Zeitung Heute : Die für 1999 geplante Verordnung für Bauwerke ist immer noch nicht fertig und stark umstritten

Ralf Schönball

Eigentlich sollte sie vor zwei Jahren in Kraft getreten sein. Doch die Mühlen des Gesetzgebers mahlen langsam. Also wurde aus der Energiesparverordnung (ENV) 1999 die ENV 2001. Doch auch dieser Termin steht auf der Kippe. Das befürchtet die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, ebenso wie Detlef Bramik, Geschäftsführender Gesellschafter der Gesellschaft für rationelle Energieverwendung (GRE). Nachdem der erste Entwurf verworfen war, steht nun der zweite Referentenentwurf zur Debatte. Neben Politikern und Umweltschützern arbeiten Unternehmen der Bauindustrie und der Energiewirtschaft an der Durchsetzung ihrer Interessen. Schließlich geht es um eine wichtige Rahmenbedingung für Bau- und Immobilieninvestitionen. Die ENV 2001 wird auch eines der viel diskutierten Themen der Fachmesse Bautec kommende Woche in Berlin.

"Bei jedem Auto und jedem Kühlschrank gibt der Hersteller den Verbrauch an, nur bei Wohnungen nicht. Hier sind wir vorsintflutlich", sagt Franziska Eichstädt-Bohlig. Zielsicher legt die Bundestagsabgeordnete den Finger auf einen wunden Punkt von Bau- und Immobilienwirtschaft: die Nebenkosten. Zwar klage die Branche regelmäßig über die steigenden Lasten durch öffentliche Abgaben wie Wasserversorgung oder Müllabfuhr. Beim größten Brocken unter den Bestandteilen der so genannten zweiten Miete, den Kosten für warmes Wasser und Heizung, da sei es der Immobilienwirtschaft bislang nicht an Transparenz gelegen.

Dabei habe es die Branche selbst in der Hand, auf diesem Feld eine Wende herbeizuführen. Das zumindest glaubt Eichstädt-Bohlig: "Geringe Wärmekosten sind doch ein Wettbewerbsvorteil." Gerade angesichts des derzeit herrschenden großen Angebots an Wohnungen stünden die Zeichen gut, um sich mit geringen Verbrauchswerten einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Dazu sei die Einführung einer "allgemeinen Energiekennzahl" das geeignete Mittel. Diese Zahl gibt den Verbrauch an Heizenergie pro Quadratmeter an.

Deren Ermittlung bereite keine großen Umstände. An der jährlichen Heizkostenabrechnung sei für jeden Haushalt der tatsächliche Verbrauch an Energie und Wärme abzulesen. Vermieter seien schon heute verpflichtet, auf dieser Grundlage am Ende des Jahres eine individuelle Abrechnung der von ihren Mietern bezahlten Vorschüsse durchzuführen. Dieser Verbrauch, dokumentiert in einer "Kennzahl", könne zu einem Kriterium für die Auswahl einer Immobilie werden: Dann stünden in den Kleinanzeigen des Immobilienmarktes dieser Zeitung neben Größe, Lage und Preis des Objektes künftig auch deren Verbrauch an Heizenergie.

Schon heute werben einzelne Anbieter von Nebauten für so genannte Fünf-Liter-Häuser. Die Zahl verweist auf den Verbrauch von Öl pro Quadratmeter und Jahr. Fünf-Liter-Häuser sind besonders gut gedämmt und so gebaut, dass keine Wärmebrücken entstehen. Doch bislang verlangt der Gesetzgeber bei Neubauten lediglich Neun-Liter-Häuser. Das entspricht einem Verbrauch von weniger als 90 Kilowatt pro Quadratmeter und Jahr, denn ein Liter Heizöl entspricht 10 Kilowatt. Die ENV 2001 soll den Wert um 10 Prozent senken, "obwohl bei Niedrigenergiehäusern 50 Kilowatt ohne weiteres möglich sind", sagt Energieexperte Bramik.

Zwar kritisiert auch die Politikerin der Grünen diese geplante, moderate Senkung des Standards im Neubau. Wichtiger ist Franziska Eichstädt-Bohlig aber die Festlegung niedrigerer Verbrauchswerte im Wohnungsbestand - und zumindest deren Ausweisung in Form einer Energiekennzahl. Der Energieverbrauch von Immobilien sei die größte Belastung für die Atmosphäre - und zwar noch vor dem Autoverkehr. Bisher schreibe die ENV 2001 keine Dokumentation von Energiekennzahlen vor. Die für die Verordnung zuständigen Bundesministerien für Bauen und Wirtschaft verwiesen darauf, dass eine verbindliche Vorschrift eine Änderung des Energiespargesetzes aus den siebziger Jahren erforderlich mache. Im Rahmen einer neuen Verordnung, wie sie derzeit in Vorbereitung ist, sei dies nicht möglich.

Die ENV 2001 erarbeiten die zuständigen Fachabteilungen der Bundesregierung. Diese legen das Schriftstück dann Lobbyisten und Interessenverbänden vor und hören deren Beurteilung an. Im nächsten Schritt muss das Papier im Bundesrat auf Zustimmung stoßen, weil die Länder für die Umsetzung der Bestimmungen zuständig sind. Schließlich hat die Europäische Kommission ein Wort mitzureden. Dies sind die Schritte auf einem für Idealisten dornigen Weg. Denn bei jeder Anhörung versuchen Bedenkenträger und Interessenvertreter ein großes Stück Klimaschutz durch ein kleines Stück Marktwirtschaft oder Betriebswirtschaft zu ersetzen. Das weiß GRE-Chef Bramik aus langjähriger Erfahrung - seit 1972 fördert der Senat seinen Verein. Daher gibt sich der Energieexperte hinsichtlich der (ökologischen) Folgen des vereinten Europas keinen Illusionen hin: "Die relativ hohen Standards in Deutschland werden auf europäischer Ebene nicht zu halten sein", sagt er.

Während im kalten Norden des Kontinents die Hersteller von Heizungstechnik bereits die eingesetzte Energie vollständig in Wärme umzuwandeln wüssten, erreichten marktgängige Geräte im sonnenverwöhnten Süden Europas Wirkungsgrade von nur 60 Prozent. Lege die Europäische Kommission sehr hohe Standards fest, fühle sich die Branche dort aus dem Markt gedrängt - daher begehrten Regionalpolitiker auf. Wo es um Marktanteile geht, stehe der Klimaschutz nicht an oberster Stelle.

Auch ein zweites Defizit der ENV 2001 sehen der Energieexperte und die Politikerin voller Sorge: Die derzeit noch in der Verordnung vorgesehene Besserstellung von Nachtspeicheröfen und dezentraler Warmwasseraufbereitung. "Tauchsieder unter dem Wasserbecken" nennt Bramik die mit Strom betriebenen Durchlauferhitzer. Deren Begünstigung durch die ENV 2001 wertet Politikerin Eichstädt-Bohlig als Erfolg der Stromwirtschaft, die sich hier neue Märkte erschließen wolle. Die Branche habe es bitter nötig, denn die Liberalisierung der Strommärkte habe zu einem starken Wettbewerb unter den Anbietern geführt. Zudem verfügten die europäischen Nachbarländer über große Kapazitäten. Deshalb seien die Preise gefallen. Neue Absatzmärkte könnten diesen Trend bremsen.

Aus ökologischer Perspektive sei es aber "absurd", der Stromwirtschaft den Steigbügel zu halten. Auch modernste Kraftwerke erzielten bei der Verstromung etwa von Öl Wirkungsgrade von um die 30 Prozent. Sogar konventionelle Ölheizungen erreichten dagegen Werte von bis zu 90 Prozent. Wer den Klimaschutz vor Augen habe, müsse daher einen Faktor von drei, besser noch von vier fordern: Wer mit Strom heize, müsse sein Haus drei bis vier mal besser isolieren, als wenn er seine Therme mit Gas oder Öl befeuert.

Das Heizen mit Strom schließen die um die Umwelt besorgten Experten also nicht aus. Daher loben sie auch einen wichtigen Ansatz der ENV 2001. Sie stelle es Architekten und Ingenieuren frei, ob sie einen niedrigeren Energieverbrauch im Haus durch effizientere Heizungssysteme oder besser gedämmte Baustoffe sowie Konstruktionen erzielen. Für Architekten und Ingenieure ergebe sich daraus ein größerer Spielraum bei der Planung - wenn der Pfusch am Bau die hehren Ziele nicht durchkreuze.

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