Zeitung Heute : Die Friedensbewegung – naiv?

Warum Bosnien-Vermittler Schwarz-Schilling die Drohung mit Krieg für gerechtfertigt hält

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Was kann Deutschland für den Frieden im Irak tun?

Deutschland muss sich – vor allem als Vorsitzender des UNWeltsicherheitsrats – bemühen, eine gemeinsame Linie zwischen den USA, Europa und den UN-Inspekteuren herzustellen. Das ist eine sehr komplizierte Sache. Leider ist unser Verhältnis zu den USA im Augenblick sehr belastet. Wir müssen versuchen, die USA unserer Auffassung näher zu bringen, dass eine Intervention nur nach völkerrechtlichen Maßstäben geschehen darf.

Die Friedensbewegung hat erklärt, sie sei gegen einen Krieg, egal ob mit oder ohne UN-Mandat. Was halten Sie von einer solchen Position?

Gar nichts. Sie ist absolut destruktiv. Wir können nicht eine Weltordnung aufbauen mit UN und Sicherheitsrat, wenn wir uns im entscheidenden Augenblick heraushalten. Das ist die Ordnung des Dschungels, der Stärkere agiert alleine. Wir erwarten von den USA, dass sie ihre Aktionen mit den Vereinten Nationen abstimmen. Dann müssen auch wir mit uns reden lassen, ob nicht unter bestimmten Umständen doch ein Krieg gerechtfertigt ist. Sonst hätten alle Diktaturen künftig freie Hand.

Sie haben den Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher erlebt. Sie wissen, was Krieg bedeutet.

Der Zweite Weltkrieg ist mit einem möglichen Irak-Krieg nicht vergleichbar. Ein Krieg über viele Jahre hinweg steht dort gar nicht zur Debatte. Aber wenn man Diktaturen zu lange gewähren lässt, werden die Kriege immer grausamer und schlimmer. Das ist die Erfahrung der Nazizeit. Wer mit Diktatoren naiv umgeht, der zahlt hinterher doppelt und dreifach.

Sehen Sie in dem Druck auf den Irak auch einen Fortschritt für die UN-Weltordnung?

Die Staaten machen glaubhaft, dass diese Weltordnung zählt, selbst wenn wir Opfer bringen müssen. Die USA organisieren den Zeitplan zwar im Moment mehr nach militärischen und weniger nach rechtsstaatlichen Gesichtspunkten. Darüber müssen wir uns mit ihnen auseinander setzen. Aber die Erfahrung auf dem Balkan lehrt, dass wir meistens viel zu spät eingreifen. Alle Massaker dort waren schon passiert, bis der Westen endlich Militär geschickt hat. Wir greifen zu spät ein und gehen anschließend zu früh weg.

Dann müssten sich die Vereinten Nationen auch einem Irak nach Saddam Hussein gegenüber zu einer langjährigen Hilfestellung verpflichten.

Absolut. Der Balkan hat gezeigt, man braucht einen festen Willen plus unendlicher Geduld. Sonst agiert man nur wie eine Feuerwehr, die von einem Brandherd zum anderen eilt.

Die Fragen stellte Martin Gehlen.

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