vorlauf? Da dreht Franziska van Almsick ihren Kopf zur Seite, ihre Stimme wird für einen Moment höher. „Dann“, platzt es aus ihr heraus, „wäre ich gestorben.“

Wird das auch so sein, wenn sie am Dienstag im Endlauf nur Fünfte wird, nachdem sie gestern Abend auch noch das Halbfinale überstand? Als ob es in ihrem Fall große Abstufungen des Leidens gäbe. In Wirklichkeit zählt für sie, sportlich gesehen, nur eins: Gold. Der Olympiasieg über 200 Meter Freistil. Der Triumph auf jener Strecke, auf der sie 1994 Weltmeisterin wurde, danach zweimal Olympia-Zweite und zweimal Weltrekord schwamm. Bis heute ist keine Frau auf der Welt über 200 Meter Freistil schneller geschwommen. „Ich will Gold“, hat sie vor Olympia mehrmals gesagt. Heute Abend, 19 Uhr 04, steht fest, ob sie ihren größten Triumph erreicht hat.

Franziska van Almsick schwimmt nie nur für sich. Sie schwimmt für Millionen Sportfans, die glauben, Rechte an ihr zu haben. Weil Franziska van Almsick ein Star ist. So jemand hat Wünsche und Erwartungen zu erfüllen, schließlich widmet man so jemandem auch Emotionen. Aber jetzt fängt das Publikum an, um das Gold zu bangen, das van Almsick quasi im nationalen Auftrag zu gewinnen hat. Sie ist in Athen in der 4-x-100-Meter-Freistil-Staffel schlecht geschwommen, ihr Auftritt habe die Bronzemedaille gekostet, schreiben die Boulevardzeitungen. Und keiner weiß, wie verunsichert sie jetzt ist, kurz vor dem großen Rennen. Ach, die Staffel, sagt sie, „die habe ich am gleichen Abend noch abgehakt“. Wirklich? Warum sagt sie dann aber plötzlich: „Ihr Journalisten träumt von Gold, aber ich von einer Medaille.“ Erst als sie merkt, wie gespenstisch dieser Satz wirkt, korrigiert sie sich. Eher zögernd schiebt sie nach. „Ich träume auch von Gold, ja.“

Der Druck auf sie ist grausam. Sie ist jetzt 26, aber sie hat immer noch nicht gelernt, mit dem Druck umzugehen. Aber wahrscheinlich geht das auch kaum bei einer Frau, die nichts lieber wäre als ein mäßig bekannter Mensch, der sich halbwegs normal durch den Alltag kämpft und zufällig gut schwimmen kann. Aber van Almsick wird öffentlich in Rollen gepresst, die wenig mit ihr zu tun haben. Als Jugendliche war sie die kesse Göre und schnuckelige Senkrechtstarterin. Oder die launische Jungmillionärin. Jetzt gilt sie als erotisches Model. Oder als übergewichtiges, trainingsfaules Auslaufmodell. Und natürlich zählen seit Jahren nur Siege. „Niemand kam und sagte: Hey, auch wenn du verloren hast, bist du die nette Franzi“, klagt sie. Sie kennt nichts anderes als diese Zerrbilder. Die Vergötterte. Die Versagerin.

Zeitweise sah es so aus, als würde sie an diesem Druck zerbrechen. 1995, die Europameisterschaften in Wien. Van Almsick verpasst den Endlauf über 200 Meter Freistil. Das gleiche Debakel wie bei der Weltmeisterschaft in Rom, ein Jahr zuvor. Damals trat noch die Magdeburgerin Dagmar Hase ihren Finalplatz an van Almsick ab. Die wurde dann mit Weltrekord Weltmeisterin. Aber 1995 stand sie ganz allein. Die Boulevardzeitungen verhöhnten sie als tölpelhafte Wiederholungstäterin. Van Almsick versteckte sich nach dem Rennen hinter einer schwarzen Sonnenbrille und irgendwann, nach langem Zögern, gab sie der ARD ein Fernsehinterview. Sie stammelte, immer wieder brach sie ab, sie weinte. Vor Aufregung verfiel sie in ihren Berliner Dialekt, und plötzlich platzte sie heraus: „Ick will keen Superstar sein.“ Aber in Wien gewann sie dann doch noch fünf Europameistertitel, da war sie wieder die Größte.

1992 in Barcelona war ihre Silbermedaille eine Sensation. Damit begann die Franzi-Hysterie. Vier Jahre später aber, als es erneut Silber wurde, schien der zweite Platz ein Debakel. Van Almsick hatte dem öffentlichen Druck nicht stand gehalten. Sie war so aufgeregt, dass sie „am liebsten vom Startblock gestiegen und nach Hause gefahren wäre“.

Das Debakel war so groß, weil der Thron so groß war, auf dem sie saß. Ihr Management hatte mal einen Ausschnittdienst mit dem Sammeln von van-Almsick-Artikeln beauftragt. Nach wenigen Monaten kamen 12000 Artikel zusammen. Van Almsick trat bei „Wetten, dass…?“ auf, sie wurde als 16-Jährige gefragt, was sie vom Besuch „des Chinesen in Deutschland“ hält. „Welcher Chinese denn?“, fragte van Almsick. „Na, Li Peng, der Regierungschef natürlich“. Es klang wie ein Vorwurf, dass sie, die 16-Jährige, das nicht wusste. Der Mensch van Almsick war längst hinter der Übergröße van Almsick verschwunden.

Eine Übergröße erleidet keine Niederlagen. Sie stürzt ins Bodenlose. Vor Olympia 2000 waren die deutschen Schwimmer durch einen falschen Trainingsaufbau zu früh in Form. Wieder verpasste van Almsick das 200-Meter-Finale. Sie quälte sich aus dem Wasser, blieb am Beckenrand mit angewinkelten Beinen sitzen, ihr schwarzer Badeanzug glänzte im Scheinwerferlicht. Das Bild erschien am nächsten Tag auf dem Titel der „BZ“, unterlegt mit der Zeile: „Franzi van Speck, als Molch holt man kein Gold.“ Es war wie ein Schlag in die Magengrube. „Sie hat Jahre gebraucht, um die Dinge rund um Sydney zu verarbeiten“, sagt van Almsicks Managerin Regine Eichhorn.

Zwei Jahre später sitzt sie wieder auf dem Thron. Und diesmal ist er so groß wie nie zuvor. Europameisterschaft 2002 in Berlin. Das Finale über 200 Meter Freistil. Van Almsick schwimmt wie im Rausch, sie gewinnt, sie schwimmt Weltrekord, sie bricht auf dem Weg in die Umkleidekabine vor Millionen Fernsehzuschauern zusammen. Der Wechsel zwischen Verdammung und Vergötterung ist wieder mal zu viel für sie.

Sie arbeitet seit Monaten mit der Berliner Psychologin Friederike Janofske. Die hat ihren Anteil daran, dass van Almsick jetzt sagt: „Ich habe mich als Mensch verändert.“ Sie will Olympiasiegerin werden, aber sie hat immer wieder betont, dass dies jetzt ganz allein ihre Sache ist. Niemand hat Anrecht auf diesen Sieg.

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